„podknast.de”: Nachrichten aus dem Jugendknast

Von: Florian Neuhauss, dpa
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jva-bu4sp Justizvollzugsanstalt Aachen
Die Justizvollzugsanstalt Aachen. Foto: Jaspers

Düsseldorf. Der Raum ist keine acht Quadratmeter groß, die Fenster sind doppelt vergittert. Mirko sitzt wegen schwerer Körperverletzung und Raub im Düsseldorfer Jugendarrest.

In seiner Zelle mit dem nackten Linoleumboden stehen nur ein Bett, ein Schrank ohne Türen, ein Tisch und ein Stuhl. Bis zu 23 Stunden am Tag muss er darin verbringen.

Zeit, die oft ewig scheint und die er sich vertreiben muss - wie seine Mitgefangenen. Anstaltsleiter Edwin Pütz stieß auch deshalb bei den Jugendlichen auf offene Ohren, als er vorschlug, sie sollten über ihre Zeit im Knast und ihre Taten im Internet berichten. Pütz veröffentlicht die Hörbeiträge im Internet auf Seite www.podknast.de.

Das in Deutschland einmalige Projekt gibt es seit knapp eineinhalb Jahren. Mittlerweile machen neben dem Düsseldorfer Jugendknast noch drei weitere Gefängnisse mit.

Während in Düsseldorf, wo der „Podknast” ins Leben gerufen wurde, nur Audioaufnahmen entstehen, stellen Pütz Kollegen von den Gefängnissen in Siegburg, Iserlohn und Herford seit kurzem auch Videos ins Netz.

Der Name „Podknast” ist eine Mischung aus den Wörtern „Knast” und „Podcast”, eine Mediendatei, die über das Internet abrufbar ist.

„Zunächst erreichen wir so, dass sich die Jungen wirklich Gedanken über ihre Taten machen”, sagt Pütz, der auch als Jugendrichter arbeitet.

„Außerdem haben wir die Hoffnung, dass andere mitbekommen, dass es überhaupt nicht cool ist, hierher zu müssen.” Längst sind Lehrer auf das Projekt aufmerksam geworden. Viele wandten sich bereits an Pütz, um mit den Dateien im Unterricht arbeiten zu können.

Mirko wurde zu vier Wochen Arrest und überdies 120 Sozialstunden verurteilt. „Das ist eine gerechte Strafe”, meint er. Quälend lange Stunden verbrachte er in seiner Zelle damit, mit einem Bleistift auf Karopapier die Kästchen auszumalen.

Außerdem las er sein erstes Buch. „Henning Mankells Die Reise ans Ende der Welt”, sagt er stolz. 40 Seiten davon hat er aus Langeweile abgeschrieben.

Der 20-Jährige erklärte sich bereit, die Zellen und Duschen zu putzen, damit die Zeit schneller vergeht. Da ist „Podknast” eine willkommene Abwechslung: Bis zu drei Beiträge im Monat werden in Düsseldorf für die Webseite produziert.

Sämtliche Dateien würden „ungeschminkt und ungefiltert” ins Internet gestellt, beteuert Pütz. Aufnahmen habe er nur einmal abgebrochen, weil ein Gefangener plötzlich nichts mehr herausbrachte. Ein anderer weinte hemmungslos.

„Die Jungs sind froh, dass ihnen mal jemand wirklich aufmerksam zuhört”, sagt Pütz. Viele reizt auch die technische Spielerei. In den Gefängnissen wird den Jugendlichen und jungen Erwachsenen vermittelt, wie etwa Aufnahme und Schnitt funktionieren und was bei der Kameraführung, beim Licht und Ton zu beachten ist.

Auf der Webseite berichten die Häftlinge der Welt auf der anderen Seite der Mauern über ihre Einsamkeit, Traurigkeit, die Ungewissheit und Angst. Gewalt unter den Häftlingen ist keine Seltenheit.

Der Podcast ist eine Möglichkeit für jeden einzelnen, aber auch die Gruppe, mit den Problemen umzugehen. Einige üben sich als Poeten oder lassen sich zu Anderem inspirieren: In Herford haben jüngst fünf Strafgefangene einen Rap aufgenommen. Auch den gibt es online zu hören und zu sehen.
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