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„RebellComedy“: Multikulti-Gruppe mit Einsatz für Integration

Von: Marco Rose
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Aachener mit saudischen Wurzeln: Usama Elyas (32) alias Ususmango sieht sich als Vertreter einer neuen Generation von Comedians. Foto: J. Sorgalla
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Ausverkaufte Hallen und eine Sendung im WDR: Die „RebellComedy“ ist vor allem bei Jugendlichen längst Kult. Foto: RebellComedy

Aachen. Es sind fünf Minuten, die es in sich haben: „Hinter uns mein Land“ haben die Macher der „RebellComedy“ den Clip betitelt, der seit Wochen im Internet für Furore und Gänsehautgefühle sorgt. Es ist ein anrührendes Gedicht, eine Flüchtlingsgeschichte aus Sicht der Betroffenen, unterlegt mit sanfter Musik und starken Schwarz-Weiß-Fotos.

Usama Elyas (Künstlername Ususmango) und sein Freund Babak Ghassim aus Aachen sind die Gründer der schrägen Multikulti-Truppe, die längst zum Establishment der Comedy-Szene zählt. Doch dieses Stück, das die beiden für ihre jüngste Tour geschrieben haben, ist weit mehr als Comedy. Ususmango, Deutscher mit saudischen Wurzeln und Sohn des ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Nadeem Elyas, erzählt im Interview mit unserer Zeitung, wie es zu diesem poetischen Statement kam.

Ususmango, als wir uns vor mehr als zehn Jahren zum ersten Mal getroffen haben, hießen Sie noch Usama und hatten gerade Ihr erstes Hip-Hop-Album veröffentlicht. Inzwischen kennt man Sie als Mitbegründer der „RebellComedy“. Was hat Sie angetrieben?

Ususmango: Die „RebellComedy“ ist im Grunde als Studienprojekt an der FH Aachen entstanden. Was mich und Babak damals angetrieben hat, war aber die Tatsache, dass die Comedians aus dem Fernsehen einfach nicht unsere Sprache gesprochen haben – eine junge, raue Sprache. Wir haben damals eher Sachen aus dem US-amerikanischen Raum geschaut und uns gefragt: Warum gefallen uns diese Künstler so viel besser? Was ist bloß der Unterschied?

 

Und?

Ususmango: Der Unterschied war, dass niemand im deutschen Fernsehen so redete wie wir. Ausländer wurden im Fernsehen oft klischeeartig dargestellt und nachgeäfft. Damit sich ein Publikum, das gewisse Vorurteile hat, wohlfühlt und über diesen Türken, Russen oder Polen lachen darf, weil es der Comedian gerade erlaubt.

Meinen Sie Künstler wie Kaya Yanar, der seinerzeit als „Vorzeige-Türke“ immerhin seine Witze über Migranten machen durfte?

Ususmango: Kaya hat viel für die deutsche Comedy-Szene gemacht. Er war im Fernsehen sichtbar, und er war sympathisch. Das musst du als Ausländer in Deutschland erst mal schaffen! Egal wie. Nur, wir sind jetzt eine Generation weiter. Bei uns geht es darum, dass wir uns, weil wir hier aufgewachsen sind, mit diesem Land und diesem Leben identifizieren – und zwar krampflos und ohne Klischees. Du glaubst mir, wenn ich auf der Bühne bin. Ich labere keinen Quatsch! Das ist ein riesiger Unterschied. Kaya Yanar ist ein toller Typ. Wir haben ihn kennengelernt. Er ist halt eine andere Generation. Wir sind anders.

Bei Kaya Yanar hat man also noch über „den Türken“ gelacht. Bei Ihnen ist das nicht so?

Ususmango: Genau. Unser Publikum lacht mit uns! Man sollte niemals über jemanden lachen. Unser Ziel war es, ein Wohnzimmergefühl auf die Bühne zu bekommen. Und das haben wir geschafft.

Das Leben von Migranten in Deutschland ist kein Thema für Sie?

Ususmango: Eigentlich nicht. Wir machen keine Migranten-Comedy. Unsere ausländischen Wurzeln sind für uns und unser Leben selbstverständlich. Ich erzähle meine Version einer Geschichte. Wenn Du Deine Version einer Geschichte erzählst, dann kann auch Alice Schwarzer kommen und sagen: Das ist aber eine sehr männliche Sichtweise.

Harte Themen sind trotzdem Teil des Programms. Politisch korrekt sind Sie dabei nicht unbedingt.

Ususmango: Ich glaube nicht, dass die Leute das wollen. Wer etwas politisch Korrektes sehen will, der guckt nicht unbedingt Comedy. Man darf das Publikum nicht unterschätzen. Die wissen sehr genau, warum sie gerade in einer Comedy-Show sitzen. Die wissen: Sie gucken bei uns keine Nachrichten. Das Prinzip bei den harten Themen ist: Stell Dir mal vor, ich würde das gerade ernstnehmen! Verstehst Du? Meine „Vergewaltiger-Nummer“ zum Beispiel: Ich bin persönlich frustriert über die Art und Weise, wie in Deutschland teilweise mit Vergewaltigern umgegangen wird. Dass manche zum Beispiel nach sechseinhalb Jahren wieder aus dem Knast kommen – dieser ganze Quatsch. Deshalb frage ich in der Nummer: Was wäre wohl eine gerechte Strafe für einen Vergewaltiger? Wenn ein Vergewaltiger in eine Zelle mit einem anderen Vergewaltiger gesperrt wird? Damit der mal sieht, wie das so ist. Eine absurde Vorstellung. Meine eigentliche Botschaft ist nur: So, wie es jetzt ist, kann es nicht richtig sein.

Ihr jugendliches Publikum kann damit etwas anfangen?

Ususmango: Absolut! Jugendliche sind ein extrem anspruchsvolles Publikum, das sich schnell langweilt. Die sind übersättigt, sind es gewöhnt, immer schnell wegschalten zu können oder im Internet etwas anderes anzuklicken. Du kannst deshalb Dein Publikum nicht mehr auf die klassische Weise ansprechen. Ich zum Beispiel habe mir früher unter großem Aufwand Shows von Eddie Murphy und anderen US-Comedians auf Video besorgt. Heute liefert das Internet alles frei Haus.

Inzwischen suchen Sie schon wieder neue Herausforderungen. Sie sind kürzlich in Saudi-Arabien, der Heimat Ihrer Eltern aufgetreten. Mal ganz dumm gefragt: Gibt es in Saudi-Arabien überhaupt so etwas wie Comedy? Darf man dort öffentlich Witze vortragen?

Ususmango: Klar, die Vorbehalte gegen Saudi-Arabien sind enorm. Das kann man auch vereinzelt nachvollziehen. Man muss sich aber vorstellen: Die Bevölkerung dort ist sehr jung. Ein großer Teil der Menschen ist jünger als 25 Jahre. Das Land belegt Platz zwei in der Rangliste der mobilen Youtube-Nutzer weltweit. Es ist ein sehr medienaffines Land. Und seit knapp zwei Jahren gibt es in Sachen Standup-Comedy eine sehr interessante Entwicklung. Ich bin in Riad bei einer Expo im deutschen Pavillon aufgetreten. Als großes Kuriosum: der in Deutschland aufgewachsene Saudi, der auf Arabisch mit deutschem Akzent etwas Lustiges vorträgt.

Wie war das?

Ususmango: Ich habe dort das Rad nicht neu erfunden. Die Saudis fanden mich per se schon komisch. Ich bin auch in der deutschen Botschaft aufgetreten. Für mich war das eine große Herausforderung: Die deutsche Sprache habe ich ja drauf. Ich bin bei „Nightwash“ aufgetreten, beim „Quatsch Comedy Club“, bei „TV Total“. Ich habe schon viel hinbekommen. Aber all das auf Arabisch? Es war schwer, denn Comedy lebt ja von der Sprache, von der Feinfühligkeit. Es war nicht das erste Mal, dass ich mit dem Goethe-Institut unterwegs war. Zuvor war ich bereits in Ägypten auf Tour.

Wie muss ich mir das Publikum in Riad vorstellen? Männer, Frauen, Alte, Junge?

Ususmango: So banal das klingt: Es war ganz normal und extrem gemischt, auch aufgrund der Expo. Dort hat es tatsächlich auch nicht so gut funktioniert, kuriose Geschichten zu erzählen. Ich musste mehr mit dem Publikum agieren. Ab und zu habe ich dann eine Geschichte über mich und Deutschland eingestreut. Das hat schon hin und wieder funktioniert. Es war ein Experiment.

Der deutsche Außenminister Steinmeier wurde kürzlich kritisiert, weil er ein großes Fest in Saudi-Arabien besuchte. Können Sie das nachvollziehen?

Ususmango: Weniger Kommunikation ist immer schlecht. Das ist auch eine Art Embargo. Was soll es bringen, nicht miteinander zu reden? Das bringt nur noch mehr Aggressionen und Vorbehalte! Ich bin nicht so tief im Thema. Ich finde diese ganze Debatte nur etwas scheinheilig.

Hat sich Deutschland, hat sich Ihre Heimat Aachen in den vergangenen Jahren verändert?

Ususmango: Im persönlichen Umgang ist mir nichts Schlimmes widerfahren. Alltäglichen Rassismus erlebt man aber immer wieder. Die Stimmung ist schon sehr beängstigend – für viele Deutsche und für viele Ausländer, die schon lange hier leben und sich als Deutsche fühlen. Ich fürchte, dass sich unser Alltag in den kommenden 20 Jahren noch krass verändern wird. Das, was wir jetzt erleben, wird nicht spurlos an der Gesellschaft vorübergehen. Wer hätte sich früher vorstellen können, dass mit der AfD einmal eine deutsche Partei dafür werben würde, an der Grenze Menschen abzuknallen? Das ist so krass. Wer hätte gedacht, dass einmal ein Schild an einer Schwimmhalle hängen würde, welches Ausländern den Zutritt verbietet? Wer hätte gedacht, dass so etwas 2016 möglich ist? Man meint ja, das sei Satire. Aber nein, es sind die Nachrichten! Nein, das wird nicht cool! Überhaupt nicht. Das ist ein Moment, in dem man nicht mehr tatenlos zuschauen sollte.

Wie meinen Sie das?

Ususmango: Wenn man überlegt, dass gerade überall auf der Welt Kriege herrschen, dann geht es Deutschland noch verdammt gut. Und dass der Westen etwas mit diesen Kriegen zu tun hat, bestreitet wohl niemand. Es ist also nicht verwunderlich, wenn wir auch in Deutschland die Auswirkungen davon zu spüren bekommen. Wir waren eigentlich immer stolz auf dieses Land. Der braune Mob hatte hier bislang keine Chance. Aber wenn jetzt nicht auch die Bevölkerung aktiv wird, dann wird das aus den Fugen geraten.

Was unternehmen Sie als Künstler dagegen?

Ususmango: Die „RebellComedy“ hat eine Aufgabe. Wir wollen gemeinsam das Leben zelebrieren; ohne Vorbehalte. Es kam deshalb auch die Frage auf, ob wir nicht Witze über die Flüchtlingsproblematik machen wollen. Babak und ich haben lange darüber nachgedacht. Für uns stand fest: Wir wollten auf keinen Fall Witze darüber machen. Weil es dem Leid der Menschen nicht gerecht würde. Als Comedian brauchst Du viel Taktgefühl, extrem viel Taktgefühl. Du musst hart sein und trotzdem die Menschen zum Lachen bringen. Bei diesem Thema kann das nicht funktionieren. Deshalb haben Babak und ich auf der letzten Tour das Gedicht „Hinter uns mein Land“ geschrieben.

Auf Facebook ist der Clip gerade ein Renner.

Ususmango: Extrem! Sogar Gregor Gysi hat es gepostet. Verrückt. Die Entstehungsgeschichte ist auch interessant. Wir wussten: Wir sind mitten in einer Comedy-Show, es ist live. Wo soll die Nummer platziert werden? Es ist die ganze Zeit extrem lustig. Und dann das. Aber wir mussten es machen, unbedingt! Wir hatten viel Schiss vor der ersten Show, weil der Bruch so extrem ist. Aber es hat immer funktioniert. Es gab Standing Ovations im Audimax in Aachen und insgesamt viel mehr Zuspruch, als wir gedacht hatten. Es war so ergreifend. Die Leute haben zum Teil geweint. Viele haben darüber auf Twitter und Facebook berichtet.

Sie veranstalten, so sagen Sie, keine Migranten-Comedy. Trotzdem machen Sie als gläubiger Muslim Witze über Religionen?

Ususmango: Nein. Das Taktgefühl ist wie gesagt entscheidend. Ich mache Witze über mein Leben mit der Religion. Ein Beispiel: Ich erzähle, wie ich eingeladen werde und mir Alkohol und Schweinefleisch angeboten wird. Und ich weiß mal wieder nicht, was ich darauf antworten soll, ohne die Stimmung an dem Abend zu ruinieren. Wie komme ich da raus? Diese alltägliche Situation, der ganze furchtbare Krampf ist lustig, nicht die Religion.

Sie haben einmal auf Twitter zwischen den Zeilen durchblicken lassen, dass Ihr Vater nicht immer alles so witzig findet, was Sie machen?

Ususmango (lacht): Ja, das stimmt. Mein Vater stammt aus einer ganz anderen Generation.

Guckt er sich Ihre Shows an?

Ususmango: Ja, klar. Jetzt läuft sie ja auch im WDR. Und da kommt er nicht mehr daran vorbei: In seinem Alter guckt ja jeder WDR. Er sagt mir seine Meinung dazu und ist sehr offen. Ich mag das.

Wie geht es für Sie weiter?

Ususmango: Die Tour ist beendet, derzeit arbeitet jeder von uns an einem neuen Programm, an seinen neuen zwölf bis 15 Minuten. Im Oktober geht es dann schon wieder los. Der Titel des Programms lautet „Lachmatt“. Bis dahin gehen wir auf offene Bühnen und testen unser neues Material. Die Reaktionen des Publikums entscheiden dann darüber, was in die Show kommt und was nicht. Ab September machen wir Probeshows in Köln und Aachen und feilen anschließend noch einmal am Programm, bis alles für die neue Tour perfekt ist.

Sie nehmen sich künftig aber nicht gezielt politische Themen vor?

Ususmango: Das nicht. Aber manchmal beschäftigen einen manche Dinge so sehr, dass man sie einfach bearbeiten muss. Als Thilo Sarrazin zum Beispiel sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ herausgebracht hat, haben wir unser Programm ganz kurzfristig „Deutschland lacht sich schlapp“ genannt. Wir haben Sarrazin dann 15 Minuten lang so richtig fertiggemacht. Eine weitere Tour haben wir „Deutscher Frühling“ genannt, in Anspielung auf den arabischen Frühling. Nach dem Motto: Wir sind der Umschwung in der Comedy-Szene. „Lachmatt“ dagegen wird eher offen sein.

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