Rapper Migel Tommasi: „Irgendwann erntet man Lorbeeren“

Von: Carsten Rose
Letzte Aktualisierung:
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Migel Tommasi alias Rapper Mig kann beim Rappen sein Stottern abstellen.

Aachen . Migel Tommasi, 20, hat als Teenager stark gestottert. Er hatte es deshalb in der Schule nicht leicht. Auch heute hat er noch ein Sprachproblem – nur nicht beim Rappen. Mig bringt am Sonntag sein erstes Album raus.

WirHier: Migel, Du hast früher gestottert, hast heute noch ein Sprachproblem. Wieso kannst du rappen?

Migel Tommasi: Das habe ich auch nicht verstanden. In der Klasse habe ich gestottert. Wenn ich Songs nachgerappt habe, war das kein Problem. Ich war im Flow.

WirHier: Wann hat das Stottern angefangen?

Migel: In der siebten Klasse, und dann wurden die Noten schlechter. Meine Lehrer haben sich glaube ich veräppelt gefühlt, als ich gesagt habe, ich lese die Hausaufgaben nicht vor, weil ich stottere. In den Pausen habe ich mit meinen Freunden nämlich flüssig gesprochen. Der Druck und die Aufmerksamkeit können ein Grund für das Stottern in der Klasse gewesen sein.

WirHier: Warst Du beim Logopäden?

Migel: Ja, aber es hat nicht geholfen. Er hat gesagt: Es geht schon von alleine weg, das ist nur wegen des Alters. Wir haben in vielen Stunden, die schon von der Krankenkasse bezahlt waren, größtenteils Scrabbel gespielt. Im Nachhinein habe ich mich dann belogen gefühlt, weil das Stottern eben nicht verflogen ist.

WirHier: Wann wurde es besser?

Migel: Ich habe gelernt, mir den Druck zu nehmen. Ich war früher extrem unsicher. Mit der Zeit habe ich gemerkt: Ich bin Migel, ich bin ein Charakter, ich kenn meine Werte. In der Pubertät weiß man nicht, wohin es geht. Man sucht sich selbst. Heute weiß ich: Ich habe das Problem mit dem Stottern, aber ich bin ein cooler Typ, und ich rappe gut.

WirHier: Welche Werte sind dir wichtig?

Migel: Ich bin ein ehrlicher Mensch. Wenn jemand mit mir redet, soll er auch ehrlich sein, das ist wichtig. Zuverlässigkeit auch. Ich behandele Menschen so, wie ich behandelt werden möchte.

WirHier: Hat sich das aus Deiner Jugend so entwickelt?

Migel: Das kann gut sein. Ich habe mir als kleiner Junge in der Schule mehr Verständnis von meinen Mitschülern und Lehrern erhofft. Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass sie gar nicht nachvollziehen konnten wie es mir geht. Wenn andere reden wie ich rede, dann muss ich auch schmunzeln – weil es sich echt lustig anhört. So schlimm es auch ist.

WirHier: Wie bist Du zum Rap gekommen?

Migel: Ich habe mit acht Jahren schon Straßenrap gehört. Der Inhalt hat nicht zu mir gepasst, ich war ein kleiner Junge, der nichts mit Drogen zu tun hatte. Wirklich professionell angefangen mit der Musik habe ich erst vor einem Jahr. Heute bin ich Fan von Motrip.

WirHier: Das hört man in einem deiner Songs.

Migel: Ja, es gibt die Zeile „Ich mache das Ding hier so lange, bis ich irgendwann mein Feature mit Motrip habe“.

WirHier: Der Song, den du meinst, heißt „Gangsterfilm“. Der Name und das Video wirken wie Teenie-Rap.

Migel: Als ich nach Aachen kam, hatte ich das Gefühl, dass jeder Rapper hier nur „Gangstermusik“ macht und einen „Gangsterfilm“ fährt, weil in jedem Song steht, wie schlecht das Leben ist. Ich konzentriere mich auf die positiven Dinge. Ich fahre halt keinen „Gangsterfilm“ und habe den Song extra so genannt, weil ich viel mit dem Klischee spiele. Ich habe schwarze Haare, einen Bart, spreche nicht so intellektuell. Ich habe den Titel und das Video gewählt, um zu polarisieren.

WirHier: Der Song „Irgendwann“ ist authentischer.

Migel: Ich habe oft auf die letzten Jahre zurückgeschaut. Auf dem Gymnasium habe ich gefühlt immer nach unten geguckt, alles verdrängt, ich war nicht präsent. Ich hätte mich darauf ausruhen können und sagen: Ich kann das nicht. Ich kann aber auch an mir arbeiten, jeden Tag. Mit jedem Gespräch. Ich habe mir gesagt: Ich habe_SSRqs in der Hand, ich kann das ändern – und dann bin ich freiwillig aufs Berufskolleg gewechselt. Irgendwann kann ich sagen: Früher war das zwar so, jetzt ist aber alles super.

WirHier: Du hast vor dem Interview gesagt, dass Du hast Angst vor Kameras und Auftritten hast. Baust Du Dir den Druck bewusst auf?

Migel: Ganz genau. Ich möchte aus der Komfortzone herauskommen. Ich möchte an mir selbst arbeiten und meine Persönlichkeit entwickeln. Ich möchte nicht stehenbleiben. Irgendwann erntet man Lorbeeren. Und dann kann man echt zufrieden sein.

WirHier: Hast Du einen Tipp für Jüngere, denen es geht oder ging wie dir?

Migel: Man braucht Fehler nicht bei anderen suchen, man sollte eigentlich überhaupt keine Fehler suchen. Es gibt wenige Dinge, die vom Leben festgeschrieben sind. Jeder kann an seiner Zufriedenheit arbeiten.

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