Protest: „Wir Contis: Restmüll, billig entsorgt”

Von: Jan Mönch
Letzte Aktualisierung:
contergan_bu
„Auch die Folgeschäden sind enorm”: Im Rahmen der Karlspreisverleihung wurde am Donnerstag für eine bessere Versorgung von Contergangeschädigten demonstriert. Zu den Demonstranten zählten Monika Eisenberg (1.v.l.), Rainer Geginat (2.v.l.) und Marika Jungblut (3.v.l.). Foto: Ralf Roeger

Aachen. Als Kind begriff Monika Eisenberg lange Zeit nur, dass irgendetwas nicht stimmt. Mit ihr selbst, mit ihrer Familie. Monika Eisenberg war eines von 10.000 Kindern, die vor rund 50 Jahren mit schweren Missbildungen auf die Welt kamen.

Diese waren im Mutterleib entstanden, verursacht durch das Schlafmittel Contergan. Auf den Markt gebracht worden war das Medikament seinerzeit von dem Stolberger Pharmahersteller Grünenthal - mitsamt dem verheerenden Wirkstoff Thalidomid.

Viele Opfer starben im Säuglingsalter, andere überlebten. Und weil der ehemalige Geschäftsführende Gesellschafter von Grünenthal, Michael Wirtz, heute im Karlspreisdirektorium sitzt, protestiert eine etwa zehnköpfige Gruppe während und nach der Karlspreisverleihung. Mit dabei ist auch eine Abordnung des linken Motorradclubs Kuhle Wampe, zu dem auch der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko (Die Linke) zählt. Auch dessen Parteifreundin Marika Jungblut unterstützt die kleine Gruppe, außerdem Monika Eisenbergs Ehemann Rainer Geginat. „Wir Contis - Restmüll, billig entsorgt”, ist am Marktplatz auf einem Spruchband zu lesen.

Als Jugendliche begann Monika Eisenberg damit, sich in Prozessakten einzulesen. Und sie begann zu begreifen. „Uns und unseren Eltern ist himmelschreiende Ungerechtigkeit widerfahren.” Dass das Firmenlogo von Grünenthal eine Waage zeigt, empfindet sie als zynisch - schließlich stehe die Waage auch für Gerechtigkeit. Gerechtigkeit aber sei ihr und ihresgleichen nie widerfahren. Am wenigsten den Opfern in Spanien, die bis heute keinen Cent gesehen hätten. „Ich weiß, dass Herr Wirtz sich sozial engagiert. Aber warum kümmert er sich nicht um die, für die er Verantwortung trägt?”

„Contergan ist und bleibt Teil unserer Firmengeschichte.”

Die Darstellung von Grünenthal fällt anders aus. „Wir setzen auf konstruktiven Dialog, um gemeinsam mit den Betroffenen geeignete Projekte zu definieren, die ihre Lebenssituation weiter verbessern”, heißt es in einer Stellungnahme gegenüber den „Nachrichten”. Erst vergangenes Jahr habe man der Conterganstiftung 50 Millionen Euro gezahlt. Freiwillig, denn: „Contergan ist und bleibt Teil unserer Firmengeschichte.”

2008 ist der mögliche Rentenhöchstsatz für Conterganopfer auf 1090 Euro im Monat verdoppelt worden. Monika Eisenberg (deren Rente unter dem Höchstsatz liegt) hält das immer noch für zu wenig. Wegen Schädigungen von Schultern, Hüften und Rücken, außerdem fehlender Knochen sei sie tagtäglich gezwungen, ihren Körper überzubeanspruchen. „Auch die Folgeschäden sind enorm.”

Monika Eisenberg geht es um ein Stück späte Genugtuung - und um Geld. Doch kann man das Leid, das ihr und ihrer Familie zugefügt wurde, auch verzeihen? Sie überlegt. „Wenn ich das Gefühl hätte, die Entschuldigung ist wirklich ehrlich gemeint - ja, die würde ich wohl annehmen.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert