Plagiate: RWTH sorgt sich nicht, passt aber auf

Von: Axel Borrenkott
Letzte Aktualisierung:
rwth symbol symbolfoto
Das Hauptgebäude der RWTH Aachen. Archivfoto: dpa

Aachen. Mit der Aberkennung ihres Doktortitels und dem Rücktritt der Bildungsministerin Annette Schavan ist ihr Fall wie auch das Thema Plagiat noch lange nicht erledigt. Welche Gedanken sich die RWTH zu diesem Thema macht, wollten wir wissen.

Das Verfahren der Universität Düsseldorf und die zum Teil ungemein rüden Reaktionen darauf hat einen Scherbenhaufen in der Wissenschaftslandschaft und auch Ratlosigkeit hinterlassen. Und sollten nun Plagiatsjäger in den Regalen von Hochschulbibliotheken nach mangelhaften Doktorarbeiten nicht nur von Politikern stöbern, dürfte so manche Uni blass werden. 

Auf unsere Fragen antwortete in Abstimmung mit dem Rektorat Prof. Dominik Groß, Vorsitzender der Kommission zur Aufklärung wissenschaftlichen Fehlverhaltens.

Sind Sie froh, dass die RWTH keinen bekannten Politiker promoviert hat?

Groß: Nein, in dieser Kategorie denken wir nicht! Wir sind davon überzeugt, dass an der RWTH gut betreut wurde und wird, weshalb wir glauben, dass es sich um wenige Ausnahmefälle handelt.

Den Maßstäben der Universität Düsseldorf werden höchstwahrscheinlich unzählige Dissertationen nicht genügen. Experten gehen davon aus, dass man vielleicht Tausende Doktorgrade aus den vergangenen Jahrzehnten entziehen müsste. Was schätzen Sie, wie viele das bei der RWTH wären?

Groß: Diese Frage können wir leider nicht seriös beantworten.

Werden Sie nun von sich aus aktiv und überprüfen Doktorarbeiten oder warten Sie, bis Plagiatsjäger aktiv werden?

Groß: Unsere Doktoranden müssen beim Einreichen schriftlich versichern, dass ihre Arbeit eine eigenständige Forschungsleistung darstellt. Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass eine solche sanktionsbewehrte Versicherung auch zutreffend ist. Dort, wo ein begründeter Anfangsverdacht geäußert wird beziehungsweise besteht, erfolgt eine Überprüfung – zum Teil bereits im Verfahren durch die zuständigen Promotionsausschüsse, zum Teil (bei nachträglichem Klärungsbedarf) durch die hierfür zuständige Rektoratskommission zur Aufklärung wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Außerdem hat die RWTH bereits 2011 in gleich drei Anti-Plagiats-Software-Lizenzen investiert, die den Hochschullehrern aller Fakultäten die Möglichkeit eröffnen, fragliche Arbeiten einer Überprüfung zu unterziehen – zunächst im Rahmen einer einjährigen Testphase, und mittlerweile im Rahmen fester Lizenzvereinbarungen mit dem aus unserer Sicht überzeugendsten Softwaretyp. Ohnehin erfolgen die die meisten Dissertationen in den Natur-, Technik- und Lebenswissenschaften – die bei uns an der RWTH ja dominieren – im Rahmen experimenteller Forschungsarbeiten unter langjäriger enger Betreuung von Professoren und Tutoren. Hier wissen Doktorand und Betreuer genau, welche neuen Ergebnisse gemessen wurden – da würde ein Plagiatsversuch schnell auffallen.

Was ist, wenn sich das Interesse der Internet-Plattformen von Politikern auf Titelträger in anderen Berufen ausweitet? Der Plagiatsjäger Martin Heidingsfelder lebt inzwischen von Aufträgen zur Recherche von Doktorarbeiten.

Groß: Grundsätzlich muss sich jeder promovierte Akademiker an den Regeln der Guten wissenschaftlichen Praxis messen lassen – ob er nun späterhin in der Politik tätig wird oder in einem anderen Arbeitsfeld.Und, wie oben ausgeführt, wir sehen nicht, dass dieses Problem in unseren Forschungsfeldern in nennenswerten Zahlen auftritt.

Die bisher aufgeflogenen ungenügenden Dissertationen waren allesamt sehr gut bewertet worden. Das spricht nicht gerade für die Qualität der Gutachter, der Fakultäten und Hochschulen, oder?

Groß: Man wird nicht ausschließen können, dass einzelne Gutachter die Qualität der Arbeiten nicht mit der gebotenen Sorgfalt beurteilt haben beziehungsweise zu vertrauensvoll mit den Versicherungen ihrer Doktoranden umgegangen sind. Allerdings ist es angesichts der Fülle an Publikationen zum Teil auch schwierig, einzelnen nicht kenntlich gemachten, wörtlich zitierten Textpassagen auf die Spur zu kommen – gerade auch dann, wenn es sich um Übersetzungen fremdsprachlicher Texte handelt, die dann als eigene Argumentationen ausgegeben werden. Wir denken jedoch, dass die Gutachter die Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten beiden Jahre zum Anlass nehmen, sehr viel kritischer (und damit leider auch weniger vertrauensvoll) an das Korrekturlesen herauszugehen. Außerdem stehen ihnen mittlerweile auch verschiedene Plagiatsoftware-Typen zur Verfügung, die derartige Überprüfungen gegenwärtig und in der Zukunft maßgeblich erleichtern. Im Übrigen sehen wir in der Frage der wissenschaftlichen Betreuung den Schlüssel zur Sicherung der Qualität von Promotionen. Man muss wissen, dass nur an den Universitäten die Habilitation oder eine vergleichbare Quailfikation Voraussetzung für die Berufung auf eine Professur ist. Mit dieser über die Promotion hinausgehenden wissenschaftlichen Qualifikation soll sichergestellt werden, dass eine hochwertige Betreuung gegeben ist. Deshalb sollte man an der Universität als Ort der Promotion festhalten und zugleich an einer Standardisierung der Betreuung arbeiten – zum Beispiel durch Betreuungsvereinbarungen zwischen Doktorand und Professor beziehungsweise Privatdozent.

Werden überhaupt zu viele zu gute Noten vergeben?

Groß: Auch das wird man nicht pauschal beantworten können. Tatsächlich gibt es Bestrebungen, die Anforderungen für gute Noten zu erhöhen beziehungsweise an festgeschriebene und objektivierbare Vorgaben zu binden - zum Beispiel an konkrete Publikationserfolge in Fachzeitschriften, die bestimmte Gütekriterien erfüllen (peer review, impact factor). Eben dies ist zum Beispiel gerade an unserer Medizinischen Fakultät geschehen – also an der Fakultät, an der an deutschen Universitäten traditionell besonders viele Absolventen promovieren.

Die Plagiate und ihr Umgang damit werfen, höflich gesagt, kein gutes Licht auf die Universitäten, die so vehement ihr Privileg des Promotionsrechts verteidigen.

Groß: Natürlich können die Universitäten mit dieser Sachlage nicht zufrieden sein. Spätestens der Fall Guttenberg hat gezeigt, dass sich gewisse Dinge ändern müssen – angefangen mit einer verbesserten Unterrichtung der Nachwuchswissenschaftler in „Guter wissenschaftlicher Praxis“ über verbesserte Kontrollmechanismen im (Promotions-)Verfahren selbst bis hin zu Instanzen, die im nachträglich geäußerten konkreten Verdachtsfall tätig werden.

Fehlt es den Hochschulen an Bereitschaft zur Selbstkritik?

Groß: Für unsere Hochschule können wir dies verneinen. Wenn Sie sich die aktuellen Initiativen anschauen, mit denen die RWTH das Problem angeht, wird deutlich, dass wir es sehr ernst meinen: Wir haben 2011 für alle Fakultäten Plagiatsoftwarelizenzen angeschafft, wir haben den Fakultäten die grundsätzliche Vorlage der Dissertation in elektronischer Form anempfohlen, um etwaige Überprüfungen zu erleichtern, wir bieten mittlerweile für unsere Doktoranden im „Center for Doctoral Studies“ Seminare zum Themenfeld „Gute wissenschaftliche Praxis“ an und wir unterstützen die zuständige Rektoratskommission seit 2012 zusätzlich mit einer halben Mitarbeiterstelle. Weitere Maßnahmen auf Fakultäts- bzw. Fachgruppenebene sind spezifische Erklärungen zur Beachtung der Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis beim Antrag auf Zulassung zur Promotionsprüfung, das Erstellen expliziter Richtlinien für das Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten sowie die Einführung von Betreuungsvereinbarungen, um das Verhältnis zwischen Promovierenden und Betreuenden inhaltlich und zeitlich transparent zu gestalten und bestimmte Standards festzuschreiben. An der Medizinischen Fakultät wurde außerdem ein einjähriges Pilot-Lehrprojekt zur „Guten wissenschaftlichen Praxis“ durchgeführt, das nun in ein obligates Pflichtseminar für alle promotionswilligen Studierenden der Fakultät überführt werden wird. Sie sehen also – wir sind in vielerlei Hinsicht aktiv geworden, und werden diesen Weg beherzt weitergehen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert