Politiker mit 18: Nach dem Abi in den Wahlkampf

Von: Laura Beemelmanns
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Der 18-Jährige Linus Stieldorf (FDP) wird bei der Bundestagswahl im September als Direktkandidat antreten. Foto: dpa

Aachen/Heinsberg. Er ist 18 Jahre alt, und er weiß, dass seine Chancen gering sind: Denn Linus Kester Stieldorf ist Direktkandidat der FDP im Kreis Heinsberg für die Bundestagswahl im September.Noch vor kurzem hat er die Schulbank gedrückt und sein Abitur gemacht. Nun hat er Zeit. Ferien. „Sechs Wochen lang nichts tun, ist nichts für mich“, sagt der Jung-Politiker. Also stellt er sich zur Wahl.

Er habe Zeit. Zeit, um „Politik zum Anfassen“ zu machen, wie er es beschreibt. Politik, die Jugendliche erreichen soll – vor allem Jugendliche. „Zum Anfassen“ bedeutet für ihn, erreichbar zu sein, Emails umgehend zu beantworten, ebenso Facebook-Nachrichten. Er lädt Fotos hoch, postet Termine, und nennt das „offene Politik“ mit all ihren Facetten – ganz egal, ob die Reaktionen darauf positiv oder negativ sind.

Linus Kester Stieldorf stellt sich am 22. September zur Wahl, obwohl er weiß, dass er nicht die erste Wahl seiner Partei ist. Nachdem die ursprünglich vorgesehene Kandidatin der FDP im Kreis Heinsberg, Elke Wirtz, aus persönlichen Gründen am 8. Januar ihre Kandidatur zurückzog, wurde ein neuer Kandidat gesucht.

Unmittelbar danach saß er mit einem Partei-Kollegen im Auto. „Er hat spaßeshalber gesagt ,mache du das doch‘. Jetzt bin ich hier. Ich hab‘ die Zeit, bin politisch interessiert und habe Lust darauf“, sagt Stieldorf, der sich seit vier Jahren bei den Jungen Liberalen engagiert und Landesvorsitzender der Liberalen Schüler ist. Einige Parteikollegen hätten ihn auch gewarnt.

Als Lückenbüßer sieht Stieldorf sich nicht. Die Partei stehe hinter ihm. Im März wurde er mit 83,3 Prozent gewählt. Der 18-Jährige aus dem Selfkant kandidiert ohne Listenplatz. Ein Himmelfahrtskommando. Aber: „Ich bin kein Mensch, der sagt ,ich muss unbedingt in den Bundestag‘. Wenn es klappt, freue ich mich. Wenn es nicht klappt, dann war es eine tolle Erfahrung“, sagt er. „Es macht höllischen Spaß. Ich lerne viele Menschen und Unternehmen kennen.“ Durch eine Niederlage sieht er seine Karriere nicht bedroht. Denn er hat schon andere Pläne, will studieren.

Im Wahlkreis Heinsberg hat seit 1949 noch bei jeder Bundestagswahl der CDU-Kandidat das Direktmandat gewonnen. Der letzte FDP-Kandidat, der überhaupt ein Direktmandat für den Bundestag erringen konnte, war Hans-Die­trich Genscher. Das war im Jahr 1990 und in Sachsen-Anhalt. Als „aussichtslos“ beschreibt er seine Situation jedoch nicht. „Mit einer jungen Kandidatur setzt man ein Zeichen. Wenn man davon ausgeht, dass es aussichtslos ist, könnten es sich ja auch viele andere gleich sparen. Es ist eine Herausforderung, ja, ich plane aber auch nicht, dass es klappt. Aber Jugendliche sind oft politikverdrossen. Wir wollen mal was Neues. Denn die Jugend muss selbst was tun“, macht sich Stieldorf Mut.

Er ist ein junger Mann, der sich selbst noch als jugendlich beschreibt und damit ganz nah an den Interessen vieler anderer in seinem Alter arbeitet. Er kleidet sich adrett – mal mit Anzug und Hemd, mal mit Shirt und Hose. Dann darf aber der stilechte Schal nicht fehlen. Er spricht mit tiefer und klarer Stimme. Manchmal hält er sich kurz zurück, denkt zunächst über seinen Satz nach. Stieldorf hat schon einige Seminare besucht – Rhetorik, Strategie – von allem etwas. Seine Familie war bislang nicht politisch aktiv. Er hat diesen Weg von sich aus eingeschlagen.

Sein Vater beschreibt ihn als „Generalist“, verrät Stieldorf, denn: „Ich habe Interesse an allem. Und ich habe eine Meinung. Sylvia Löhrmann von den Grünen hat mal einen schönen Satz gesagt: ,Ich bin ja nicht hier, um mit Leuten zu sprechen, die gleicher Meinung sind‘. So sehe ich das auch. Seit ich denken kann, bin ich schon sehr diskutierfreudig und will alles hinterfragen.“

Gegen Tüten, für Zigaretten

Aber was will er eigentlich verändern? Sein Wahlprogramm beinhaltet drei wesentliche Punkte: Schuldenabbau, Energiewende und Bürgerfreiheit. Was er genau damit meint? Stieldorf will mit seiner Politik nachhaltiger wirtschaften und den Abbau der Neuverschuldung vorantreiben. Mit Bürgerfreiheit meint er die Verbotspolitik. „Jung sein, heißt frei sein“, sagt er. „In unserem Alter löst man sich von den Eltern, man will was erleben, unabhängig sein. Und dann auch nicht vom Staat bevormundet werden.“

Stieldorf ist gegen das Plastiktütenverbot, gegen das Rauchverbot – zumindest in Kneipen – und für Marihuana. Den Konsum will er nämlich in Deutschland legalisieren, nicht jedoch den von härteren Drogen. „Wer leichter an Marihuana kommt, kommt schwieriger an härtere Drogen“, vermutet er. „Es sollte fast gar keine Verbote geben. Der Bürger sollte das selbst entscheiden können.“ Zudem möchte Stieldorf den Strompreis senken. „Wir zahlen einen enorm hohen Strompreis, der zu 50 Prozent aus Steuern besteht. Dem wollen wir einen Riegel vorschieben“, sagt der 18-Jährige.

Linus K. Stieldorf hat viel vor, will eingreifen, damit die Jugend nicht eines Tages „die Fehler“ der heutigen Politik ausbügeln muss.

Wenn er die Wahl am 22. September gewinnt, will er eine große Party schmeißen. Das sei er seinen Wählern und Freunden schuldig, sagt er. Wenn sie denn stattfindet...

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