Radreise: Wie viel Freiheit hält man aus?

Von: Beatrix Oprée
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In Indien hat Philipp Groten ein Sozialprojekt unterstützt, nachdem er mit dem Fahrrad unter anderem den gebirgigen Norden Pakistans und weite Landschaften in der Osttürkei durchquert hatte. Lateinamerika ist sein neues Ziel – per Rad und Segelboot. Foto: Beatrix Oprée
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Unbezahlbares Kinderlachen: In Indien hat Philipp Groten ein Sozialprojekt unterstützt, nachdem er mit dem Fahrrad unter anderem den gebirgigen Norden Pakistans und weite Landschaften in der Osttürkei durchquert hatte. Lateinamerika ist sein neues Ziel – per Rad und Segelboot. Foto: Philipp Groten
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In Indien hat Philipp Groten ein Sozialprojekt unterstützt, nachdem er mit dem Fahrrad unter anderem den gebirgigen Norden Pakistans und weite Landschaften in der Osttürkei durchquert hatte. Foto: Philipp Groten
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In Indien hat Philipp Groten ein Sozialprojekt unterstützt. Nachdem er per Rad etwa Serpentinen in der Türkei gemeistert und den gebirgigen Norden Pakistans durchquert hatte. Lateinamerika ist sein neues Ziel – per Rad und Segelboot. Foto: Philipp Groten

Region. Philipp Groten hat die Welt längst erobert. Er ist mit dem Rad durch 13 Länder hindurch bis nach Indien gefahren, über die legendäre Seidenstraße. 8583 Kilometer weit, 154 Tage lang. Ziel und Zeitplan waren definiert und wurden trotz eines Unfalls, „siebeneinhalb“ platten Reifen, 711 Insektenstichen und einem Umweg um den Süden Afghanistans herum letztlich auch eingehalten.

Vom Bekannten ins Unbekannte ist er geglitten, wie er selbst es ausdrückt. Er hat fremde Kulturen aufgesogen, großartige Menschen kennengelernt, Gastfreundschaft und Warmherzigkeit erlebt. Waisenkindern in Varanasi (Benares) Lebensfreude zu bringen und damit den Verein „Back to Life“ zu unterstützen, der sich dem Kampf gegen Lepra und Armut in Indien und Nepal widmet, war damals sein Ziel. Unvergesslich die Begegnungen, unbezahlbar das Kinderlachen.

Das Mensch-Sein ergründen

Die Reise seines Lebens – am Scheideweg zwischen Studienabschluss und Start in den Beruf? Offenbar noch nicht ganz. Denn es zieht den Herzogenrather – fünf Jahre später und mittlerweile 32 – wieder hinaus, „zurück in die unroutinierbare Routine des Reisens“. Ein ganzes Jahr möchte er investieren, um herauszufinden, „was mir die Welt anbietet, wenn ich mich ihr voll und ganz anvertraue“.

Klingt schwer nach Selbsterfahrungstrip… „Natürlich ist es immer gut, sich ab und zu selbst zu norden“, sagt Groten. „Zu sehen, wo man steht im Leben.“ Doch es geht ihm um viel mehr. Um das Mensch-Sein an sich. Herauszufinden, wie viel Freiheit man aushält. Oder anders gesagt: Wie viel Kontrolle und Sicherheit man braucht. Und was den Menschen dazu bringt, sich zu verändern – „entweder drückt es einen, oder es zieht einen“.

Oder beides zusammen. Philipp Groten ist jemand, der konsequent reagiert, wenn Realität und die eigene Idee vom Leben nicht mehr korrespondieren. Einer, der Maschinenbau studierte und dann zur Sportgerätetechnik wechselte, „um an der Schnittstelle zum Menschen zu sein“, ihnen beispielsweise die passenden Schuhe für ihren Sport oder aber eine geeignete Prothese zu fertigen. In einem Fahrradprüflabor in Ludwigsburg hat er schließlich gearbeitet. Aber Maschinen geben kein Feedback.

Nach zwei Yoga-Ausbildungen, unter anderem in Indien, machte er sich nebenher als Yoga-Lehrer selbstständig. „Doch wenn man wirklich erfolgreich sein will, ist dieser Job sehr aufwendig.“

Gleichzeitig war er zuletzt freiberuflich für eine Firma in Stuttgart tätig, die Geräte zum Scannen von Füßen entwickelt. Hersteller von Maß- und von Skischuhen nutzen diese. Einblicke in eine riesige Datenbank mit Fußmaßen hatte er und dabei gelernt: Es gibt europäische, amerikanische, asiatische Füße. „Füße sind unser Kontakt zum Boden“, sagt Philipp. „Für diese Firma zu arbeiten, war also wieder eine Art Bewusstseinsförderung.“ Letztlich auch eine Entscheidungsfindung: „Als Ingenieur habe ich festgestellt, dass ich langfristig nur noch mit Menschen arbeiten will.“ Mit ganzheitlichem Ansatz, im Sinne der Umwelt: „Es ist schön, Produkte zu haben, die nachhaltig produziert wurden. Aber es muss auch ein Bewusstsein in die Welt getragen werden, dass man nicht jedes Jahr eine neue Jacke braucht!“

So ist auch Philipps neue Reise dem unbedingten Willen unterworfen, den eigenen ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich zu halten. Mit einem instandgesetzten 18 Jahre alten Fahrrad, vom Patenonkel übernommen, der es eigentlich wegwerfen wollte, wird er sich am 20. August vom Haus seiner Eltern in Herzogenrath-Noppenberg aus auf den Weg machen. Nur mit dem Allernötigsten und vor allem nichts eigens für die Reise Gekauftem in den fünf Packtaschen. „Freiheit beginnt nicht, weil ich mir ein 4000 Euro teures Fahrrad leisten kann!“, sagt Philipp. Einziger Luxusgegenstand im Gepäck: seine Gitarre.

Vom Wind treiben lassen

Und das Ziel? „Ein Bild von der Einsamkeit Patagoniens im Kopf.“ Will heißen: der südlichste Zipfel Lateinamerikas, auf dem Landweg gar nicht zu erreichen. Mit einem Segelboot aber schon. So setzt Philipp auf das Glück, eine geeignete Mitsegel-Gelegenheit zu finden, wenn ihn seine erste große Reiseetappe mit dem Rad zunächst einmal zum südlichsten Punkt Europas geführt hat. „Die meisten Schiffe über den Atlantik kommen an Gibraltar vorbei“, sagt er und hat bewusst noch keinen Törn über eines der einschlägigen Foren im Internet gebucht.

Das Bauchgefühl vor Ort soll entscheiden. Denn jedes Team auf hoher See ist in einer Ausnahmesituation, da muss die Chemie unter den Mitreisenden stimmen. „Wenn es nicht passt, mache ich es nicht.“ Dann kann es sein, dass Philipp die angepeilte Einsamkeit Patagoniens an einem ganz anderen Ort auf der Erde findet. Und damit der wahren Freiheit des Reisens auf die Spur kommt.

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