Radikalisierung im Gefängnis: Ausgrenzung bringt viele Gefahren

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Die Jugendhaftanstalt Heinsberg aus der Luft gesehen: Etwa 400 junge Männer verbüßen dort ihre Strafen. Die Leitung des Gefängnisses sieht diese Zeit vor allem als Erziehungsauftrag, während dem es gilt, die Radikalisierung der Häftlinge zu verhindern. Foto: Archiv, Bornefeld
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Die Haftzeit nicht einfach nur absitzen: Franz-Josef Bischofs, stellvertretender Leiter der JVA Heinsberg.

Heinsberg. Für die fünf Insassen der Justizvollzuganstalt Heinsberg ist der Gefängnisaufenthalt prägend, vielleicht sogar einschneidend. Auf der Seite „podknast.de“ berichten sie von ihren Gefühlen, wenn sich die Zellentür schließt. Von dem Gefühl, „sterben zu müssen“, ist die Rede.

Sie vermissen die Familie, die Freundin, die Freiheit. Sie fühlen sich allein gelassen. „Da ist niemand, mit dem man über seine Probleme reden kann.“ Zumindest diese fünf scheinen ihr Leben ändern zu wollen. „Knast ist eine leidvolle Erfahrung“, sagt Udo Freywald, Leiter der Bewährungshilfe im Kreis Düren.

Gleichzeitig kommen zunehmend mehr junge Männer radikalisiert aus dem Gefängnis. Dschihadisten reisen nach der Haftentlassung in Kampfgebiete im Nahen Osten, um die Terror-Vereinigung Islamischer Staat zu unterstützen. Aber auch rechtsradikale Gesinnung scheint im Knast auf fruchtbaren Boden zu fallen.

„Sie sind für radikale Gesinnungen sehr empfänglich“, sagt Mona Oellers. Sie ist Anti-Gewalt-Trainerin, die mit Inhaftierten gearbeitet hat. Das liege zum einen an der Langeweile im Knast, aber auch an der ablehnenden Haltung der Gesellschaft. „Radikale Gruppierungen akzeptieren diese Menschen so, wie sie sind, und sie geben ihnen eine Aufgabe.“ Ihre früh durch die Familie, Freunde, aber auch Medien initialisierte Strategie, Probleme mit Gewalt zu lösen, wird weder von Rechtsradikalen noch von Islamisten abgelehnt, sondern mit einem höheren Ziel verbunden. „Letzte Skrupel werden ausgeknipst“, sagt Oellers. Menschen zu erniedrigen gebe ihnen das Gefühl der absoluten Macht.

In welche Richtung sich die Jugendlichen radikalisieren, ist dabei eher Zufall. „Weil ihnen die Wertevermittler gefehlt haben, ist ihr Wunsch nach Orientierung so groß. Sie lassen sich schnell beeindrucken“, sagt Freywald. „Letztlich macht ihnen Gesellschaft und Politik auch nichts anderes vor.“ Bei den großen Dingen werde immer wieder Gewalt als Option gesehen, Probleme zu lösen.

Nun ist es nicht so, dass wegen Körperverletzung, Totschlages oder Mordes inhaftierte Jugendliche einfach ihre Haftzeit absitzen, um nahtlos dort anzuknüpfen, wo sie aufgehört haben. „Wir haben vor allem auch einen Erziehungsauftrag“, sagt der stellvertretende Leiter der JVA Heinsberg, Franz-Josef Bischofs. Gut 400 Menschen, 14 bis etwa 24 Jahre alte Jungen und Männer, sitzen in Heinsberg ein. „Gewalt wird nicht toleriert“, sagt Bischofs. Gehe das Maß über jugendtypischen Rangeleien hinaus, werde sanktioniert. Das Strafspektrum reiche vom Entzug von Privilegien wie private Kleidung oder den Fernseher auf der Zelle bis zu Strafanträgen.

31 Verfahren wurden im vergangenen Jahr laut Staatsanwaltschaft Aachen wegen Straftaten in der JVA Heinsberg eingeleitet. „Allerdings verstecken sich darunter auch andere Vergehen, zum Beispiel wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz“, sagt Jost Schützeberg, Sprecher der Aachener Staatsanwaltschaft. „Erfahrungsgemäß überwiegen die Gewaltdelikte.“

Besonders Gewaltverbrechern wird nahegelegt, während ihrer Haft- oder Bewährungszeit an Anti-Gewalt-Trainings teilzunehmen. „95 Prozent der Jungs nehmen dieses Angebot an. Aber wir können sie nicht zwingen. Alle sozialen Trainingsangebote funktionieren nur bei Freiwilligkeit“, sagt Bischofs.

Das bestätigt Anti-Gewalt-Trainerin Oellers ebenso wie die Wirksamkeit dieser Trainings. Und doch sieht sie viele Möglichkeiten ungenutzt: „In der Regel sieht ein Gefangener den Sozialpädagogen einmal im Monat – und das in dieser Extremsituation.“ Nach der Entlassung sei es kaum besser. „Sie kommen mit den besten Absichten heraus, aber scheitern schnell, weil sie eben keine anderen Freunde haben, weil ihnen kein Betrieb eine Chance auf eine Ausbildung gibt, weil sie ihre Trainer und Bewährungshelfer nur sehr zeitlich begrenzt an die Seite bekommen.“

Auch wenn Freywald ebenfalls die Ausgrenzung von Straftätern als Gefahr für deren Resozialisierung sieht, die Chancen auf ein gesellschaftskonformes Leben bewertet er nicht so schlecht. „Wir arbeiten mit unseren Klienten daran, auf die eigenen Kräfte zu schauen und Eigenverantwortung zu entwickeln. Dein Handeln wird gemessen, aber du hast die Macht über dein Handeln“, fasst er das Ziel zusammen. In zwei Jahren, also in der durchschnittlichen Betreuungsdauer von Jugendlichen, könne man schon vieles erreichen. Und ein Rückfall sei schließlich auch eine Chance, die Arbeit fortzuführen.

Die Bewährungshilfe Düren ist zuständig für 1000 Klienten, jeder Bewährungshelfer betreut im Schnitt 80 Straftäter jeden Alters. Bei Jugendlichen und vorzeitig Entlassenen ist Bewährungshilfe obligatorisch, bei Erwachsenen entscheidet der Richter. Die Häufigkeit der Treffen richtet sich nach dem Bedarf. Freiwillig kann ein Straftäter keine Bewährungshilfe in Anspruch nehmen.

Aber ist es jemandem zu verdenken, wenn er keinen Mörder oder Totschläger in seiner Umgebung haben will? Oellers würde viel lieber schon bei Grundschülern ansetzen, und auch Freywald sieht den besten Schutz in stärkerer Prävention. „Wir kommen erst, wenn es schon zu spät ist.“ Sozialkompetenz als festes Schulfach in den Unterricht zu integrieren, das ist Oellers Vision. Denn häufig sind die Täter von morgen Opfer von heute.

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