Polizei löst Protestaktion gegen Tihange mit Gewalt auf

Von: Christian Rein
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Aachener Anti-Atomkraft-Aktivisten hatten mit einem großen Laser den Schriftzug „Stop Tihange & Doel“ sowie das Zeichen für Radioaktivität auf einen der Kühltürme des Kraftwerks projiziert. Foto: epa/Olivier Hoslet
Tihange Laser Protestaktion
Aachener Anti-Atomkraft-Aktivisten hatten mit einem großen Laser den Schriftzug „Stop Tihange & Doel“ sowie das Zeichen für Radioaktivität auf einen der Kühltürme des Kraftwerks projiziert. Foto: epa/Olivier Hoslet

Lüttich. Am Tag nach den Ereignissen ist Karin Schneider noch immer aufgebracht. "Das war völlig unverhältnismäßig!", sagt die WDR-Journalistin im Gespräch mit unserer Zeitung. Am Dienstagabend war Schneider im belgischen Huy nahe Lüttich, um von einer Protestaktion gegen das dortige umstrittene Atomkraftwerk Tihange und den Schwestermeiler Doel nahe Antwerpen zu berichten.

Aachener Anti-Atomkraft-Aktivisten hatten gegen 21.30 Uhr mit einem großen Laser den Schriftzug "Stop Tihange & Doel" sowie das Zeichen für Radioaktivität auf einen der Kühltürme des Kraftwerks Tihange in Huy projiziert. Dafür hatten sie sich am Ufer der Maas gegenüber dem Kraftwerk postiert.

Doch dann kam die belgische Polizei und beendete die Aktion. Dabei gingen die Beamten nicht zimperlich zu Werke. Schneider wurde sogar tätlich angegriffen. Initiator des Protests war das Aachener Unternehmen GridX, das sich für die Aktion mit dem Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie zusammengetan hat. Andreas Booke, einer der Geschäftsführer von GridX, und Walter Schumacher, einer der Sprecher des Aktionsbündnisses, schildern im Gespräch mit unserer Zeitung, was nach Beginn der Projektion geschah.

Schon nach wenigen Minuten sei der Werkschutz des Kraftwerksbetreibers Engie Electrabel bei den etwa zwölf Aktivisten aufgetaucht. Der Werkschutz selbst sei aber nicht aktiv geworden, sondern habe die Polizei verständigt, die ebenfalls relativ schnell, weitere zehn Minuten später eingetroffen sei. Während einer der Polizisten ruhig und besonnen aufgetreten sei, sei der andere sofort und zum Entsetzen der Aktivisten sehr aggressiv gewesen.

Der Polizist sei auf die Journalistin losgestürmt, habe sie geschubst. Dann sei er auch die Aktivisten angegangen. Er habe an dem Transporter, in dem sich der Laser befand, die Türen zugeschlagen, um die weitere Projektion auf den Kühlturm zu unterbinden - "ohne Rücksicht auf Verluste", sagt Schumacher. Schumacher und Booke vermuten hinter dem Auftreten des Polizisten aber auch eine Strategie der Einschüchterung. Karin Schneider, die Journalistin, war mit dem Filmen der Projektion beschäftigt.

Sie beschreibt die Ereignisse so: "Ich spürte einen heftigen Schlag in den Rücken, stolperte nach vorne und konnte mich gerade noch auffangen. Das Ganze nur wenige Schritte vom Maasufer entfernt." Erst dann habe sie realisiert, dass es ein Polizist war, der ihr in den Rücken geschlagen und sie beiseite gestoßen hatte. Der Polizist habe dann versucht, die Laseranlage mit Gewalt aus dem Fahrzeug zu reißen.

Als die Teilnehmer der Protestaktion sich in Sicherheit bringen wollten, seien sie regelrecht "gejagt" worden. "Auf mich machte der Polizist einen betrunkenen Eindruck", sagt Aktivist Schumacher. "Ich habe eine Alkoholfahne gerochen." Das sagt auch die Journalistin Schneider. Und das bestätigt auch GridX-Geschäftsführer Booke. Mehrere Mitglieder seines Teams hätten diesen Eindruck ebenfalls gehabt.

"Der Polizist schien sehr nervös", sagt Booke. Später habe er sich eine Zigarette angezündet. "Insgesamt war die Reaktion der Polizei völlig unangemessen", sagt Schumacher. "So etwas habe ich noch nicht erlebt." Booke schildert, dass ein Mitglied seines Teams schon bei ähnlichen Aktionen - etwa auf dem G7-Gipfel - dabeigewesen sei, aber an so ein Vorgehen der Polizei könne der Mitstreiter sich auch nicht erinnern.

"Wir waren ja auch gar nicht auf Krawall aus", sagt Booke. Letztlich hätten die Polizisten die Personalien der Aktivisten aufgenommen und ihnen einen Platzverweis unter Hinweis darauf erteilt, dass es sich bei dem Areal um ein Privatgrundstück handele, das zum Lütticher Hafen gehöre. Booke hält das aber nur für vorgeschoben, zumal das Gelände nicht als Privatgrund ausgeschildert gewesen sei und die Polizisten auch keine Anzeige etwa wegen Landfriedensbruchs geschrieben hätten.

Die belgische Polizei hat sich zu dem Vorfall bislang nicht geäußert. Gleichwohl will die Journalistin Schneider die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Ihr ist der Name des Polizisten bekannt, sie will Anzeige gegen den Mann erstatten. GridX ist ein junges Unternehmen, das sich als Spin-Off der RWTH Aachen erst im Mai dieses Jahres gegründet hat.

Die Firma baut Steuerungstechnik, mit der verschiedene erneuerbare Energien - Wind, Solar, etc. - untereinander vernetzt werden können. Aber warum macht ein Privatunternehmen eine Protestaktion? "Uns ging es dabei weniger um unser Produkt oder wirtschaftliche Aspekte, als vielmehr darum, grundsätzlich aufzuzeigen, dass es Alternativen zu Kernenergie gibt", sagt Booke. In dieser Hinsicht sei die Protestaktion ein voller Erfolg gewesen. "Wir konnten immerhin 15 Minuten lang unseren Standpunkt klarmachen."

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