Aachen - Prozess wegen Banküberfall: Das Schweigen der Lianne Z.

Prozess wegen Banküberfall: Das Schweigen der Lianne Z.

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Das ist Lianne Zwanenberg (li.) aus Amsterdam. Sie soll am 8. Juli 2013 mit zwei Männern eine Bank in Aachen überfallen haben. Ein Jahr später wurde ganz in der Nähe die Pax-Bank überfallen. Foto: Roeger
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Die Filiale der Aachener Bank wurde am 8. Juli 2013 überfallen. Foto: Roeger
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Am 19. November 2014 folgte der Überfall auf die Pax-Bank. Foto: Roeger
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Die Anführerin ist auf den Aufnahmen von Überwachungskameras zu sehen. Foto: Polizei

Aachen. In den Saal A0.020 des Aachener Landgerichts sind auch am Dienstag wieder 25, vielleicht 30 meist noch junge Besucher gekommen, sie sind in erster Linie da, um der Angeklagten zu zeigen, dass sie nicht allein ist, dass sie ihr beistehen, so gut es eben geht. Die Besucher winken ihr, werfen ihr Kusshände zu, mehr geht nicht, denn Gespräche werden nicht geduldet.

Die Angeklagte winkt zurück und lächelt, man sieht, dass sie sich freut, und Menschen, die eine Ahnung davon haben, wie einsam ein Gefängnis sein kann, können ermessen, was die vielen Prozessbesucher der Angeklagten bedeuten müssen.

Die Angeklagte heißt Lianne Zwanenberg, ist 29 Jahre alt und kommt aus Amsterdam. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, am 8. Juli 2013 eine Filiale der Aachener Bank in der Innenstadt überfallen zu haben. Die Ermittler gehen davon aus, dass Zwanenberg zu einer Gruppe von Anarchisten gehört, die auch 2012 und 2014 Banken in Aachen überfallen haben.

Wegen des Überfalls auf die Aachener Pax-Bank am 19. November 2014 sitzen zwei Menschen in Untersuchungshaft, die der linksextremen anarchistischen Hausbesetzerszene Barcelonas zugerechnet werden: Lisa Dorfer (35) und der wegen eines früheren Banküberfalls vorbestrafte Aderito Soares Neto (58). Dieser Überfall spielt auch im Prozess gegen Zwanenberg eine wichtige Rolle.

Das Problem des Prozesses gegen Zwanenberg und das Problem der Ermittlungen gegen Dorfer und Soares Neto ist dies: Bis auf DNA-Spuren gibt es überhaupt keine Beweise dafür, dass sie zu den Tätern gehören. Deswegen hängt von den Aussagen zweier Gutachter in der kommenden Woche wohl maßgeblich ab, ob Zwanenberg verurteilt wird oder nicht. Die Anklage lautet unter anderem auf erpresserischen Menschenraub, die Mindeststrafe beträgt fünf Jahre Haft. Für Zwanenberg geht es um viel.

Das Aachener Landgericht verhandelt den Fall Zwanenberg seit Anfang des Monats, bis Dienstag hat der Prozess nicht viel mehr ergeben als vorher schon bekannt war. Zwei Angestellte, die sich am Tag des Überfalls im Sommer 2013 in der Bank befanden, schilderten, was sie erlebt haben, verschiedene Polizisten sagten aus, wie der Einsatz an jenem Tag verlief, und was die weiteren Ermittlungen ergaben, nämlich im Wesentlichen nichts.

Am Dienstag nun sagte Hans Kessel als Zeuge aus, der lange bei der Aachener Kriminalpolizei arbeitete und 2015 zum Landeskriminalamt nach Düsseldorf versetzt wurde, wo die Ermittlungen zu den drei Aachener Banküberfällen geführt werden. Kessel gelang es, eine Indizienkette zu präsentieren, die nahelegt, dass es eine Verbindung zwischen Zwanenberg und den des Überfalls auf die Pax-Bank verdächtigen Dorfer und Soares Neto gibt.

Ein mittlerweile untergetauchter Anarchist aus Barcelona, sagte Kessel aus, war im Sommer 2011 in einen Verkehrsunfall verwickelt, der genau vor der Aachener Pax-Bank passiert war. Dieser Anarchist hat enge Verbindungen zu Lisa Dorfer und Aderito Soares Neto, die zu den fünf oder sechs Menschen gehören sollen, die drei Jahre später eben diese Pax-Bank-Filiale überfallen haben. Ob der untergetauchte Anarchist an diesem Tag an der Pax-Bank war, um Personal und Filiale auszuspionieren, ist denkbar, aber nicht bewiesen.

Die Ermittler waren auf Dorfer wie auf Zwanenberg mittels einer DNA-Spur gekommen, im April war Dorfer von der spanischen Polizei in einem besetzten Haus in Barcelona verhaftet worden. In der Auslieferungshaft heiratete Dorfer in diesem Sommer eine Frau namens Rosa H., um ihre Abschiebung nach Deutschland zu verhindern, allerdings vergeblich. Diese Rosa H. ist die Verbindung zu Lianne Zwanenberg.

Im Sommer 2015 war Zwanenberg mit einer Gruppe in einem Lkw unterwegs, der von Griechenland aus nach Bulgarien fuhr. Bei der Grenzkontrolle wurde Zwanenberg von bulgarischen Beamten mit dem internationalen Haftbefehl des Amtsgerichtes Aachen verhaftet und später an Deutschland ausgeliefert. Zu denen, die mit Zwanenberg im Lkw gesessen hatten, gehörte Rosa H.

Für Hans Kessel ist offensichtlich, dass die Täter der drei Banküberfälle aus der anarchistischen Hausbesetzerszene Barcelonas stammen, zu der auch Zwanenberg Verbindungen haben soll. Alle drei Überfälle wurden auf ähnliche Art und Weise begangen, immer war eine Frau die Anführerin, immer wurden Waffen und/oder Kleidungsstücke am Tatort zurückgelassen, immer waren die Täter mit Perücken und Sonnenbrillen verkleidet. Bei mindestens zwei der drei Überfälle waren Waffen desselben Herstellers benutzt und in Belgien gekauft worden.

Prozess im Plauderton

Doch ob es wirklich Lianne Zwanenberg war, die am 8. Juli 2013 mit zwei bislang unbekannten Männern die Aachener Bank überfallen hat, ist trotz ihrer DNA-Spur an einer Waffe, die die Täter am Tatort zurückließen, noch nicht gesagt. Denn es ist theoretisch nicht ausgeschlossen, dass Zwanenberg diese Waffe vor dem Banküberfall einmal in Händen gehabt hat, selbst aber nicht beim Überfall in Aachen dabei war.

Die beiden Bankangestellten sagten aus, dass die Anführerin der Bande Deutsch gesprochen habe. Eine sprach von „Hochdeutsch“, die andere will einen nicht identifizierbaren Akzent gehört haben. Wie gut Zwanenberg Deutsch spricht, interessiert deswegen auch das Gericht, doch Zwanenberg hat bislang noch kein Wort gesagt. Ihre Anwälte sprechen im Gericht mit ihr Englisch, neben ihr sitzt eine Dolmetscherin, die ihr den Prozess ins Niederländische übersetzt.

Der Vorsitzende Richter, Matthias Quarch, der als guter Jurist und milder Richter gilt, führt den Prozess meist im Plauderton. Er heißt die vielen jungen Besucher stets aufs herzlichste Willkommen, erörtert mit Zwanenbergs Anwälten die Verkehrslage und hat für jeden Zeugen ein gutes Wort. Nach der Aussage von Hans Kessel erklärte Quarch Dienstag, es sei „ein Charakteristikum dieses Verfahrens, dass viele Ermittlungsansätze ergebnislos geblieben sind“.

Er sprach „von einem der vielen Rätsel des Verfahrens, die man möglicherweise niemals lösen wird“. Das hörte sich ein bisschen danach an, als wolle Quarch die Öffentlichkeit rhetorisch darauf vorbereiten, dass er Zwanenberg möglicherweise nicht wird verurteilen kann. Aber die Entscheidung ist noch nicht gefallen, das Urteil soll am 13. Dezember gesprochen werden.

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