Aachen - Rachemord-Prozess: „Nicht geplant und nicht gewollt“

Rachemord-Prozess: „Nicht geplant und nicht gewollt“

Von: Angela Delonge
Letzte Aktualisierung:
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Ein Mord war nie geplant, sagt der Angeklagte Sven L. Foto: Roeger

Aachen. Es sei nie geplant gewesen, Christian L. zu töten, und er, Sven L., habe nicht gewusst, was an jenem Abend am Indeufer in Eschweiler tatsächlich mit dem Opfer passiert sei. Erst später habe sein Kumpel Karl-Heinz H. zu ihm gesagt: „Alter, ich hab‘ zugestochen.“

Nach der Tat seien sie alle vollkommen sprachlos und niedergeschlagen gewesen.

Am Freitag, dem zweiten Verhandlungstag, ließ der Angeklagte Sven L. durch seinen Anwalt darlegen, wie und warum es zu der grausigen Tat kam und äußerte gleichzeitig sein Bedauern über den Tod des Opfers. „Die Tat war nicht geplant, nicht gewollt und niemals denkbar. Wir wollten Christian L. eine ordentliche Abreibung verpassen und ihn durchaus heftig attackieren“, hieß es in L.‘s Erklärung. Gleichzeitig aber auch: „Ich verabscheue Gewalt und gehe dieser grundsätzlich aus dem Weg.“

Am 14. August 2015 war der 29-jährige, behinderte Christian L. in Eschweiler in einen Hinterhalt gelockt und brutal erstochen worden. Sven L. ist neben Karl-Heinz H. und dessen Frau Nadine in dem grausamen Fall von Selbstjustiz, der am Landgericht Aachen verhandelt wird, des gemeinschaftlichen Mordes angeklagt. Der 26-Jährige soll die Tat zusammen mit dem Ehepaar geplant und bei dessen Ausführung eine wichtige Rolle gespielt haben.

Zur Familie H. unterhielt er seit einigen Jahren eine persönliche Freundschaft. Den 13 Jahre älteren Arbeitskollegen nennt er „Kalle“, zu dessen Frau Nadine hat er ebenfalls ein enges Verhältnis, auch die beiden Kinder des Paares waren ihm ans Herz gewachsen. Dass das zwölfjährige Mädchen mit der Identität einer 22-Jährigen bei Facebook unterwegs war, habe er nicht gewusst. Ebenso wenig, warum irgendwann der Verdacht aufgekommen sei, dass Christian L. Nacktfotos des Mädchens auf seinem Handy haben könnte.

Gut erinnert sich Sven L. jedoch an den Tag, als Karl-Heinz H. erfuhr, dass die Ermittlungen gegen Unbekannt, die die Eltern wegen der angeblichen Fotos angestrengt hatten, eingestellt wurden. Da sei „der Kalle“ außer sich gewesen vor Verzweiflung und Wut, darüber, dass man „so einen Pädophilen“ laufen lasse. In der Familie und bei ihm selbst habe nie ein Zweifel daran bestanden, dass Christian L. ein sexuelles Interesse an der minderjährigen Tochter hatte.

Der Plan, „dem Pädophilen“ eine Abreibung zu verpassen, reifte im Keller der Familie H., wo man regelmäßig rauchte und Alkohol trank. Christian L. wurde observiert, Marlene M., die wegen Beihilfe angeklagte Freundin der Familie, dazu überredet, das spätere Opfer mit sexuellen Versprechungen anzulocken. Am Abend des 14. August bereitete man sich gemeinsam auf die Gewalttat vor. Man rauchte, trank Alkohol, warf „Speed“ ein – drei bis vier Stunden lang. Sven L.: „Wir hatten alle gut einen im Kahn“, bevor man sich kurz vor 22 Uhr zum Treffpunkt aufmachte.

Getrennt gingen die drei dorthin, bewaffnet mit einem Messer, einem Schlagstock, einem Schlagring und einem Würgedraht. Statt Marlene M. war Nadine nun der Lockvogel, sie habe mehr der „Wunschfigur“ des Opfers entsprochen, heißt es in den Ausführungen von Sven L. Er selbst habe aus einem Versteck heraus auf Nadine aufpassen sollen. Er sei extrem nervös gewesen, und als er „Kalle“ aus den Augen verloren habe, immer nervöser geworden. Irgendwann habe er Christian L. laut jammern hören. Da sei er kopflos geworden und mit Nadine durchs Gestrüpp weggerannt. Am nächsten Mittag fand ein Spaziergänger Christian L.‘s Leiche.

Das Handy des Opfers nahm Sven L. mit, Fotos der Tochter seien nicht darauf gewesen. Gegenüber der Polizei nahm L. zunächst alle Schuld auf sich. Der Grund: Er wollte Nadine schützen, damit die Kinder der H.‘s nicht ins Heim kommen. Dann aber verstrickte sich L. in Widersprüche, wie der polizeiliche Leiter der Ermittlungen sagte. Schließlich habe L. jedoch eine umfassende Aussage gemacht, ohne die tatrelevante Gegenstände wie das Messer nicht hätten gefunden werden können.

Der Prozess wird am 4. März fortgesetzt.

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