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Philosophische Fakultät wagt den „Quantensprung“

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
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Will aktuelle, gesellschaftliche Fragen anpacken: Dekanin Christine Rolle. Foto: Steindl

Aachen. Ein neues Zentrum für interdisziplinäre Wissenschafts- und Technikforschung wird zum Sinnbild der Neuausrichtung der Philosophischen Fakultät der RWTH Aachen. Einstimmig hat der zuständige Fakultätsrat die Einrichtung des Zentrums mit gleich fünf Professuren beschlossen.

Sie werden im Forscherhaus HumTec (Human Technology Research) platziert, einer Einrichtung, die im Zuge der Exzellenzinitiative aufgebaut wurde und mit Auslaufen der Initiative von der Philosophischen Fakultät übernommen wird.

An Ort und Stelle wird noch dazu ein neues Nachwuchskolleg eingerichtet. „Wir haben das Ziel, die beste Philosophische Fakultät Deutschlands an einer Technischen Universität zu werden“, erklärt Dekanin Christine Roll.

Die fünf Professuren sollen sich mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen um die Auswirkungen von Technik beschäftigen – etwa die Auswirkungen selbstfahrender Autos oder die Erfassung von Gesundheitsdaten für Krankenkassen. Konkret werden Professuren für „Wissenschaftstheorie und Technikphilosophie“, „Angewandte Ethik mit dem Schwerpunkt Technik- und Umweltethik“, „Methodik und Theorie computerbasierter Geistes- und Sozialwissenschaften“, „Technik und Gesellschaft“ und „Technik und Individuum“ einrichtet.

Die fünf Professoren sollen als Ensemble wirken – untereinander und mit anderen Fakultäten kooperieren. Interesse von Seiten der Ingenieure und Naturwissenschaftler gebe es bereits. „Wir wollen den anderen Fakultäten auf Augenhöhe begegnen. Den großen Herausforderungen der Zukunft können wir nicht nur auf technisch-naturwissenschaftlichen Wegen begegnen“, sagt die Dekanin, von Hause aus Historikerin. „Die Hochschule weiß, dass sie so etwas braucht“, betont Marianne Weyrauch, Referentin für Studium, Lehre und Promotion der Philosophischen Fakultät.

Die Lehrveranstaltungen der neuen Professoren soll allen Bachelor-Studenten der Fakultät und auch anderen Fakultäten offen stehen. Ein Masterstudiengang Ethik ist geplant. Die ursprüngliche Idee eines Ethikzentrums ging dann doch nicht weit genug und wurde deswegen verworfen.

Am Karlsruher Institut für Technologie und der TU München, gibt es ähnliche Einrichtungen. Sie sind Konkurrenten der RWTH, wenn es darum geht, beste Technische Hochschule im Land zu sein. „Wir wollen einen viel größeren Wurf. Wenn wir so etwas nicht in Aachen machen, wo dann?“, sagt Roll. „Wir stärken damit das Profil der Philosophischen Fakultät, und wir geben der Hochschule insgesamt ein noch markanteres Profil.“

Die notwendigen Ressourcen, um die fünf Professuren einzurichten, wurden in der Philosophie (zwei aktuell vertretungsweise besetzte Stellen) und in der Romanistik gefunden. Die Neuausrichtung der Fakultät begann deswegen vor etwa einem Jahr mit einem Paukenschlag – und viel Ärger: Nach mehreren vergeblichen Abstimmungen wurde die auslaufende Schließung der Lehramtsstudiengänge Spanisch und Französisch beschlossen, was de facto das Aus der Romanistik bedeutete – ausgerechnet in der selbst ernannten Europastadt Aachen.

Die beiden regulär besetzten Professuren werden 2021 beziehungsweise 2023, wenn die Professorinnen in den Ruhestand gehen, nicht neu besetzt. Die dritte Professur ist ohnehin nur vertretungsweise besetzt und wird dies laut Roll bis 2023 bleiben. Zorn und Enttäuschung der Betroffenen konnte dies nicht lindern. Sogar Politiker wie der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (SPD), traten für den Erhalt ein. „Es war eine schmerzhafte Entscheidung“, sagt Roll heute. „Es wurde argumentiert, gerungen und auch gestritten.“

Aber die Stimmung beruhigte sich nach und nach. Die letzten Wochen des Neuausrichtungsprozesses liefen tatsächlich vergleichsweise geräuschlos ab. Das lässt sich auch am Abstimmungsprozess im Fakultätsrat ablesen, in dem sieben Professoren, drei Studenten und zwei wissenschaftliche Mitarbeiter der Fakultät sitzen. Gab es vor einem Jahr noch Stimmen gegen die Neuprofilierung, waren es Ende des Jahres nur noch Enthaltungen. Beim finalen Votum herrschte: Einstimmigkeit. „Ich konnte es erst gar nicht glauben, aber die ganze Fakultät ist zusammengewachsen“, sagt Roll.

Auf dem Weg dahin habe sie versucht, alle Studenten, Mitarbeiter und Lehrenden einzubeziehen. Fast alle hätten sich am Ende auch eingebracht. Die Institute seien nicht mehr als Einzelkämpfer unterwegs, sie hätten sogar den Wunsch nach einem gemeinsamen Forum zum Austausch formuliert. „Wir haben mehr geschaffen als den kleinsten gemeinen Nenner.“

Die (Rest-)Romanistik mag es bis 2023 noch geben. So lange sollen die neuen Professoren aber nicht warten, ehe sie am „Aachener Zentrum für interdisziplinäre Wissenschafts- und Technikforschung“, wie es offiziell heißt, starten. Die Ausschreibungen werden bereits formuliert, geeignete Kandidaten aus aller Welt sollen direkt angesprochen werden, eine einzige Berufskommission soll über alle Besetzungen entscheiden. Hochschulpaktmittel ermöglichen die Finanzierung. „Wir wollen alle Professuren innerhalb eines Jahres besetzt haben“, sagt Roll.

Begeisterung haben die Pläne am Ende im Rektorat der RWTH ausgelöst. Ernst Schmachtenberg sagt auf Anfrage: „Als Rektor freue ich mich über die Aktivitäten zur Erneuerung und Umgestaltung der Philosophischen Fakultät.“ Die Kooperation und die interdisziplinäre Spitzenforschung von Geistes- und Sozialwissenschaften mit den Ingenieur- und Naturwissenschaften erfahre einen deutlichen Aufschwung. Das stärke auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit und die Innovationskraft der Hochschule.

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