Alemannia Ticker

Pilotprojekt: Intelligente Lösung für gemeinsames Spiel

Von: Jessica Küppers
Letzte Aktualisierung:
11666384.jpg
Würfeln, zählen, gehen: Damit Junge und Alte möglich viel Spaß beim gemeinsamen Spielen haben, entwickeln Wissenschaftler von der Uni Maastricht intelligente Spiele. Das Pilotprojekt wird im Seniorenzentrums Breberen gestestet. Foto: Isabelle Ernst

Gangelt/Maastricht. Wenn Wissenschaftler Rico Möckel Kindern und alten Menschen beim gemeinsamen Spiel zuschaut, fällt ihm eines sofort auf: Es funktioniert nicht so richtig. Besonders zwischen der Generation der Urgroßeltern und der der Kindergartenkinder hakt es.

Die alten Menschen sind oftmals motorisch nicht mehr so fit, die jungen können die nächsten Spielzüge noch nicht so schnell voraussehen. Damit junge und alte Menschen auch in Zukunft noch miteinander spielen können und au diese Weise in Kontakt bleiben, entwickelt Rico Möckel an der Universität Maastricht mit seinem Team sogenannte intelligente Spiele. Möckels Fachbereich: das Department of Data Science and Knowledge Engineering Denn solche.

Für die Spiele, die es noch nicht gibt, will er auf Wissen aus der Roboter-Technologie zurückgreifen. Am Beispiel des beliebten Brettspiel-Klassikers „Mensch ärgere dich nicht“, das von beiden Altersgruppen gerne gespielt wird, könnte die Zukunft wie folgt aussehen: „Die Spielfiguren können selbstständig über das Spielfeld gehen“, sagt er. Wie viele Schritte sie vorwärts gehen, könnte über Sprache oder über eine Geste gesteuert werden. Auch beleuchtete Figuren seien denkbar, sagt der Elektrotechniker. Solch ein Spiel muss aber noch entwickelt werden, und deshalb fungieren die Kinder vom Familienzentrum Lindenbaum in Breberen und die Bewohner des gleichnamigen Seniorenzentrums derzeit noch selber als Spielfiguren.

Wenn der Plan von Rico Möckel aufgeht, sollen die intelligenten Spiele bald eigenständig den geeigneten Schwierigkeitsgrad für alle Spielteilnehmer bestimmen und diesen im Laufe des Spiels an Ermüdungserscheinungen oder verändertes Verhalten anpassen. So sollen alle Spieler zu jeder Zeit Spaß an dem Spiel haben, ohne sich überfordert zu fühlen.

Um herauszufinden, welche Spiele bei Kindern und Erwachsenen gleichermaßen beliebt sind und welche Steuerung in Frage kommt, hat Möckel in Breberen ein Pilotprojekt gestartet. Um seine Zielgruppe genau beobachten, nimmt er an den gemeinsamen Spielenachmittagen der beiden Einrichtungen teil, die seit rund 15 Jahren regelmäßig stattfinden. Für den Wissenschaftler ist es eine Art menschliches Labor, für die Kinder und Senioren im besten Fall ein schöner Nachmittag.

Das Konzept, motorisch und kognitiv eingeschränkte Menschen zusammenzubringen und miteinander spielen zu lassen, hat Irmgard Carbon, Leiterin des Familienzentrums Lindenbaum, überzeugt. „Ich hoffe, dass wir in ein paar Jahren Spiele haben, die Kinder mit eingeschränkten motorischen Fähigkeiten spielen können“, sagt sie im Hinblick auf die geplante Inklusion der Einrichtung. Bisher gebe es nur Spiele, die auf einem extrem niedrigen Niveau funktionieren, ergänzt Rosel Cleef-Lind vom Sozialtherapeutischen Dienst. „Es gibt eine Lücke, wenn es um Spiele geht, die für unterschiedliche Partner interessant bleiben“, sagt sie.

Diese Lücke will Möckel mit seinem Team schließen. Aber die Entwicklung der intelligenten Spiele soll nicht nur den sozialen Kontakt unterschiedlicher Spielpartner fördern. Langfristig verfolgt der Wissenschaftler ein weiteres Ziel. „Wir wollen erfassen, wie sich die Fähigkeiten mit der Zeit verändern“, sagt er. Beispielsweise könne ein Stift mit eingebautem Sensor messen, wie sehr eine Hand beim Malen oder Schreiben zittert. Diese Daten könnten Ärzten und dem Pflegedienst zur Verfügung gestellt werden, so dass Medikation oder Behandlung entsprechend angepasst werden können.

Den ersten Prototypen des intelligenten „Mensch ärgere dich nicht“ werden die 24 Vorschulkinder des Familienzentrums und ihre betagten Spielkameraden frühestens im kommenden Jahr testen. Bis das System ausgereift ist, werden wohl noch ein paar Jahre vergehen. Vor allem das pädagogische Wissen fehle ihm, sagt Möckel. Damit die Ergebnisse nicht durch ihn und sein Team beeinflusst und eventuell verfälscht werden, möchte er „möglichst wenige Vorgaben machen“. Gerade zu Beginn des Projekts heißt das für den Wissenschaftler: genau zuhören und zusehen.

Dass die Vertreter beider Generationen sich gut verstehen, ist auf den ersten Blick sichtbar. Das haben die Bewohner des Seniorenzentrums und die Vorschulkinder schon mehrfach bei gegenseitigen Besuchen bewiesen. „Kinder haben ein sehr genaues Gespür dafür, ob Senioren ein Handicap haben und nehmen sich bei bestimmten Senioren entsprechend zurück“, sagt Caron. Andersherum behandeln die Senioren die Kinder mit einer „ungewohnten Ehrlichkeit“. Viele Eltern richteten sich manchmal mehr nach den Kindern als es ihnen gut täte. Dadurch würde ihnen eine Chance genommen, Frustration ganz natürlich zu lernen.

Dass jemand beim klassischen „Mensch ärgere dich nicht“ verliert, gehört eben dazu. Das kann, soll und darf auch ein intelligentes Spiel nicht verhindern.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.