Programm zweier Aachener Doktoranden holt die Natur ins Haus

Von: Sarah Thelen
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Die Hightech-Fototapete der Zukunft: Felix Heidrich (links) und Kai Kasugai wurden für die innovative Eingliederung von Technik in den normalen Alltag ausgezeichnet. Foto: Harald Krömer

Aachen. Altern im eigenen Zuhause, im eigenen Wald oder am eigenen Strand, Vogelzwitschern zum Blutdruckmessen und Meeresrauschen beim Tritt auf die Waage - was klingt wie Zukunftsmusik, ist im Projekthaus HumTec an der RWTH Aachen bereits Realität.

Hier trifft High-Tech auf interdisziplinäre Forschung, hier sprießt ein virtueller Ableger des Aachener Waldes auf einer 2,40 Meter mal 4,80 Meter großen interaktiven Tapete.

Was hinter diesem futuristischen Szenario steckt? Das Promotionsvorhaben von Felix Heidrich und Kai Kasugai: Der Informatiker und der Architekt forschen im Rahmen des Mutterprojekts „eHealth” an Möglichkeiten, moderne Technik so nutzbar zu machen, dass Menschen mit ihrer Hilfe auch im hohen Alter länger selbstständig und im eigenen Zuhause bleiben können.

„Momentan ist es noch normal, dass pflegebedürftige Menschen eine Rundum-Betreuung in ihrem gewohnten Umfeld genießen. Mit dem bevorstehenden demografischen Wandel wird das aber nicht mehr lange der Fall sein”, erläutert Kasugai.

Natur auf Knopfdruck

Und damit ältere Menschen auch dann nicht auf das Erleben von Natur und einen gewissen Wohlfühlfaktor in den eigenen vier Wänden verzichten müssen, wenn sie diese nicht mehr verlassen können, haben Heidrich und Kasugai „myGreenspace” entwickelt: Dies ist ein interaktives Kommunikations- und Raumnutzungskonzept. Mit dessen Hilfe lässt sich ein Raum virtuell erweitern, zum Beispiel um eine typische Waldszene. Diese wird als Bild über Projektoren von hinten auf eine Spezialwand aus Plexiglas projiziert, eine spezielle 3-D-Software lässt die Bilder plastisch erscheinen.

Dazu können per Audiospur typische Szenengeräusche - zum Beispiel Vogelgezwitscher - eingespielt werden, so dass demjenigen eine tatsächliche Waldszene suggeriert wird, der „myGreenspace” erlebt. „Wir bewegen uns hier in einem völlig neuen Verständnis von Raum”, sagt Kasugai, „Raumgrenzen werden aufgehoben, echte und virtuelle Realität verschmelzen.” Für einen Architekten eine echte Herausforderung.

Doch „myGreenspace” kann weitaus mehr: Von hinten wird die Projektionsfläche von Infrarotdioden angestrahlt. Wenn ein Anwender diese von deren Vorderseite aus berührt, reflektieren seine Fingerkuppen Licht. Das wiederum erkennen die Infrarotdioden, die diese Kontakte in abstrakte Signale für den Computer umsetzen - fertig ist der Touchscreen! Welche Befehle dieser ausführen soll, entscheidet der Nutzer selbst: „Man kann sich zum Beispiel an Dinge erinnern lassen, ans Blutdruckmessen oder daran, dass man die Kühlschranktür offen gelassen hat”, erklärt Heidrich.

Bislang erfüllen kleine Waldgeister prototypisch diese individuellen Memory-Funktionen. Theoretisch kann man hier ganz nach Belieben visualisieren, sogar mit den Fotos der eigenen Enkelkinder. „Momentan geht es uns aber nur darum zu zeigen, welche Konzepte bereits mit der heutigen Technik umgesetzt werden können”, so Heidrich. Die beiden Doktoranden können sich sogar vorstellen, dass man eines Tages per dreidimensionaler Video-Direkt-Übertragung mit Menschen, die am anderen Ende der Welt sitzen, gemeinsam zu Abend essen, vielleicht sogar zusammen wohnen kann.

„Wenn Technik gut akzeptiert ist, dann fällt sie irgendwann gar nicht mehr auf. Und an diesem Punkt kann sie zu einer echten Hilfe im Alltag werden”, meint Kasugai. Und dann können selbst elementare Bestandteile eines Raums zu Gesundheitsindikatoren werden. So wie der Fußboden in dem Raum, in dem „myGreenspace” entwickelt wurde: Unter Holzbohlen messen 250 hochsensible Drucksensoren auf 20 Quadratmetern sämtliche Bewegungen.

Weicht ein Druckwert von der Norm ab, schlägt das Computersystem Alarm: „So könnte etwa ermittelt werden, ob eine Person gestürzt ist”, legt Kasugai dar. „Für solch einen Fall könnte man verschiedene Folgeschritte vereinbaren: Entweder die Person signalisiert per Berührung des Touchscreens, dass sie Hilfe braucht oder dass alles in Ordnung ist. Man könnte auch das System so programmieren, dass automatisch ein Notruf abgeschickt wird, wenn die Person über eine bestimmte Zeitdauer hinaus keine Reaktion zeigt.” Drucksensoren als Lebensretter? „Das könnte die Zukunft sein”, meint Kasugai.

Damit Projekte wie „myGreenspace” die tatsächlichen Bedürfnisse älterer Menschen befriedigen, lädt das interdisziplinäre „eHealth”-Forschungsteam regelmäßig Zielgruppenvertreter in das Labor ein. Und bei denen kommen die technischen Raffinessen bislang sehr gut an: „Maßgeblich ist dabei von psychologischer Seite, dass die neue Technik Spaß macht. Dann ist die Akzeptanz umso größer”, weiß Heidrich. Sogar die von virtuellen Waldgeistern im Wohnzimmer.
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