Professor Blüm sucht nach Gerechtigkeit

Von: Thorsten Karbach
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Sucht als RWTH-Professor nach Gerechtigkeit: Bundesminister a. D. Norbert Blüm hält in diesem Semester zwei Vorlesungen . Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Die Suche nach Gerechtigkeit beginnt in einem holzgetäfelten Raum. Norbert Blüm ist der Leiter dieser Expedition, die er „Abenteuerreise” nennt. Der Bundesminister a. D. ist nun offiziell Hemmerle-Professor an der RWTH Aachen und spricht in seiner Vorlesung zum Thema „Gerechtigkeit - Jedem das Seine?”.

Blüm ruft zum öffentlichen Nachdenken auf und weiß doch, dass er keine Antwort auf die Frage liefern wird, ob es Gerechtigkeit überhaupt gebe. Nicht in diesem Sommersemester, in dem er als Stiftungsprofessor am Lehrstuhl für Systematische Theologie doziert und auch nicht später oder irgendwann. Der Weg ist für ihn das Ziel, das Diskutieren, das Streiten, das Hinterfragen. Natürlich kalauert er auch. Die Pointen sitzen, wie seine Thesen.

Der Weg, der ihn an die RWTH geführt hatte, war im Grunde ein Stadtspaziergang. Theologie-Professor Ulrich Lüke wollte Blüm für die Klaus-Hemmerle-Professur - 1996 ins Leben gerufen und vom Bistum finanziert - gewinnen. Er suchte einen, der Öffentlichkeit gewinnt, der den Vorlesungssaal füllt. Mit Menschen und streitbaren Worten. Und dann traf er auf dem Markt zufällig auf den bummelnden Blüm und gewann ihn für die Stiftungs-Professur.

Man merkt Blüm an, dass ihm diese Rolle gefällt. Und Lükes Vorstellungen gehen auf, noch bevor Blüm seine erste These in den Raum stellt. Etwa 250 Menschen sind in dem Vorlesungssaal im Rogowski-Gebäude der Hochspannungs- und Informationstechniker. 300 hätten hineingepasst. Den Hemmerle-Professoren der Vergangenheit lauschten kaum mehr als 100 Gäste. Das Fernsehen ist da, Fotografen, der Rektor - so viel Öffentlichkeit erfahren die Theologen selten.

Alle hören, wie Blüm der großen Gerechtigkeit abschwört. „Was wäre das für eine Gesellschaft mit der perfekten Gerechtigkeit? Sie wäre kaum zu ertragen. Es gäbe kein Pech. Wir wären erbarmungslos dort, wo wir hingehören”, sagt er. Und alle sehen, wie Blüm immer mit dem linken Zeigefinger in die Luft sticht. So gab er seinen Worten schon im Bundestag richtungsweisende Bedeutung.

Als Bundesminister Blüm auf diese Weise die sichere Rente deklarierte, war den anwesenden Studierenden die Sesamstraße noch näher als der Bundestag. Doch Blüms Ruf hat sie gelockt, für Erinnerungen an den aktiven Politiker sind sie noch zu jung.

Professor Blüm packt sie mit seinen Aussagen. Er sagt, er wisse nicht einmal, was Gerechtigkeit sei. Aber er wisse, was ungerecht ist. Nämlich, wenn 358 Familien die Hälfte des Weltvermögens besitzen. „So lange Arbeitnehmer nicht am Erfolg beteiligt werden, gibt es keine Gerechtigkeit”, sagt er, zitiert Sokrates und Kant, die ihm so vertraut sind wie Helmut Kohl und Theo Weigel.

Blüm stinkt der neoliberale Imperialismus der Globalisierung. Da wird er laut. „Von Bären- und Mammutjägern ist nur der Schnäppchenjäger geblieben. Du kannst heute durch raffinierten Preisvergleich mehr verdienen als durch Arbeit”, sagt er. Das ärgert ihn. Da bliebe die Moral auf der Strecke. „Ich glaube, dass unsere Kultur durch eine Nutzentheorie gefährdet ist.”

Das gibt Applaus und schürt Erwartungen. Nächsten Mittwoch (17.45 Uhr, Raum Eph, Schinkelstraße 2) wird Professor Blüm den Gedanken aufgreifen. Die Reise geht weiter.

Zweite Vorlesung immer donnerstags

Eine zweite Vorlesung zum Thema „Arbeit - Muss das sein?” gibt Norbert Blüm immer donnerstags von 11.45 bis 13.15 Uhr im Raum WK, Augustinerbach 2-44.

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