Aachen - Priesteranwärter: Klares Profil zeigen und an der Sprache arbeiten

Priesteranwärter: Klares Profil zeigen und an der Sprache arbeiten

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Dr. Dennis Rokitta und Anna Lina Becker wollen beide für die Kirche arbeiten, gehören aber verschiedenen Konfessionen an. Fotos: Nina Leßenich

Aachen. Der 31-jährige Dr. Dennis Rokitta und die 26-jährige Anna Lina Becker stammen beide aus Mönchengladbach. Sie kennen sich nicht. Eine Gemeinsamkeit haben Sie trotzdem: Sie wollen im Dienst ihrer Kirche arbeiten – in Zeiten, in denen sich immer weniger junge Menschen für Glaubensfragen interessieren. Im Interview mit unserer Volontärin Nina Leßenich sprechen sie über Beweggründe, Hoffnungen und Ziele.

Wollten Sie schon immer in der Kirche arbeiten?

Dennis Rokitta: Von Haus aus bin ich Chemiker. Ich habe bis 2008 Chemie studiert, danach bis 2011 im Institut für Pharmakologie in Köln gearbeitet. Als sich meine Promotion dem Ende neigte, war für mich die Frage: Industrie oder was anderes? Die Überlegung, Priester zu werden, hat mich viele Jahre begleitet.

Anna Lina Becker: Ich wollte eigentlich Physiotherapeutin werden. Mein guter Religionsunterricht und viele Fragen brachten mich zur Theologie. Zu Beginn hatte ich noch das typische Bild vom Pfarrberuf: Dass es eine biedere und konservative Geschichte ist. Da war es für mich noch ganz weit weg, Pfarrer zu sein.

Warum hat sich das geändert?

Becker: Das Studium war von Anfang an spannend und wurde durch immer neue Fragen noch spannender. Nach einem Jahr Studium habe ich mich taufen lassen. Das war die erste große Glaubensentscheidung, mit der ich nicht gerechnet habe. Danach habe ich 18 Wochen Gemeindepraktikum gemacht und da hat sich plötzlich ein ganz neues Berufsfeld für mich eröffnet.

Rokitta: Nach der Promotion war für mich einfach der Moment: Jetzt oder nie.

Warum haben Sie dann zuerst Chemie studiert, statt den direkten Weg zu wählen?

Rokitta: Chemie ist toll! Und als ich Abitur gemacht habe, hatte ich meine erste Freundin – beantwortet das die Frage? (lacht) Die Entscheidung hätte ich in jüngeren Jahren nicht treffen können.

Wie ging es weiter, nachdem Sie sich entschieden haben, Priester/Pfarrerin zu werden?

Rokitta: 2011 habe ich mich als Priesterkandidat in Aachen beworben. Danach bin ich für das halbjährige Propädeutikum nach Münster gegangen. 2012 habe ich das Theologie-Studium begonnen. Seit Februar bin ich im Gemeindepraktikum in Würselen.

Becker: Nach dem Examen war ich erst noch ein halbes Jahr in Polen, habe dort in der Kirche und der Diakonie gearbeitet. Seit dem 1. April bin ich Vikarin an der Immanuelkirche in Aachen.

Wie haben Freunde und Familie auf Ihre Entscheidung reagiert?

Rokitta: Eigentlich positiv – ich habe wirklich mit anderen Reaktionen gerechnet. Schließlich war gerade die Zeit des Missbrauchsskandals. Unverständnis gab es aber. Ich wurde oft gefragt, wieso ich „alles wegschmeiße“, wo ich doch „richtig Geld verdienen könnte“. Aber es ist keine Freundschaft auch nur ansatzweise daran zerbrochen.

Becker: Mein Vater hat sich sehr gefreut. Er hat immer gesagt dass ich Lehrer oder Pfarrer werde – dass wusste er, weil er für mich einen Berufstest gemacht hat. (lacht) Auch der Rest der Familie und meine Freunde haben alle positiv reagiert.

Hat man im Alltag viel mit Vorurteilen zu kämpfen?

Rokitta: Es kommt nicht täglich wer, der einem irgendwas an den Kopf knallt. Aber wenn, dann richtig! Man wird schnell in die typische Schublade gesteckt. Vor allem seit den Missbrauchsskandalen.

Becker: Als evangelischer Pfarrer wird man eher belächelt. Weil man der evangelischen Kirche nachsagt, dass sie keine klare Linie habe.

Wie gehen Sie damit um?

Becker: Leuten, die nur nachplappern, empfehle ich, selbst in die Kirche zu schauen. Begründete Vorwürfe nehmen wir ernst. Das gehört zum Pfarralltag dazu.

Rokitta: Wenn man sich über jeden Unsinn, den man in seinem Leben an den Kopf geknallt kriegt, Gedanken macht, macht man was falsch. Jeder hat das Recht auf seine Meinung, aber ich muss sie nicht teilen.

Warum haben Sie sich für die katholische/evangelische Kirche entschieden?

Rokitta: Weil ich nicht nur im „Bereich Kirche“ arbeiten, sondern Priester werden wollte. Und das geht – für mich – nur in der katholischen Kirche.

Becker: Ich war der evangelischen Kirche immer näher, zum Beispiel wegen meines Religionsunterrichts. Es ist aber nicht so, dass ich die katholische Kirche ablehne – überhaupt nicht! Aber es gibt Sachen, die für mich in der katholischen Kirche nicht funktionieren.

Zum Beispiel?

Becker: Dass Frauen das Priesteramt nicht ausüben können und man die Verwaltung der Sakramente nicht auch Frauen anvertraut.

Wo sehen Sie denn den größten Unterschied zwischen den Kirchen?

Becker: In der Struktur. Die evangelischen Kirchen im Rheinland sind presbyterial-synodal organisiert. Das bedeutet, jedes Mitglied hat das Recht auf Mitsprache.

Rokitta: Das Amts- und Sakramenteverständnis, vor allem aber das Verständnis der Eucharistie, ist in der evangelischen Kirche ein grundlegend anderes – das ist wohl der markanteste Unterschied.

Sie hatten sicher eine Vorstellung, wie ihr Berufsalltag sein würde. Inwieweit decken sich Ihre Erwartungen mit der Realität?

Rokitta: Das kann ich nicht beantworten. Ich bin kein Priester. Ich möchte das werden, aber Priestersein kann man nicht üben. Das, was ich bisher mitkriege, deckt sich zwar mit meinen Hoffnungen, bleibt aber vorerst eine Außensicht.

Becker: Ich bin jemand, der in Situationen reinspringt. Deswegen hatte ich wenig Erwartungshaltung. Ich habe damit gerechnet, dass ich noch viel lernen werde – noch Zeit zum Studieren habe, weil mein Beruf das verlangt. Ich habe auch damit gerechnet, viel Kontakt mit Menschen zu haben und Situationen zu erleben, die mich herausfordern. Das ist alles eingetroffen.

Was gefällt Ihnen besonders an Ihrem Beruf?

Rokitta: Man ist mit dem Menschen in seiner Gesamtheit befasst. Von der Geburt, über den Beginn der Ehe, den Wechsel vom Kind- zum Elternsein, bis hin zu Trauer und Tod. Es gibt nichts Menschliches, das einem in diesem Beruf fremdbleiben kann.

Becker: Mir gefallen an meinem Beruf die Menschen. Dass ich andere treffe, die auch an Gott glauben und sich dafür einsetzen, dass wir in Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit leben. Das beeindruckt mich immer wieder.

Was bedeutet denn für Sie Glaube?

Becker: Für mich ist Glaube, dass man sich gehalten, aber nicht festgehalten fühlt. Dass man – auch in aller Unzulänglichkeit und Fehlbarkeit – immer jemanden hat, der das Ganze in einem sieht. Dass man immer ein Fundament hat.

Rokitta: Keine leichte Frage, wenn man nicht in dogmatische Phrasen abdriften will! Glaube ist für mich wohl das bedingungslose Vertrauen darauf, dass da jemand ist, der mitgeht – egal wohin mein Weg mich führt. Das schließt auch die dunkelsten Sackgassen des Lebens ein, in denen alle anderen sich abwenden. Egal, was ich in meinem Leben mache: Einer ist da, der mitgeht.

Woran liegt es, dass sich immer weniger junge Menschen für Kirche interessieren?

Rokitta: Kirche hat lange vergessen, dass Glaube sowohl gelebt als auch kommuniziert werden muss. Nur eines reicht nicht. Ich kann viele fromme Reden schwingen, wenn sich das in meinem Leben nicht spiegelt. Umgekehrt reicht es auch nicht, christlich zu leben, wenn ich nicht kommunizieren kann, was der Kern meiner Hoffnung ist.

Becker: Die traditionellen Formen sind schwer zugänglich. Die Liturgie zum Beispiel folgt einer bestimmten Dramaturgie, die den heutigen Rezeptionsgewohnheiten überhaupt nicht mehr entspricht. Das ist eine Schwelle für junge Menschen.

Sie dürfen sich etwas wünschen: Wie würden Sie das ändern?

Rokitta: Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. Das gilt auch für die Kirche. Man muss deutlicher Profil zeigen und für etwas stehen. Man muss jungen Menschen die Chance geben, sich auszuprobieren und Fehler zu machen. Und sie ernst nehmen. Das fängt an mit Dingen wie: „Das darfst du für die Kirche nicht anziehen und das Piercing musst du rausnehmen.“ Ne! Den Menschen so nehmen, wie er ist. Die Kirche ist zu schnell darin, zu sagen: „Das ist unsere Schablone und da passt du bitte rein.“

Becker: Wir müssen an unserer Sprache arbeiten – damit die Parallelen zwischen unserem Leben und den Geschichten der Bibel wieder sichtbar werden. Was in den Gleichnissen Jesu steht, entspricht ja auch heute noch wichtigen Grunderfahrungen. So sehr haben wir Menschen uns nicht verändert. Aber wir müssen es wieder sprachfähig machen.

Was war das bisher schönste Erlebnis in ihrem Beruf?

Rokitta: Es gibt einen Zehnjährigen der sich taufen lassen möchte, mit dem ich im Moment in der Taufvorbereitung arbeite. Es ist ein Geschenk, miterleben zu dürfen, wie jemand den Glauben und das Mitgehen Gottes für sich entdeckt.

Becker: Eine Diskussion mit Fünftklässlern an der Viktoriaschule! Wir haben gemeinsam die Geschichte von Jeshua gelesen und die Kinder waren richtig ergriffen davon. Das fand ich total schön.

Gibt es auch Dinge, die Ihnen nicht gefallen?

Rokitta: Es gibt natürlich schwere Momente. Zum Beispiel im Umgang mit Trauernden – das ist eine Herausforderung. Aber nicht, weil es nicht das wäre, was ich machen will. Sondern weil man selbst hilflos ist: Man möchte gerne helfen, weiß aber, dass das an dieser Stelle nicht so richtig geht.

Becker: Es gefällt mir nicht, dass mich manche Situationen völlig aus dem Konzept bringen. Das Ideal, das ich selbst habe, kann ich oft nicht verwirklichen. Man hat einen unglaublichen Perfektionsanspruch. Der gefällt mir nicht. Aber es wäre auch schlimm, ihn aufzugeben.

Weltweit gibt es gerade zahlreiche Konflikte, die auf religiösen Ansichten basieren. Was haben Krieg und Gewalt mit Glauben zu tun?

Rokitta: Papst Franziskus hat ganz treffend gesagt: Niemand darf den Namen Gottes gebrauchen, um Gewalt auszuüben. Wir können als Religionen gerne über Wahrheiten in Diskurs treten. Es wäre traurig, wenn wir das nicht könnten. Aber es geht nicht, dass wir unsere Überzeugung mit Gewalt durchsetzen.

Becker: Keine Religion ist vor Fundamentalismen gefeit. Aber an solchen Konflikten sieht man: Wir brauchen Glauben und Vernunft. Überall da, wo Menschen wegen und für eine Religion sterben, läuft etwas grundlegend falsch.

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