Pilgerorte erzählen Regionalgeschichte

Von: Martin Thull
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Dom Aachen
Mit dem Beginn der alle sieben Jahre stattfindenden Aachener Heiligtumsfahrt wird das Schloss des Marienschreins im Dom zerschlagen und die Reliquien entnommen. Foto: dpa

Aachen. Pilgerorte sind Teil der regionalen Geschichte. Sie erzählen viel von dem, was Menschen vor Jahrhunderten erlebt und wie sie gelebt haben. Und solche Orte gibt es im Bistum Aachen nicht wenige. Je nach Zählweise und Definition kommt man auf über zwei Dutzend, zu denen sich Pilger zu Fuß, mit dem Rad oder dem Auto auf den Weg machen. Manchmal über mehrere Tage hinweg. In einer kleinen Serie stellt unsere Zeitung einige dieser Orte vor. Am Ende stehen die Heiligtumsfahrten in Mönchengladbach und Aachen/Kornelimünster, zu der im kommenden Jahr Zehntausende Menschen erwartet werden.

Domkapitular Rolf-Peter Cremer weiß, dass die Teilnehmerzahlen der Wallfahrer im Bistum Aachen insgesamt zwar abnehmen, „aber nicht so sehr, wie in den Gemeinden selber. Nicht zuletzt auch deshalb, weil viele Jugendliche mitmachen.“ Und der für Wallfahrten im Bistum zuständige Pfarrer Kurt Josef Wecker aus Heimbach unterstreicht: „Es geht eben auch bei einer Wallfahrt irgendwie um ein Event. Und davon fühlen sich viele angesprochen.“ Auch wenn es hier nicht um ein Ereignis der Unterhaltungsindustrie oder des Sports gehe, sondern um ein geistliches, religiöses „Event“ – um einen Besuch an einer Tankstelle für die Seele. Aufbrechen, sich auf den Weg machen – das scheint gerade heute neu entdeckt zu werden.

Auf der Suche, auf dem Weg

Zu allen Zeiten und in allen Religionen machen sich Menschen auf den Weg zu „heiligen Stätten“. Und seit Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg“ meinen viele, auch mitreden zu können, wenn es ums Pilgern geht. Und das, ohne je selbst einen Fuß auf einen Pilgerweg oder in einen Wallfahrtsort gesetzt zu haben.

Im Bistum Aachen gibt es eine Vielzahl von kleinen Wallfahrtsstätten. Oft ist es Maria, die Mutter Gottes, die verehrt wird. Oder an anderer Stelle ist es ein Heiliger wie St. Arnold in Düren-Arnoldsweiler oder eine Heilige Christina von Stommeln in Jülich. Es gibt Bruderschaften, die über die Bistumsgrenzen hinaus nach Kevelaer pilgern oder die Wallfahrt nach Trier zum Grab des Apostels Matthias organisieren. Oft in langer Familientradition schon seit Jahrzehnten. Eine Woche im Jahr ist „för de Wallfaat“ reserviert.

Pfarrer Wecker kennt sie alle: „Fußgänger und Gefahrene, Fitte und Behinderte, bodenständig-traditionsbewusste Bruderschaften und junge Familien oder vitale Pfarreigruppen, Erlebnisfromme, Kerngemeindler und Menschen, die Kirche bei dieser Gelegenheit neu entdecken, Frauengruppen – auch evangelische – und Schulklassen. Christen, die sich etwas Gutes tun wollen vor Gott, und Fußgeher, die stellvertretend für jemanden anderen kommen, der nicht mehr gehen kann oder will. Menschen, die alle Jahre wieder aus schöner alter Gewohnheit kommen oder eher zufällig Dazukommende und Touristen auf der Suche nach einem geistlichen Neuheitserlebnis, Menschen, die einen Besuch im Heiligtum mit einer Wanderung oder einem Mittagessen verbinden und vielleicht bei dieser Gelegenheit vom Touristen zum Pilger werden...“ Für alle ist Raum.

Und trotz aller Anstrengung an Füßen und Rücken mit Blasen und Muskelkater wird das gemeinsame Beten und Singen als entspannend empfunden, als ein kleines Abenteuer im sonst anders strukturierten Alltag, als eine Begegnung mit Menschen und Gedanken, die anders nicht zustande gekommen wäre. Denn auch das abendliche Löschen von Hunger und Durst, der Austausch von Lebenserfahrungen, gehört dazu. Und es ist durchaus nachvollziehbar, dass etwa in Düren die Anna-Kirmes aus der Wallfahrt zur Annareliquie entstanden ist.

Junge Menschen erleben, dass die Erfahrung von Glaube und Kirche unterwegs sich oft sehr von der Gemeinde vor Ort unterscheidet, die sie vielfach als überaltert, verknöchert und wenig offen erfahren. Diese Diskrepanz kennen sie von Kirchen-, Katholiken- und Jugendtagen. Dabei hat sich, erinnern Wecker und Cremer, Kirche immer als „Kirche unterwegs“ verstanden. Und wenn das Motto der kommenden Heiligtumsfahrt nach Aachen und Kornelimünster „Glaube in Bewegung“ lautet, dann ist dies der Anspruch der Initiatoren: nicht in Traditionen erstarren, sondern diese Überlieferungen auf ihre Tragfähigkeit für heutiges Gemeinde- und Glaubensleben hin überprüfen und weiterentwickeln.

Morgen startet unsere Serie „Ich bin dann mal hier“ über Wallfahrtsorte im Bistum Aachen. Sie möchte – ohne vollständig zu sein – den Blick lenken auf die Vielfalt dieser Orte. Sie sind Zeugnis der Kultur unserer Vorfahren. Und Pilgerstätten erleben in den letzten Jahren einen erstaunlichen Zulauf. So werden Sie erfahren, was Napoleon mit Heimbach zu tun hat, dass es in Aldenhoven ein Oktogon gibt oder dass sich zwei Päpste mit der Wallfahrt nach Eschweiler-Nothberg beschäftigt haben. Es wird berichtet von der Räuberpistole um die Annareliquie in Düren oder dass niemand nach Bethlehem und Jerusalem reisen muss, um Geburtsgrotte und Grab Jesu zu besuchen, weil eine Nachbildung in Willich-Neersen steht. Die Entdeckung der Reliquien des heiligen Vitus in Mönchengladbach könnte einem modernen Gruselfilm entstammen. Und am Ende darf natürlich die Wallfahrt nach Aachen und Kornelimünster nicht fehlen – und die Umstände, die die Pilger der Stadt im Mittelalter machten. Wir starten mit dem Birgelener Pützchen im Kreis Heinsberg, das nicht nur eine Wallfahrtsstätte ist, deren Ursprünge älter sind als Kaiser Karls Taten in Aachen und anderswo. Es ist auch ein reizvolles Wanderziel im Naturpark Maas-Schwalm-Nette.

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