Landgraaf - Pinkpop: Klassiker, junge Wilde und die für die großen Gefühle

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Pinkpop: Klassiker, junge Wilde und die für die großen Gefühle

Von: Christian Rein
Letzte Aktualisierung:
Nederland, Landgraaf,  26 mei
Gehörte zu den Höhepunkten beim diesjährigen Pinkpop-Festival: Robert Smith von The Cure. Foto: dpa

Landgraaf. Als die Sonne gerade untergegangen ist und die blaue Stunde sich langsam über dem Gelände ausbreitet, da öffnen ein paar Takte Musik noch einmal die Herzen der Besucher. Über dem trockenen Beat, der langsam einsetzt, breiten sich zart hingetupft ein paar Keyboard-Klänge aus, und noch bevor Chester Bennington mit dem Gesang einsetzt, wissen die Zuschauer schon, was jetzt kommt.

Jubel brandet in der Menge auf, und dann geben sich alle der Euphorie des Songs hin. „Shadow Of The Day” heißt das Stück. Es ist ein Höhepunkt im Auftritt von Linkin Park und zugleich ein Höhepunkt des diesjährigen Pinkpop-Festivals in Landgraaf. Der Song weist in seinem Aufbau Parallelen zu „With Or Without You” von U2 auf. Er steigert sich langsam, nach einer verhaltenen ersten Strophe setzen Schlagzeug, Bass und Gitarre ein, und schließlich singt Bennington diesen Refrain, den jeder sofort mitgröhlen kann. Die Nu-Metal-Band Linkin Park ist also bei Bono und den Seinen angekommen, beim Stadionrock, bei den Hymnen und den großen Gesten, beim Pathos. Das ist es, was letztlich so viele Menschen berührt, weshalb sie aus dem Häuschen geraten. Das ist es, was die Zuschauer bei einem Festival erleben wollen.

38 Bands hat Organisator Jan Smeets für die 43. Auflage des Pinkpop nach Landgraaf geholt. Neben Linkin Park, der Hauptband am Sonntag, standen unter anderen am Samstag The Cure und am Montagabend Bruce Springsteen auf der Bühne. Auch in der zweiten Reihe war das Festival mit Soundgarden, Keane, Mumford & Sons oder James Morrison namhaft besetzt.

Zu entdecken gab es allerdings nichts. Junge Künstler, die man gerne einmal live gesehen hätte, waren kaum vertreten. Ein Grund könnte das Publikum sein, denn Rockfestivals sind längst nicht mehr nur etwas für junge Leute. Im Gegenteil: Wer zwischen den Auftritten über das Gelände der ehemaligen Trabrennbahn schlenderte, der konnte ernsthafte Zweifel daran haben, dass die Gruppe der unter 25-Jährigen größer als die aller Älteren war. Vielleicht erklärt sich so die recht konservative Band-Auswahl.

Robert Smith hebt die Hände in die Höhe und verdreht die Augen in Richtung Bühnendach. Dann wackelt er ein wenig mit dem Kopf. Das ist schon alles. Mehr braucht der Bandleader von The Cure nicht, um die schaurige Geschichte des Hits „Lullaby” zu untermalen, in dem eine Spinne dem Erzähler nach dem Leben trachtet. Gruselig sieht Smith freilich nicht aus, eher schüchtern und unbeholfen. Fast niedlich, wenn man das von einem Mann über 50 sagen kann, der sich noch immer wie ein Grufti schminkt und die Haare toupiert. Smith braucht aber auch gar nicht über die Bühne zu wirbeln, um das Publikum zu begeistern. Die Zuschauer wiegen sich längst entzückt durch den getragenen Groove des Stücks.

Die Veröffentlichung des letzten Cure-Albums liegt bereits vier Jahre zurück. Aber was macht das schon, wenn man auf den Fundus von 13 Studioalben und über 40 Singles zurückgreifen kann? Fast zwei Stunden spielen sich The Cure durch ein Best-Of-Programm: Popsongs wie „Just Like Heaven”, „Friday I´m In Love” oder „Push”, alte Wave-Stücke wie „A Forest”, „Play For Today” oder „One Hundred Years”, die süßen Sachen wie „Lovesong” und „Pictures Of You” und die Rocksongs wie „From The Edge Of The Deep Green Sea”.

Wünsche bleiben also keine offen. Zur Zugabe kommt Smith allerdings enttäuscht zurück auf die Bühne: „Ich habe gerade mal geklärt, wie viel Zeit wir noch haben”, teilt er dem Publikum mit. „Ich muss leider sagen: Es ist verdammt wenig.” Natürlich gehen The Cure aber am Ende nicht, ohne das obligatorische „Boys Don´t Cry” gespielt zu haben.

Ein Festival muss ein Programm anbieten, dass ein möglichst breites Publikum anspricht. Zugleich muss die Auswahl in sich stimmig sein. Nur dann sind die Menschen bereit, die doch stattlichen Eintrittspreise zu zahlen - eine Tageskarte kostet über 90 Euro, das Dreitageticket rund 175 Euro. Für Zuschauer über 25 Jahre dürften solche Beträge leichter zu stemmen sein. Doch dann müssen schon ein paar Klassiker im Angebot sein.

Wie eben The Cure. Oder Soundgarden. Im Jahr 2010 haben sich die Grunge-Urväter aus Seattle nach 13 Jahren Pause wiedervereint. Ein neues Album soll noch in diesem Jahr erscheinen, neue Songs werden beim Pinkpop aber nicht vorgestellt. Auch das Quartett um Sänger Chris Cornell spielt die Hits aus den frühen 90er Jahren, „Rusty Cage” etwa oder „Black Hole Sun”. Gelungen ist der Auftritt allemal, verlernt haben Soundgarden jedenfalls nichts.

Ganz ähnlich, vielleicht noch ein wenig extremer, ist es übrigens mit Kyuss. Ohne Gitarrist Josh Homme (Queens Of The Stone Age, Them Crooked Vultures) treten sie unter dem Namen Kyuss lives! (Kyuss lebt!) als ihre eigene Revival-Band auf. Auch der Stoner-Rock aus den frühen 90er Jahren funktioniert auf dem Festival-Podium immer noch erstaunlich gut. Man ist halt gemeinsam in die Jahre gekommen.

Was auf der Hauptbühne passiert, ist Katie White egal. Die 29-Jährige hüpft auf der kleineren Bühne im hinteren Teil des Geländes auf und ab. Mit ihr hüpfen Tausende Zuschauer; viele von ihnen tragen die typischen pinkfarbenen Sonnenhütchen. Wie sie nun bei strahlendem Sonnenschein so hoch und runter wippen, sieht es aus, als brandete eine riesige rosafarbene Welle auf die Bühne zu. Und die hibbelige White sieht so aus, als wolle sie gleich hineinspringen.

Natürlich gab es sie dann doch, die Auftritte jüngerer Bands. Die Blood Red Shoes durften ihr neues, drittes Album präsentieren, auch The Wombats konnten mit zahlreichen Hits wie „Tokyo” oder „Our Perfect Disease” punkten - übrigens längst nicht nur beim jüngeren Publikum. Und dann gab es da eben noch The Ting Tings, diese Londoner Zwei-Mann-Variante der Beastie Boys. Auch White und ihr Partner Jules de Martino spielen eine Art Funpunk-HipHop. Sie haben ein ähnliches Gespür für Grooves und einen ähnlich hohen Anarachie-Faktor. Wer sich davon nicht anstecken lassen wollte: selber schuld.

Als Keane am Sonntagabend „You Are Young” spielen, das Eröffnungsstück ihres gerade erschienenen vierten Albums, ist die kleine Festivalbühne fast zu klein für sie. Das Klavier setzt an der Stelle ein, an der Tom Chaplin singt: „I hold you now, I´ll hold you forever” (Ich halte Dich jetzt fest, ich werde Dich für immer festhalten).

Chaplin steht am Bühnenrand, er streckt die Hand aus, als wollte er jeden einzelnen der Zuschauer berühren. Er singt nicht einfach „forever”. Er singt mit seinem glockenhellen Tenor „foreeeeever”, für iiiiimmer. Dann kommt dieses zuckersüße Klavierthema und jeder - selbst der tätowierteste, härteste Rocker -, der Chaplin in diesem Moment singen hört, darf sich von ihm festgehalten fühlen.

Die Abendsonne steht tief über dem Festivalgelände. Keane und ihre Musik öffnen die Herzen der Besucher. Später treten auf der großen Bühne Linkin Park auf.

Drei Tage praller Sonnenschein, aber außer Sonnenbränden keine großen Folgen

Jan Smeets ist Pinkpop-Organisator seit der ersten Auflage des Festivals im Jahr 1970. Es gibt fast nichts, das er nicht schon erlebt hätte. Natürlich kennt er auch die Gefahren des Wetters - vor allen Dingen des guten.

Wenn es drei Tage lang so heiß und sonnig ist wie an diesem Pfingstwochenende, dann drohen auf einem Festivalgelände, auf dem es fast keine Schattenplätze gibt, Kreislaufkollapse, Sonnenbrände und andere unangenehme Folgen. Deshalb macht Smeets, der sich um Festival-Besucher fast wie um seine eigenen Kinder kümmert, regelmäßig darauf aufmerksam, sich zu schützen.

Natürlich haben sich viele Besucher einen Sonnenbrand geholt. Das war nicht zu übersehen. Sonst scheint es aber keine ernsteren Vorkomnisse gegeben zu haben. Wie niederländische Medien am Montag berichteten, zeigte sich auch die Polizei zufrieden mit dem Verlauf des Festivals.

Apropos Sonnenschutz: Längst Tradition ist der pinkfarbene Sonnenhut, der jedes Jahr beim Pinkpop-Festival verkauft wird. Der Erlös ist übrigens für einen guten Zweck: Er kommt der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zugute.

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