Rastplatz Lichtenbusch: Kurz hinter der Grenze endet die Flucht

Von: Lukas Franzen
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Fernbusse werden regelmäßig von Flüchtlingen zur Einreise genutzt. Foto: Lukas Franzen
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Am Rastplatz Lichtenbusch holt die Bundespolizei sie regelmäßig aus den Bussen. Foto: Lukas Franzen
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Vor Polizeisprecher Bernd Küppers stapeln sich die Akten mit Einzelschicksalen. Foto: Lukas Franzen

Aachen. Autobahnraststätte Lich­tenbusch: Weihnachtsstimmung kommt hier nicht auf. Grauer Himmel, Nieselregen, Autos rauschen sekündlich vorbei. Lkw-Fahrer überprüfen ihre Ladung. Die Polizei kontrolliert Autos, Kleintransporter und Busse. Sie ist auf der Suche nach Menschen, die unerlaubt nach Deutschland einreisen, zum Beispiel Flüchtlingen, aber auch Schleppern.

Seit Wochen, ja Monaten, ist dieses Bild auf der Raststätte direkt hinter der belgischen Grenze zu beobachten. An der Dienststelle der Bundespolizei steht ein blau-weißes Fahrzeug mit dem Kennzeichen „BP“ für Bundespolizei neben dem anderen. Besondere Aufmerksamkeit gilt europäischen Reisebuslinien. Die Busse starten in Portugal. Von dort aus geht es über Spanien, Frankreich und Belgien bis nach Deutschland. Letzter Halt: Hamburg.

Interessant sind die Fernbusse damit nicht nur für Touristen, son-dern eben auch für Menschen auf der Flucht, die von Südeuropa weiter nach Norden reisen wollen. Gelingt es ihnen, unbemerkt Hamburg zu erreichen, versuchen viele, sich weiter nach Skandinavien durchzuschlagen. Nach Schweden etwa, das als Musterland bei der Aufnahme und Integration von Flüchtlingen gilt.

„In den vergangen vier Wochen waren immer Personen unter den Fahrgästen, die unerlaubt einreisen wollten“, sagt Polizeisprecher Bernd Küppers. Der bisherige Rekord: 26 in einem Bus. Bernd Küppers steht in dem Besprechungsraum seiner Dienststelle am Rande der A 4 in Aachen-Lichtenbusch. Durch die Lamellen vor dem Bürofenster hat er den Bereich des Rastplatzes genau im Blick, auf dem er und seine Kollegen die Busse später kontrollieren werden. Dass auch an diesem Tag Flüchtlinge dabei sind, gilt für Küppers als sicher.

Der Polizist weiß: Der deutsch-belgische Grenzübergang liegt auf einer der beliebtesten Fluchtrouten im gesamten Bundesgebiet. Neben Rosenheim in Süddeutschland werden in Aachen derzeit die meisten unerlaubten Einreisen registriert. 2000 waren es im Vorjahr. In diesem Jahr stieg die Zahl um weitere 40 Prozent.

Während Küppers von der täglichen Arbeit und seinen Erfahrung mit Menschen auf der Flucht erzählt, fährt der erste blaue Reisebus auf dem Rastplatz vor. Weil der Rastplatz der erste auf deutscher Seite ist, legen die meisten Busse dort ohnehin eine Pause ein, so dass die Beamten ihn erst gar nicht stoppen müssen. Der Bus ist gut besetzt. Die Fahrgäste sind zwischen 16 und 40 Jahre alt. Die meisten können sich ausweisen und sind legal in Europa unterwegs, aber nicht alle. Für neun Personen, wahrscheinlich Flüchtlinge, endet die Busfahrt deswegen noch vor dem braun-weißen Autobahnschild, dass Autofahrer in Aachen willkommen heißt. Nach und nach steigen sie aus dem Bus aus und holen ihr Gepäck, sofern vorhanden, aus dem Stauraum.

Angespannt wirkt die Atmosphäre dabei nicht. Die Beamten sind ruhig und routiniert. Die neun Menschen, die sich vor dem Bus sammeln, zeigen ebenfalls keine großen Emotionen. In ihren Gesichtern: eine eigentümliche Mischung aus Erleichterung und Ungewissheit. „Die meisten sind froh, wenn sie ihr Asylbegehren endlich äußern können und sich jemand um sie kümmert“, sagt Dienstgruppenleiter Wolfgang Betz und schaut in Richtung der Neunergruppe. „In ihren Heimatländern sind die Menschen oftmals andere Dinge von der Polizei gewohnt.“ Dass dies in Deutschland anders sei, spreche sich auch bei den Flüchtlingen herum. Nur einmal reagiert ein junger Mann verärgert. Ein Spürhund der Polizei bellt und springt aggressiv hinter seinem Käfig herum, als die Gruppe in Richtung Dienststelle gebracht wird. Gut möglich, dass dabei Erinnerungen an das Militär oder die Polizei in seinem Heimatland wachwerden.

Der Bus setzt nach 20 Minuten mit neun Insassen weniger seine Reise fort. Für die Polizei beginnt nun die eigentliche Arbeit mit den unerlaubt Eingereisten: durchsuchen, Personalien feststellen, Fingerabdrücke nehmen. An diesem Tag sind Menschen aus Marokko, Niger, der Elfenbeinküste, Burkina Faso, Somalia, Guinea und – natürlich – Syrien dabei. Ein Mann aus Niger spricht gebrochenes Englisch. Für die Sprachen Französisch, Arabisch, Somalisch und Hausa, eine afrikanische Sprache, werden Dolmetscher gebraucht. Und das kann einige Stunden dauern. Es vergeht teils viel Zeit, bis die Menschen ihr Anliegen und ihre Probleme vortragen können, wenn diese nicht ohnehin schon sichtbar sind. „Für die Kollegen ist es keine einfache Situation, wenn sie Folter- oder Missbrauchsspuren zu sehen kriegen“, sagt Wolfgang Betz.

Auch drei unbegleitete Jugendliche sind unter den Flüchtlingen. Deswegen setzt sich Betz mit dem Jugendamt in Verbindung, das sich um ihre Unterbringung in Aachen kümmern wird. Die Erwachsenen sollen noch am Abend mit dem Zug weiter nach Dortmund geschickt werden, wo sich die Zentrale Ausländerbehörde, kurz ZAB, befindet. Über Funk haben die Beamten erfahren, dass heute mit keinen weiteren Reisebussen zu rechnen ist. Dafür werden in den nächsten Tagen neue Flüchtlinge kommen. So viel ist sicher.

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