Polizei schockiert über schwere Unfälle

Von: Udo Kals
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Tragischer Unfall: Am 12. Juli musste wieder einmal der Rettungshubschrauber auf der L 240n bei Baesweiler landen Foto: Stefan Schaum
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600 Euro Bußgeld, drei Monate Fahrverbot und zwei Punkte in Flensburg: Ein 22-Jähriger ist mit seinem Motorrad mit 165 km/h in einer Tempo-70-Zone gefahren. Foto: imago/Jochen Tack

Aachen/Düren/Heinsberg. Nicht schon wieder, schoss es Hans-Dieter Wisniewski durch den Kopf. Das darf nicht sein! Was hatten er als Chef der Unfallprävention und seine Kollegen vom Aachener Polizeipräsidium in den vergangenen Jahren nicht alles getan, um nach den schweren Unfällen die Umgehungsstraße zwischen Alsdorf, Baesweiler und Herzogenrath zu entschärfen!

Doch am Morgen des 12. Juli musste wieder einmal der Rettungshubschrauber auf dem rund drei Kilometer langen Teilstück landen, mussten Notärzte anrücken. Wieder gab es einen Toten. „Ich war schockiert“, gesteht Wisniewski.

Immer wieder die L 240n, das kann man schon sagen. Es kracht nicht übermäßig häufig. Aber wenn, dann sind die Menschen verhältnismäßig oft schwer verletzt, überleben den Unfall im tragischsten Fall nicht. So starben auf der 2004 eröffneten Strecke bislang fünf Menschen. Das ist viel. „Die Strecke gehört zu unseren Sorgenkindern“, sagt Wisniewski.

Hauptgrund Geschwindigkeit

Davon gibt es in der Region einige. Natürlich die L 240n – aber auch andere viel befahrene Achsen wie die B 57, B 258 oder L 232, die Aachen mit dem näheren Umland verbinden, und der innere Grabenring in Aachen. Im Heinsberger Raum gehören innerstädtische Hauptstraßen wie die B 221 in Übach-Palenberg und Wassenberg sowie der Berliner Ring in Geilenkirchen, aber auch die großen Achsen wie die B 56(n) dazu. Und im Kreis Düren vor allem die Überlandstrecken in der Nordeifel oder die B 57 zwischen Linnich und Baesweiler.

Viele Menschen verunglücken auf diesen Strecken. Die Gründe sind vielfältig. Klar, wo viele Autos unterwegs sind, passieren mehr Unfälle. Es geht aber auch um Unachtsamkeit, ums Linksabbiegen, ums Überholen, um ein falsches Sicherheitsgefühl auf den Landstraßen und um die Straßenverhältnisse beziehungsweise -schäden, vielleicht auch um falsche Straßenplanung. All dies sind Gründe.

Aber der Hauptgrund, da sind sich Willi Jörres von der Dürener Polizei, sein Heinsberger Kollege Michael Okuhn und die Aachener Beamten Bernd Kleefisch und Hans-Dieter Wisniewski einig, ist: zu schnelles Fahren. Und so stimmen die Kollegen schnell in die fast schon ritualisierte Sprache des Düsseldorfer Innenministers Ralf Jäger ein. „Geschwindigkeit ist Killer Nummer eins“, sagt Kleefisch und betont als Leiter der Direktion Verkehr im Aachener Polizeipräsidium, dass sein Haus – wie die Kreispolizeibehörden in Heinsberg und Düren – bei der Bekämpfung vor allem auf intensive und offene Tempokontrollen setzt. Mit Erfolg, sagt Kleefisch. „Das ist inzwischen ein Wahnsinnsthema bei den Menschen.“ Und er betont: „Trotz aller Ansprache – bei vielen Menschen geht das Umdenken nur über den Geldbeutel und Fahrverbote.“

Die Strategie beispielsweise der Aachener Polizei ist klar: Sechs Hauptachsen sind ausgemacht, auf denen auch wegen des hohen Verkehrsaufkommens ein Drittel aller Unfälle passieren und die daher besonders kontrolliert werden. „Wir konzentrieren uns auf die Unfallbrennpunkte, vernachlässigen aber auch andere Bereiche nicht“, betont Kleefisch und nennt die Eifel und die Zweirad-Raser gerade im Sommer, den Verkehr vor Kitas und Schulen sowie die Disco-Routen mit Alkohol- und Drogenkonsum als Beispiele. Viel zu tun für die Beamten. „Wir haben die Messzeiten durch einen anders ausgerichteten Personaleinsatz vervielfacht“, sagt Kleefisch.

Dies scheint sich mit Blick auf die offiziellen Zahlen auszuzahlen. Die Zahl der Verkehrstoten schwankt im Lauf der Jahre relativ stark, tendenziell geht sie zurück. Entscheidend ist für Kleefisch jedoch der langfristige Trend – und der besagt fast eine Halbierung der Zahl der schweren Unfälle seit 2004. 488 waren es damals, im Vorjahr 259. „Damit sind wir besser als der Landesschnitt.“

Gegen einen gegenläufigen Trend kämpft die Heinsberger Polizei: Nach 854 Unfällen mit Toten und Verletzten im Jahr 2010 waren es 894 Unfälle in 2011 und 926 im vergangenen Jahr. Und jetzt? Im ersten Halbjahr 2013 zählte die Polizei 394 solcher Unfälle nach 459 im Vorjahreszeitraum.

Die Vorgabe laut Michael Okuhn von der Verkehrsdirektion der Heinsberger Polizei: diese Zahl bis 2015 pro Jahr auf 800 senken. „Dieses Ziel wird insbesondere unter dem Slogan ,Raser stoppen‘ verfolgt.“ Okuhn unterfüttert dies mit Zahlen: „Allein bei zehn Verkehrsunfällen mit Toten war im Jahr 2012 zu schnelles Fahren die Unfallursache.“

Ein Patentrezept für mehr Sicherheit auf den Straßen gibt es natürlich nicht. „Jede Situation braucht eine individuelle Lösung“ sagt Kleefisch. Es geht also nicht nur ums Blitzen, es geht auch ums Bauen. Okuhn nennt die Verbindungsstraße zwischen Breberen und Saeffelen im Kreis Heinsberg als Beispiel, in deren Kurven so mancher wegen zu hoher Geschwindigkeit die Gewalt über das Auto verlor. Ein Tempolimit auf 70 wurde eingeführt, Richtungstafeln vor den Kurven aufgestellt, Bäume gefällt und die Fahrbahnbankette ausgebessert. „Seitdem haben wir keine Unfälle mehr.“

Wie im Kreis Heinsberg sitzen auch in der Städteregion Aachen und im Kreis Düren die Experten von Polizei, Kommunen und Straßenbaulastträger regelmäßig zusammen, um kritische Bereiche zu analysieren und Vorschläge für neue Straßenprojekte zu erörtern. Das Verhältnis zwischen den Partnern sei gut, sagt der Dürener Polizeisprecher Jörres. Der Wille aller Beteiligten sei unzweifelhaft, bestätigt Okuhn, der jedoch auch feststellt: „Oft scheitern oder verzögern sich Straßenbaumaßnahmen wegen fehlender Geldmittel.“

Auch wenn nicht alles umgesetzt werde, sieht Wisniewski gerade mit Blick auf die neuen Umgehungsstraßen eine positive Entwicklung: „Bei der B 56 im Kreis Heinsberg hat man es durch bauliche Maßnahmen erreicht, dass es keine Linksabbieger mehr gibt. Zudem gibt es durch eine dritte Spur immer wieder die Möglichkeit zu überholen.“ Auch die neue Baesweiler Umgehung B 57n mit ihren Kreisverkehren, durch die das Tempo gedrosselt werde, und ihrer Übersichtlichkeit überzeugt ihn. „Zügig und sicher. So muss es sein.“ Dabei seien es oft kleine Maßnahmen, die große Wirkung entfalten, „man muss nicht immer eine Kreuzung umbauen.“

Absolutes Überholverbot

Wie etwa beim Sorgenkind L 240n, das die Aachener Polizei trotz des jüngsten Unfalls meint, im Griff zu haben. „Die genaue Ursache des Unfalls ist noch ungeklärt“, sagt Kleefisch. Nur zu hohes Tempo und Überholen können ausgeschlossen werden. Deshalb ist Wisniewski zuversichtlich, die einst „sehr brisante Situation“ auf der kurvenreichen und welligen Strecke dauerhaft entschärft zu haben – durch einfache Maßnahmen.

Da die Beamten es hier fast nur mit Überholunfällen zu tun hatten, wurden zuerst Überholverbotsschilder mit dem Zusatz „landwirtschaftliche Fahrzeuge ausgenommen“ aufgestellt. Dann wurde der Zusatz entfernt, es galt absolutes Überholverbot. Zum Schluss, als die Serie der Unfälle nicht abriss, wurde im vergangenen Jahr eine durchgezogene Linie zwischen den beiden Kreisverkehren, die die Straße verbindet, gezogen. Und siehe da: „Es wirkt“, sagt Wisniewski: „Bis auf den jüngsten tragischen Fall hatten wir keinen Unfall mehr.“

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