Prof. Erhard Cramer erklärt Glücksspiele und Gewinnchancen

Von: Christina Diels
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Die Qual der Wahl: Welche drei aus neun Zahlen sollen die beiden Kinderuni-Teilnehmer bloß wählen? Bei der Kinderuni am Freitagabend erklärte Erhard Cramer von der RWTH, wie wahrscheinlich es ist, im Lotto oder beim Roulette zu gewinnen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Wenn Erhard Cramer, 48, die Lottozahlen voraussagen könnte, wäre er ein reicher Mann. Kann er aber nicht. Auch Stochastiker, also Menschen, die Wahrscheinlichkeiten berechnen, können eben keine Garantie für einen Gewinn geben. Und darum würde Cramer niemandem empfehlen zu spielen. Schon gar nicht den Teilnehmern der Kinderuni. Im Interview spricht der Professor für Angewandte Stochastik an der RWTH Aachen über Glücksspiele.

 

Haben manche Menschen mehr Glück im Spiel als andere, Herr Professor Cramer?

Cramer: Nein, das glaube ich nicht. Es ist grundsätzlich das Wesen von Standardglücksspielen wie Würfeln, Lotto und Roulette, dass man sie nicht prognostizieren kann. Es mag sein, dass Einzelne mal gehäuft gewinnen, aber ich glaube nicht, dass das eine Gesetzmäßigkeit ist. Es ist nun mal sehr unwahrscheinlich, dass man im Lotto gewinnt.

Also wird sich eine Glücks- oder Pechsträhne im Spiel irgendwann wieder ausgleichen?

Cramer: Das wird sich ausgleichen. So ist das zumindest von der theoretischen Seite her. Wenn man lange Pech hatte, wird man auch irgendwann gewinnen. Es gewinnen ja auch immer Leute den Jackpot. Aber ob man selbst gewinnt, das ist die entscheidende Frage.

Wie gut stehen denn die Chancen, den Lotto-Jackpot zu knacken?

Cramer: Angenommen Sie würden Lotto „6 aus 49“ spielen und Sie würden jede Woche einen Tipp abgeben, dann können Sie erwarten, in 2,7 Millionen Jahren einmal den Jackpot zu knacken. Aber auch das ist nicht garantiert. Das ernüchtert.

Gibt es Tage, an denen die Chancen besser stehen?

Cramer: Die Chance auf den Jackpot ist 1:140 Millionen. Die ist bei jeder Ziehung gleich. Nur wenn der Jackpot mal ganz lange nicht geknackt wurde, dann kann man auch mit sechs Zahlen und ohne Superzahl gewinnen. Da sind die Chancen etwas besser.

Reizt es Sie dann mitzuspielen?

Cramer: 30 Millionen Euro mit sechs Kreuzen zu gewinnen, das ist schon verführerisch. Sich vorzustellen, dass man gewinnt, wenn man Schlagzeilen wie „30 Millionen Euro im Jackpot“ liest, ist ein großer Reiz. Man verliert auch nicht viel, weil der Einsatz relativ gering ist. Kleiner Einsatz, Riesengewinn. Dennoch spiele ich nicht.

Würden Sie jemandem raten zu spielen, wenn die Gewinnchancen gut stehen?

Cramer: Grundsätzlich würde ich niemandem raten Lotto zu spielen.

Können Sie denn ein anderes Glücksspiel empfehlen?

Cramer: Die Tatsache, dass es Glücksspiele gibt, spricht dafür, dass man es nicht machen sollte. Denn am Ende wird der Anbieter gewinnen – auf lange Sicht. Kurzfristig kann man Gewinne erzielen. Beim Roulette zum Beispiel sind die Gewinnchancen nicht schlecht. Wenn man sich darauf beschränkt, auf Rot oder Schwarz zu setzen, dann liegt die Chance bei etwa 48 Prozent zu gewinnen.

Warum nicht bei 50 Prozent?

Cramer: Es sind nicht 50 Prozent, weil es 37 Felder gibt, jeweils 18 schwarze und 18 rote Felder und die grüne Null. Und dieses grüne Feld spielt für die Bank. Das ist bewusst so gemacht, damit am Ende die Bank gewinnt. Das Problem beim Roulette ist die Wiederholung des Spieles. Theoretisch gibt es hier tatsächlich Strategien, um zu gewinnen. Die Martingalstrategie zum Beispiel. Dabei verdoppelt man den Einsatz immer dann, wenn man verliert. Allerdings ist der Einsatz durch die Spielregeln gedeckelt, so dass Sie diese Strategie nicht anwenden können – und daher am Ende wieder verlieren.

Zu welcher Strategie würden Sie jemandem raten, der zehn Euro hat und Roulette spielen möchte?

Cramer: Wenn Sie zehn Euro haben und Ihre Chancen optimieren wollen, setzen Sie auf Schwarz oder Rot. Wenn Sie gewinnen, gehen Sie nach Hause. Und wenn Sie verlieren, gehen Sie auch nach Hause. Spielen Sie nicht weiter. Aber Spaß macht das natürlich nicht unbedingt.

Es wird mehr Geld verspielt als gewonnen. Warum spielen die Menschen dennoch?

Cramer: Ich bin kein Experte in Psychologie. Entscheidend sind hier wohl das Anreiz- und das Belohnungssystem hinter den Glücksspielen, man freut sich auf einen möglichen Gewinn. Die meisten Spiele funktionieren so, dass man immer wieder etwas gewinnt.

Und das macht den Reiz aus. Man denkt, wenn man gewinnt, könnte man noch mehr gewinnen. Das gilt insbesondere auch bei Glücksspielautomaten in Spielhallen, wo die Betreiber deutlich höhere Umsätze als beim Roulette im Kasino erzielen. Da werfen Sie einfach einen Betrag ein und drücken auf den Knopf. Aber eigentlich sollte diese Frage ein Psychologe oder Neurowissenschaftler beantworten.

Statistisch gesehen fällt bei einem Würfel die Sechs mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:6. Wie kann es sein, dass man bei Mensch-ärgere-dich-nicht Runden lang keine Sechs würfelt, um herauszukommen?

Cramer: Das Würfeln ist ein einfaches Zufallsexperiment, an dem man sich die wesentlichen Effekte sehr gut verdeutlichen kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie auf ganz lange Sicht keine Sechs würfeln, ist positiv, auch wenn sie sehr klein ist.

Selbst wenn ich drei Versuche habe?

Cramer: Dass man am Anfang dreimal Würfeln darf, ist ganz bewusst so gewählt. Dann beträgt die Wahrscheinlichkeit, mindestens eine Sechs zu würfeln, etwa 42 Prozent. Bei vier Versuchen wäre sie über 50 Prozent. Darum hat man sich wohl für drei Versuche entschieden, als das Spiel konstruiert wurde. Damit die Spieler öfter nicht sofort starten können. Und sich ärgern.

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