Pillen, die Senioren ruhigstellen sollen

Von: Daniel Gerhards
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In Pflegeheimen in Heinsberg und Düren werden alten Menschen auffällig viele Psychopharmaka verabreicht. Foto: Symbolbild dpa

Heinsberg/Düren. In vielen Pflegeheimen werden alte Menschen mit Medikamenten ruhiggestellt. Der Münchner Sozialarbeiter und bekannteste deutsche Pflegekritiker Claus Fussek hat das häufig beschrieben. Es sind Menschen, die ihr Leben lang agil waren, die nie um 20 Uhr ins Bett gingen.

Wenn sie ins Heim kommen, sollen sie sich von einem Tag auf den anderen still verhalten, nicht herumlaufen und früh einschlafen. Sonst fallen sie den Pflegern zur Last. In vielen Häusern müssen zwei Pfleger 25 bis 30 ältere Menschen betreuen.

Wenn die dann noch unruhig, aggressiv und laut sind, gibt es eine Pille. Vom Arzt verordnet, in schweren Fällen vom Gericht genehmigt. Fragt man in den Pflegeheimen vor Ort nach, kennen Sie solche Fälle – natürlich nur in anderen Heimen. Bei ihnen selbst gebe es so etwas nicht. Aktuelle Zahlen des AOK-Gesundheitsreportes haben diese Beteuerungen vor wenigen Wochen in Frage gestellt. Doch wer genau hinschaut, sieht, dass die nackten Zahlen nicht alles erzählen.

Die fehlenden Daten

Die AOK-Zahlen legen nahe, dass im Kreis Heinsberg besonders viele Menschen in Pflegeheimen mit Psychopharmaka ruhiggestellt oder ans Bett gefesselt werden. Im Kreis Heinsberg werden demnach 358 Prozent mehr Psychopharmaka für Versicherte in Heimen verordnet als für zu Hause gepflegte AOK-Mitglieder mit ähnlichen Krankheitsbildern. Damit ist der Kreis Heinsberg einsame Spitze im Rheinland. Schlüssig erklären kann die Kasse diese Werte bis heute nicht, obwohl sie dem für den Kreis Heinsberg zuständigen AOK-Regionaldirektor, Heinz Frohn, bereits mindestens seit Ende Januar bekannt sind.

Unserer Zeitung liegen nun die Zahlen vor, aus denen die Krankenkasse diesen Wert errechnet hat. Und die zeigen Erstaunliches: Verglichen wird nicht die Anzahl der Rezepte, sondern die Stärke der Dosierung. AOK-Versicherte, die in Pflegeheimen im Kreis Heinsberg leben, bekommen im Durchschnitt die zweitstärksten Psychopharmaka im gesamten Rheinland.

Die AOK gibt dafür einen sogenannten mittleren Dosierungswert von 131 an. Stärkere Medikamente bekommen nur die Bewohner von Pflegeheimen im Kreis Düren (141). Zum Vergleich: In der Stadt Aachen liegt dieser Wert bei 66, im ehemaligen Kreis Aachen bei 51. Auch das kann die AOK nicht erklären. Mit Behörden, Ärztevertretern und Pflegeheimen hat die Krankenkasse das Thema bislang nicht erörtert. Für nächste Woche ist im Kreis Heinsberg das erste Gespräch terminiert.

Die AOK lässt also bis heute offen, ob die Pflegebedürftigen in den Kreisen Düren und Heinsberg aus medizinischen Gründen solch starke Psychopharmaka bekommen oder ob es dafür eine ganz andere Erklärung gibt. Wimmelt es in den Kreisen Düren und Heinsberg nur so von schwarzen Schafen in der Pflege?

Recherchen unserer Zeitung haben ergeben, dass man die Zahlen der AOK auch anders erklären kann. Norbert Schnitzler, Leiter des Gesundheitsamtes des Kreises Düren, ist über die Zahlen „nicht verwundert“. Denn in Düren gibt es die psychiatrische Fachklinik des Landschaftsverbands. Wenn die dort lebenden psychisch kranken Menschen älter und pflegebedürftig werden, würden sie häufig in Heime im Kreis Düren verlegt, die sich auf solche Patienten spezialisiert hätten, sagt Schnitzler.

Und im Kreis Heinsberg gibt es sechs gerontopsychiatrische Pflegeheime, die Menschen mit „schweren Krankheitsbildern“ aufnehmen. In der Städteregion Aachen gibt es nur eine solche Einrichtung. Dabei gibt es in der Städteregion rund doppelt so viele stationär gepflegte Menschen wie im Kreis Heinsberg. Die gerontopsychiatrischen Pflegeheime im Kreis Heinsberg nehmen laut Kreisverwaltung „in der Regel auch Patienten auf, die nicht aus dem Kreis Heinsberg stammen“. So erklärt sich die Behörde die AOK-Werte.

In Gesprächen mit Leitern von Pflegeheimen erfährt man, dass solche Umstände zwar erklären, warum die Dosierungen von Psychopharmaka in den Pflegeheimen der Kreise Düren und Heinsberg extrem hoch liegen. Es wird allerdings auch deutlich, dass niemand von der Hand weist, dass es Pflegeeinrichtungen gibt, die Psychopharmaka einsetzen, um unruhige, aggressive, laute Menschen ruhigzustellen. Der Schlüssel zum Problem liegt beim Personal. Gibt es genügend Pflegekräfte, die viel Zeit haben, sich um die Patienten zu kümmern, braucht man Psychopharmaka nur, wenn sie medizinisch unbedingt notwendig sind. Spart die Heimleitung am Personal, fehlt den Pflegern die Zeit, sich um die Patienten zu kümmern. Dann gibt es Pillen.

Das lässt zwei Schlüsse zu: Es gibt gute und schlechte Heime. Und die Zahlen der AOK belegen nicht zwingend, dass Psychopharmaka in den Kreisen Düren und Heinsberg missbraucht werden. Endgültig widerlegen könnte das aber nur die AOK, indem sie offenlegt, in welchen Heimen wie viele Psychopharmaka für welche Patienten verordnet werden. Das tut die Kasse bislang nicht.

Selbst wenn sich irgendwann verlässlich klären lässt, dass die ungewöhnlich hohe Dosierung von Psychopharmaka in den Kreisen Düren und Heinsberg medizinisch begründet ist, bleibt es dabei: Es gibt Heime, in denen ältere Menschen mit Medikamenten in einen Schlummerzustand versetzt werden. Verlässliche Zahlen darüber, wie viele Psychopharmaka unnötig verschrieben werden, gibt es zwar nicht. Aber es kommen immer wieder alarmierende Studien auf den Markt.

In einer Untersuchung der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt aus dem Jahr 2006 ist die Rede davon, dass 34 bis 75 Prozent der Heimbewohner regelmäßig Psychopharmaka bekommen, in einer Stichprobe lag der Wert bei rund 50 Prozent. Der Arzneimittelreport des Kassenverbundes GEK aus dem Jahr 2008 beklagt, dass bei Heimbewohnern 40 bis 50 Prozent aller Psychopharmaka ohne klare Indikation eingesetzt werden. Im Jahr 2012 kamen Wissenschaftler der Universität Bremen zu dem Ergebnis, dass 240000 Demenzkranke in Deutschland Psychopharmaka schlucken. Die Münchener Heimaufsicht stellte 2014 fest, dass 51 Prozent der Bewohner von Pflegeheimen in der bayerischen Landeshauptstadt Psychopharma- ka einnehmen.

Die Zahlen aus München seien ohne weiteres auf das gesamte Bundesgebiet übertragbar, meint der Pflegekritiker Fussek: „Die Ergebnisse hätten auch in jeder anderen Stadt in Deutschland herauskommen können.“ Fussek lässt fehlendes Personal nicht als Ausrede für Fixierung und Ruhigstellung alter Menschen gelten. Fesseln mit Gurten und Medikamenten ist für ihn dasselbe: Freiheitsberaubung. „Das ist ein Menschenrechtsverstoß. Und die Kirchen und Amnesty International sagen nichts dazu“, sagt Fussek. „In Pflegeheimen haben wir uns daran gewöhnt, in Kindergärten würden wir das nie akzeptieren“, sagt er.

Überlastete Pfleger

Faktoren, die zu diesem Pro­blem führen, gibt es laut Fussek viele: Heime wollen Gewinne erwirtschaften und reduzieren das Personal. Die Pflegekräfte seien oft nicht gut weitergebildet oder wegen mangelnder Deutschkenntnisse nicht einmal in der Lage, Beipackzettel zu verstehen. Ärzte verordnen Psychopharmaka, weil sie sehen, dass die Pfleger überlastet sind. Und Gerichte stimmen Fixierungen zu, weil sie meinen, dass sie alternativlos seien.

Claus Fussek findet, dass die Pflegeheime, die mehr Personal einsetzen, vormachen, wie die Alternative aussehen kann: Eine Altenpflege, in der sich die Pfleger Zeit nehmen, die Patienten geistig und körperlich zu fordern. „Dann brauchen die alten Menschen keine Medikamente, um abends einzuschlafen“, sagt er.

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