Aachen/Düsseldorf - Pinkwart zu Tihange: „Bedenken noch nicht vollends ausgeräumt“

Pinkwart zu Tihange: „Bedenken noch nicht vollends ausgeräumt“

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NRW-Energieminister Andreas Pinkwart (FDP). Foto: dpa

Aachen/Düsseldorf. Der Bericht der Reaktorsicherheitskommission (RSK) schient beruhigend: Sie hält die Risse in den belgischen Reaktoren für unbedenklich. Die Bundesregierung sieht keine Handhabe mehr, gegen den Betrieb vorzugehen. Madeleine Gullert sprach mit NRW-Energieminister Andreas Pinkwart (FDP) über das Thema Sicherheit.

Herr Pinkwart, das Bundesumweltministerium hatte 2016 gefordert, Tihange 2 und Doel 3 abzuschalten. Nachdem die RSK die Risse im Betrieb für unbedenklich hält, fordert man das in Berlin nicht mehr. Wie bewerten Sie das?

Pinkwart: Diese Haltung, also die Forderung nach einer vorzeitigen Abschaltung der unsicheren Blöcke, hat das Land NRW ebenfalls vertreten. Der Bericht der RSK ist insofern zunächst eine beruhigende Nachricht. Die Bedenken sind aber auch jetzt nicht vollends ausgeräumt, weil noch experimentelle Untersuchungen ausstehen – insofern warten wir das Abschlussgutachten ab.

Keine komplette Erleichterung?

Pinkwart: Nach der Stellungnahme der RSK sage ich nicht: Jetzt ist alles prima! Die belgischen Reaktoren sind insgesamt vergleichsweise störanfällig. Wir sind daher weiter aufmerksam und wollen die Belgier daran erinnern, bei ihren Zusagen zum Atomausstieg zu bleiben. Dann gingen die umstrittenen Meiler spätestens 2022 und 2023, alle weiteren 2025 vom Netz. Das ist wichtig – auch für die Menschen in der Region Aachen.

Glauben Sie daran, dass Belgien bis 2025 aus der Kernenergie aussteigt?

Pinkwart: Nun, wir haben hierzu die gesetzliche Festlegung und auch die Bestätigung der belgischen Regierung. Und so hat sie es auch in ihrem Energieplan für Belgien festgeschrieben.

Aber in Belgien warnt etwa die Wirtschaftslobby davor, dass es zum Blackout kommen könnte.

Pinkwart: Die Versorgungssicherheit ist natürlich ein wichtiges Thema. Ich gehe davon aus, dass die Belgier in sehr verantwortlicher Weise geprüft haben, ob sie ihr eigenes Ziel, den Atomausstieg 2025, auch erreichen können.

Und wenn nicht?

Pinkwart: Bei den beiden jüngeren AKW in Belgien sehe ich die Gefahr, dass die Regierung die Laufzeiten doch noch verlängert. Das wurde ja auch in Frankreich wiederholt so praktiziert. Wir wollen daher weiter alles uns Mögliche tun, damit Belgien nicht über 2025 hinaus noch auf Atomstrom angewiesen ist.

Spielen Sie auf die grenzüberschreitende Stromverbindung Alegro an?

Pinkwart: Ja, ich bin sehr froh, dass Alegro 1 voraussichtlich im Jahr 2020 ans Netz gehen wird. Das Planfeststellungsverfahren der Bezirksregierung Köln soll im Herbst abgeschlossen sein. In Belgien wird bereits gebaut. Und die Bundesnetzagentur hat gerade den Bedarf für eine zweite Leitung – Alegro 2 – bestätigt. Leider ist man in Belgien zurückhaltend.

Weil Belgier keinen Braunkohlestrom aus Deutschland haben wollen?

Pinkwart: Wir bauen die Erneuerbaren Energien ja auch weiter aus und setzen auf einen breiten Mix. Als Sicherheitsreserve ist Kohlestrom bezüglich Verfügbarkeit und Anlagensicherheit auf jeden Fall der Kernenergie überlegen. Wenn die Belgier künftig Offshore-Parks in der Nordsee haben und bei viel Wind Stromüberfluss, kann NRW im Gegenzug von günstigem Strom aus Belgien profitieren. Das wäre auch gut für die Wirtschaft in unserem Bundesland. Denn im Moment können wir den Windstrom aus Norddeutschland nicht bekommen, weil die entsprechenden Leitungen immer noch fehlen.

Wie funktioniert der Austausch mit Belgien beim Thema Tihange?

Pinkwart: Bei meinen Gesprächen mit den zuständigen Ministern hatte ich den begründeten Eindruck, dass es ein Bewusstsein für das Problem gibt. Nachdem wir uns darauf geeinigt hatten, dass Belgien uns bei Störfällen direkt informiert, gab es noch eine Situation, in der wir nicht so schnell wie gewünscht informiert wurden. Das haben wir offen angesprochen, und es wurde danach unmittelbar verbessert.

Tihange ist ein emotionales Thema. In der Region gibt es Vorbereitungen für einen potenziellen Gau. Manch einer spricht von „Panikmache“. Und Sie?

Pinkwart: Es gibt immer Restrisiken. Es ist deshalb richtig, auf eventuelle Unfälle vorbereitet zu sein. Dieser Verpflichtung müssen die Kommunen nachkommen. Die öffentliche Diskussion zum Thema Tihange war und ist nach wie vor sehr kritisch. Ich habe mich immer bemüht, diesen Prozess sachlich und unaufgeregt, aber in der Sache konsequent zu begleiten. Wir gehen dabei davon aus, dass der Betreiber und die Regierung alles dafür tun, dass die Meiler die restlichen Jahre sicher betrieben werden können und dem Schutz von Mensch und Umwelt absolute Priorität eingeräumt wird.

 

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