Rachemord: Wenn Indizien Beweise ersetzen müssen

Von: Marlon Gego
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Die Verurteilten: Karl-Heinz H. (Foto), Nadine H. und Sven L. sind am Dienstag am Aachener Landgericht zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt worden. Foto: Ralf Roeger
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Die Verurteilten: Karl-Heinz H., Nadine H. (Foto) und Sven L. sind am Dienstag am Aachener Landgericht zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt worden.
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Die Verurteilten: Karl-Heinz H., Nadine H. und Sven L. (Foto) sind am Dienstag am Aachener Landgericht zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt worden. Foto: Ralf Roeger

Aachen/Eschweiler. Christian L. hatte das richtige Gefühl. Zwei Mal hatte er es mit der Angst zu tun bekommen, doch zwei Mal ließ er sich seine Angst ausreden. Als er Nadine H. am Abend des 14. August 2015 am vereinbarten Treffpunkt an einem Angelweiher in Eschweiler stehen und auf ihn warten sah, schwanden seine Zweifel und „er ließ sich von ihr ins Verderben führen“, er wurde ermordet.

So sagte es am Dienstag der Vorsitzende Richter Arno Bormann, als er das Urteil im Eschweiler Rachemordprozess verkündete.

Das Aachener Landgericht verurteilte die drei Hauptangeklagten des Falles wegen gemeinschaftlichen Mordes an Christian L., damals 29 Jahre alt, Sven L. (26) und das Ehepaar Karl-Heinz (39) und Nadine H. (31)  zu lebenslangen Freiheitsstrafen. Das Urteil überraschend zu nennen, wäre wahrscheinlich eine Übertreibung; doch der Vorsitzende Richter selbst hatte noch kurz vor dem Ende des Prozesses darauf hingewiesen, dass für Sven L. und Nadine H. auch eine Verurteilung wegen Beihilfe zu gefährlicher Körperverletzung in Betracht kommt. Denn Beweise dafür, dass die drei Hauptangeklagten vor der Tat verabredet hatten, Christian L. nicht nur zu verletzen, sondern ihn tatsächlich zu ermorden, hatte der Prozess nicht ergeben. Es gab auch keine Beweise dafür, dass Sven L. selbst die Waffe gegen Christian L. erhoben hatte, wie das Gericht annimmt. Aber: Es gab Indizien, auf die das Gericht seine Urteilsbegründung stützte.

Unzweifelhaft ist, dass Karl-Heinz H. Christian L. erstochen hat, das hatte er selbst gestanden. Unzweifelhaft ist auch, dass die wegen Beihilfe zu gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilte Marlene M. (38) Christian L. mit Hilfe ungezählter Facebook-, SMS- und Whatsapp-Nachrichten zum Tatort gelockt hat. Doch vieles andere ist mehr oder weniger Interpretationssache, was man dem Gericht nicht vorwerfen kann.

Das Aachener Landgericht geht davon aus, dass schon der große organisatorische Aufwand, den die Angeklagten über Wochen betrieben, ein Hinweis dafür ist, dass Christian L. nicht nur eine profane Abreibung verpasst bekommen sollte, wie Bormann sagte. Dazu hätte Karl-Heinz H. „wie in der Vergangenheit auch seine Fäuste verwenden können“. Auch die Abgelegenheit des Tatortes spreche für einen Mordplan, da besagte Abreibung auch „an jeder Stelle in der Eschweiler Innenstadt“ hätte stattfinden können. Die Waffen, die Sven L. in Absprache mit Karl-Heinz H. mit zum Tatort brachte, ließen nach Auffassung des Gerichts kaum Zweifel an der Tötungsabsicht: verschiedene Messer, ein Würgedraht, ein Schlagring. Und schließlich sei Karl-Heinz H.s Schilderung der Tat, die er während des Prozesses allein auf sich genommen hatte, nicht mit den Spuren am Tatort in Einklang zu bringen, sagte Bormann.

Karl-Heinz H. hatte erklärt, sich am Tatort in einer Ausnahmesituation befunden zu haben, in der er die Kontrolle über sich verloren habe. Doch dafür habe nichts gesprochen, erwiderte Bormann. Spuren an den Armen von Sven L. , die noch nach seiner Verhaftung sichtbar waren, sprächen dafür, dass Sven L. am Kampfgeschehen teilgenommen habe. Und wahrscheinlich sei Nadine H. ebenfalls direkt am Tatort gewesen.

Eine der Fragen, die auch Richter Bormann offen lassen musste, ist die nach dem Mordmotiv. Im März hatte Ehepaar H. eine Anzeige gegen Unbekannt erstattet, nachdem die Eltern eine Facebook-Konversation zwischen ihrer damals zwölfjährigen Tochter und einem Nutzer mit dem Pseudonym Binana gelesen hatten. In dieser Konversation hatte Binana die Tochter mit nicht enden wollender Hartnäckigkeit dazu zu bewegen versucht, ihr weitere Nacktfotos von sich zu schicken. Doch die Ermittlungen der Aachener Staatsanwaltschaft führten zu nichts und wurden eingestellt. Ob dann Christian L.s harmlose Kontaktaufnahme via Facebook mit der Tochter der H.s der Grund für den Mord war, konnte das Gericht nicht mit Sicherheit feststellen. Hielten die H.s Christian L. für Binana, obwohl rein gar nichts dafür sprach? Oder suchte Karl-Heinz H. nur jemanden, den er stellvertretend für Binana bestrafen konnte? Irgendwen?

Niemand weiß es, und die Eltern schwiegen.

Richter Bormann hatte die Urteilsbegründung mit einer Art Vorwort eingeleitet, in dem er Zuschauern, Prozessbeteiligten und Medienvertretern erklärte, dass die Angeklagten das Recht haben, „ihre Aussagen der jeweiligen Beweislage anzupassen. Diesen Vorteil räumt die Strafprozessordnung den Angeklagten ein“, sagte Bormann. Dies sei ein Grund dafür, dass nicht jeder Fall vollständig aufgeklärt werden könne, was für die Opfer und deren hinterbliebenen „nicht immer leicht“ sei. Dennoch dürfen sich Gerichte nicht von Meinungen beeinflussen lassen, sagte Bormann, und in der Tat ist viel über diesen Fall berichtet und besonders im Internet viel diskutiert worden. Und möglicherweise sind die Diskussionen noch nicht beendet.

Denn die Verurteilten haben nun eine Woche lang Zeit zu erklären, ob sie Revision am Bundesgerichtshof einlegen. Da man einige Indizien, auf die sich die Urteilsbegründung stützt, auch anders bewerten kann, als es das Gericht getan hat, darf man annehmen, dass sich der Bundesgerichtshof in der Tat mit dem Fall wird auseinandersetzen müssen. Ob dadurch die vielen offenen Fragen geklärt würden, ist allerdings zweifelhaft.

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