Alsdorf - Razzia bei Paketzusteller GLS: Der hohe Preis der billigen Pakete

Razzia bei Paketzusteller GLS: Der hohe Preis der billigen Pakete

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Die Einsatzkräfte kontrollierten fast 90 Fahrzeuge und überprüften mehr als 100 Mitarbeiter. Foto: Hauptzollamt Aachen
Hauptzollamt Aachen
Die Einsatzkräfte kontrollierten fast 90 Fahrzeuge und überprüften mehr als 100 Mitarbeiter. Foto: Hauptzollamt Aachen
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Die Einsatzkräfte kontrollierten fast 90 Fahrzeuge und überprüften mehr als 100 Mitarbeiter. Foto: Hauptzollamt Aachen
Hauptzollamt Aachen
Die Einsatzkräfte kontrollierten fast 90 Fahrzeuge und überprüften mehr als 100 Mitarbeiter. Foto: Hauptzollamt Aachen

Alsdorf. Als die Beamten um 8 Uhr bei GLS in Alsdorf auf den Hof fuhren, war ihnen klar, dass sie keine Überraschungen erleben würden. Sie wussten, wie sie vorgehen mussten, sie wussten auch, welche Dolmetscher sie brauchen würden. Sie wussten, wann die Zusteller vom Hof fahren würden und sie ahnten, welche Verstöße bei den Kontrollen festgestellt werden würden. Der Zoll hatte nichts dem Zufall überlassen. Bevor die 70 Beamten am Dienstagmorgen bei GLS auf den Hof fuhr, war dort verdeckt ermittelt worden.

Der Aachener Zoll, die Polizei und das Ausländeramt haben am Alsdorfer Standort des Paketzustellers GLS im Rahmen einer Razzia mindestens 26 Verstöße festgestellt, es geht um Sozialversicherungsbetrug, Urkundenfälschung, Einhaltung der Arbeitszeitbestimmungen, Einhaltung des Mindestlohnes und illegalen Aufenthalt. Mark Gerner, Sprecher des Hauptzollamts Aachen, erklärte am Mittwoch gegenüber unserer Zeitung, dass sich die Vorwürfe zunächst nicht gegen GLS selbst richteten, sondern gegen diverse Subunternehmer.

Wer sich mit den Arbeitsbedingungen vieler der großen Logistikkonzerne beschäftigt, taucht ein in eine Welt, deren Strukturen mafiös anmuten. Der Journalist Günter Wallraff, der vor einigen Jahren bei GLS recherchierte, sagte hinterher: „Es ist ein System, das eine Form von moderner Sklaverei mitten in Deutschland darstellt“, es handele sich um „Menschenschinderei mit System“.

Wie dieses System funktioniert, hat auch Bernd Lind erfahren, er ist Gewerkschaftssekretär bei Verdi und zwischen Aachen und Köln zuständig für Postdienste und Speditionen. Von den großen in Deutschland tätigen Paketzustellern, Hermes, DPD, DHL, UPS und GLS, sei DHL der einzige, dessen Paketzusteller sämtlich fest angestellt seien und nach Tarif bezahlt würden, sagt Lind. DHL, das muss man in diesem Zusammenhang wissen, gehört zur Deutschen Post, die bis in die 90er Jahre eine staatliche Behörde war, an der der Bund bis heute beteiligt ist.

Bei den übrigen Konzernen, Hermes, DPD, UPS und GLS, gebe es „überall Probleme mit illegaler Beschäftigung“, sagt Lind. Statt Paketzusteller fest anzustellen, würden Subunternehmer beschäftigt, also Firmen, deren Mitarbeiter die für die Auftraggeber die Paketzustellung übernehmen. Immer wieder stoße der Zoll wie am Dienstag in Alsdorf auf illegale Beschäftigte, auf massive Arbeitszeitgesetzverstöße und die systematische Umgehung des Mindestlohns.

72 Stunden in der Woche

Die Subunternehmer würden oft illegal eingereiste Menschen beschäftigen, die überhaupt nicht wissen, dass sie Anspruch auf einen Mindestlohn haben. Lind spricht von Paketzustellern, die an sechs Tagen in der Woche arbeiten, oft zwölf Stunden am Tag und mehr. Viele dieser Zusteller würden keinen festen Lohn erhalten, sondern würden pro ausgeliefertem Paket bezahlt.

Die Zusteller bezahlen einen hohen Preis dafür, dass die Konzerne den Versand der Pakete billig anbieten können.

Die Logistikkonzerne würden in den Verträgen, in denen sie die Subunternehmer mit der Paketzustellung beauftragen, auf einer Selbstverpflichtung zur Einhaltung aller gesetzlichen Vorschriften bestehen. „Damit sind die Konzerne rechtlich gesehen aus allem raus“, sagt Lind. Verdi dringe seit Jahren darauf, dass diese Konzerne in Mithaftung genommen werden, wenn es zu systematischen Regelverstößen bei ihren Subunternehmern komme. Doch passiert ist bislang nichts.

Auf Anfrage unserer Zeitung erklärte GLS am Mittwoch, man nehme die „Ergebnisse der Kontrollen sehr ernst“ und arbeite „eng mit dem Zoll zusammen“. Als „erste Maßnahmen finden Einzelgespräche mit den Transportpartnern statt, zudem wurde einigen Fahrern bereits Hausverbot erteilt“. In den vergangenen Jahren seien „kontinuierlich Prozesse und Abläufe verbessert“, seien „individuelle Maßnahmen zur Reduzierung der Arbeitszeiten der Fahrer umgesetzt“ worden. Ingesamt seien „in den letzten fünf Jahren über 50 Millionen Euro in die Systemoptimierung investiert“ worden, teilte GLS weiter mit.

Auf die Frage, warum GLS überhaupt mit Subunternehmern statt mit fest angestellten Paketzustellern arbeitet, antwortete das Unternehmen: „Unsere Transportpartner kennen ihren Markt und die Gegebenheiten vor Ort genau und disponieren direkt.“ Das „Prinzip der Arbeitsteilung“ werde „in vielen Branchen unserer Wirtschaft erfolgreich praktiziert“.

Trotz allem fanden Zoll und Polizei bei der Durchsuchung in Alsdorf einen Paketzusteller, der sich als Pole ausgab. Er hatte einen Ausweis dabei, in dem keine Angabe stimmte, auch der Ausweis selbst war eine Fälschung. Er gehörte zu denen, die die Polizei vorläufig festnahm.

Bevor die Beamten das GLS-Gelände in Alsdorf am Dienstag gegen 14 Uhr wieder verließen, fanden sie noch vier bis unters Dach mit Paketen beladene Transporter auf dem Gelände. Die Fahrzeuge waren abfahrbereit, doch vom den Fahrern fehlte jede Spur. „Wir müssen davon ausgehen, dass sich diese Fahrer durch Flucht der Kontrolle entzogen haben“, sagte Zoll-Sprecher Gerner am Mittwoch.

Die Ermittlungen haben gerade erst begonnen.

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