Polizei sagt dem Handy am Steuer den Kampf an

Von: Sabine Kroy
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Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus: 2014 gab es in NRW 144 Unfälle, die nachgewiesenermaßen auf eine Handynutzung während der Fahrt zurückgingen. Doch Studien zeigen, dass drei Prozent aller Autofahrer ständig illegal am Steuer telefonieren. Foto: stock/Felix Jason

Aachen. Das Auto, ein Ort für Alleskönner: Obwohl viele Menschen schon damit überfordert sind, gleichzeitig zu kochen, dem Kind ein Glas Saft einzuschenken und ein Telefonat entgegenzunehmen, lösen sich diese menschlichen Grenzen, so scheint es, in Luft auf, sobald wir mit unserem Körper den Fahrersitz berühren.

Der Mensch wird zwar nicht zum Tier, dafür aber zum Mehrprozessbetriebler (Multitasker): Auto steuern, auf den Straßenverkehr achten, Musik hören, Kaffee trinken, die Kinder mit Keksen versorgen, SMS schreiben – alles kein Problem mehr. Oder gerade doch: Als Reaktion auf die gestiegene Zahl der Verkehrstoten in NRW wurde die Polizei im Februar nach der Präsentation der Unfallbilanz von NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) angehalten, stärker gegen das Telefonieren am Steuer vorzugehen und Handys häufiger sicherzustellen.

Alle drei Polizeibehörden in der Region, Aachen, Düren und Heinsberg, haben sich das konsequente Eingreifen beim unerlaubten Benutzen des Smartphones am Steuer auf die Fahnen geschrieben. „Neben dem größten Killer, der Geschwindigkeit, ist das sicher ein Schwerpunktthema bei den Verkehrskontrollen“, bestätigt Angela Jansen, Sprecherin der Kreispolizei Heinsberg.

Die Top Ten der Ablenkung

Abgelenkt werden kann der Fahrer natürlich von unzähligen Faktoren: von auffälligen Menschen auf dem Bürgersteig bis hin zur Wespe, die sich ins Autoinnere verirrt hat. Tatsächlich geben 53 Prozent in einer Umfrage eines Kfz-Versicherers „heruntergefallene Gegenstände“ als Hauptgrund für Ablenkung an, dicht gefolgt von der Telefonie (48 Prozent). „SMS, Nachrichten und E-Mails schreiben“ rangiert auf Platz drei mit 46 Prozent, das Bedienen des Navigationsgerätes oder anderer Bedienelemente (Klimaanlage, Radio etc.) auf Rang vier. Weit abgeschlagen dahinter werden die Fahrer auch noch vom Essen und Trinken, von der Körperpflege, von Kindern und Tieren im Fahrzeug oder vom Rauchen in ihrer Konzentration gestört.

In der Städteregion Aachen wurden dieses Jahr bisher 1106 Handyverstöße registriert. „Fast die Hälfte davon in der Stadt Aachen“, sagt der Aachener Polizeisprecher Werner Schneider. In zwei Fällen sei das Mobiltelefon „als Verdachtsindikator“ beschlagnahmt worden, jedoch ohne Erfolg – soll heißen: Dem Besitzer konnte kein Benutzen desselben während der Fahrt nachgewiesen werden. Doppeltes Pech hatten 66 Autofahrer, die zu schnell fuhren – und dabei telefonierten. Nach Auswertung von Radarbildern flatterte ihnen eine zusätzliche Ordnungswidrigkeitsanzeige ins Haus.

Im Kreis Heinsberg ereigneten sich dieses Jahr bislang drei Unfälle, bei denen eine Handynutzung nachgewiesen werden konnte, im Kreis Düren ist seit März keiner registriert. „Aber die Kollegen sind sensibilisiert, darauf zu achten, ob ein Handy im Auto, etwa auf dem Beifahrersitz oder in der Mittelkonsole, liegt“, berichtet Melanie Mallmann von der Dürener Polizei. Gerade im März wurde dort das Sicherheitsprogramm, das die Strategien bei der Verkehrssicherheit vorgibt, um diesen Bereich aktualisiert. Auffällig ist: Bei allen drei Polizeibehörden ist die Zahl der Erwischten im Mai dieses Jahres drastisch nach unten gegangen. Einsicht der Autofahrer oder Glück? „Es handelt sich um ein Massendelikt, dessen Schwankungen sich nicht einfach erklären lassen“, betont der Aachener Polizeisprecher. Mögliche Gründe für die niedrige Verstoßrate: Die Polizisten seien in andere Einsatzgeschehen eingebunden, viele Feiertage, Urlaubsbeginn, viele Veranstaltungen etc. „Da lässt sich keine stabile Aussage treffen“, sagt Schneider. Telefonieren hinterm Lenkrad ist nach Angaben des Innenministers Ralf Jäger genauso gefährlich wie das Fahren mit 0,8 Promille im Blut. Bei einer Geschwindigkeit von 100 Kilometern pro Stunde traten die Telefonierer erst 13 Meter später als bei normaler Reaktion auf die Bremse. Untersuchungen ergaben, dass eine Sekunde Unachtsamkeit bei einer Geschwindigkeit von 100 Kilometern pro Stunde etwa 27 Meter Blindflug bedeutet, beim Blick von fünf Sekunden aufs Handy oder aufs Navigationsgerät bei einer Geschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde ist der Sichtkontakt zur Straße für 70 Meter unterbrochen.

2014 gab es 144 nachgewiesene Handy-Unfälle in NRW – Experten gehen allerdings von einer weitaus höheren Dunkelziffer aus. Drei Prozent aller Autofahrer telefonieren ständig illegal am Steuer. Laut ADAC-Schätzungen sind rund zehn Prozent der Unfälle auf deutschen Straßen auf Ablenkung zurückzuführen – ähnlich viele resultieren aus Alkoholkonsum. Inzwischen sei es allerdings gesellschaftlich verpönt, betrunken Auto zu fahren. „Ein No-Go ist es aber noch nicht, beim Autofahren zu telefonieren“, sagt Ulrich Chiellino. Der ADAC-Verkehrspsychologe kann nach einer Studie zum Thema Ablenkung am Steuer klar und deutlich sagen: „Die Probanden überschätzen ihre Fahrfähigkeit – Männer mehr als Frauen.“ Deshalb empfiehlt Chiellino insbesondere „geschlechtsspezifische Ansprachen“, die vor allem Männern die Risiken bei Unachtsamkeit im Straßenverkehr vor Augen führen sollen.

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