Aachen - Pflegebedürftige: Misshandlungen sind ein großes Tabu

Pflegebedürftige: Misshandlungen sind ein großes Tabu

Von: Sabine Rother
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Jürgen Spicher ist beim Caritasverband im Themenfeld „Menschen im Alter“ tätig. Foto: Roeger

Aachen. Sie geschieht täglich, betrifft Männer wie Frauen – und sie ist ein großes Tabu: Gewalt gegen Alte und Pflegebedürftige. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist weltweit jeder zehnte Mensch im Alter über 60 Jahre Opfer von Diskriminierung, körperlicher oder psychischer Gewalt.

Die Formen von Gewalt können sehr unterschiedlich sein: Demütigungen, Vernachlässigungen, Drohungen und Einschüchterungen, Freiheitsentzug, Unterschlagen von Post und Geld bis hin zu konkreten Schlägen. Gewalt gegen Pflegebedürftige ist strafbar. Wir sprachen darüber mit Jürgen Spicher vom Caritasverband für das Bistum Aachen. Er beschäftigt sich mit „Menschen im Alter“.

Kürzlich gab es den Welttag gegen die Misshandlung älterer Menschen. Macht so etwas Sinn?

Spicher: Auf jeden Fall. Als Gesellschaft sind wir da schnell empört, dann verschwindet so ein Thema wieder in der Versenkung. Da sind solche Tage wichtig, um das Thema ins Bewusstsein zu holen.

Wie kommt es, dass bei Gewalt in der Pflege vielfach weggeschaut und geschwiegen wird?

Spicher: Wer befasst sich schon gern mit Fragen der Gewalt in der Pflege? Zudem sind Formen der Gewalt teilweise sehr schwer greifbar und müssen häufig erst bewusst gemacht werden.

Warum? Können Sie die Gewalt genauer definieren?

Spicher: Auch das ist schwierig. Es gibt die verdeckte und die offene Gewalt. Verdeckte Formen Können Vernachlässigung aber gleichzeitig ein ständiges Bedrängen sein. Daran denkt man häufig gar nicht, und da identifizieren wir zunächst selten einen Täter. Hinter beiden Formen der Gewalt liegen häufig diffuse, schleichende Dynamiken.

Wie sehen solche verdeckten Formen der Gewalt im Einzelnen aus?

Spicher: Nehmen wir die Ernährung und Flüssigkeitsversorgung in der Pflege. Es gibt Menschen, die nicht so viel essen oder trinken wollen, wie es der fachliche Anspruch erfordert. Wenn vor Ort dann eine Dynamik entsteht, dass Pflegende diesem Anspruch unbedingt gerecht werden wollen, drohen Situationen, in denen die Fürsorge die Selbstbestimmung des Menschen überlagert. Der Betroffene wird zum Beispiel gedrängt zu trinken, obwohl er vielleicht gar nicht mehr trinken möchte.

Wie ist Ihr Blick auf die letzte Lebensphase des Menschen?

Spicher: Die aktivierende Pflege, also die Hilfe zur Selbsthilfe etwa bei der Körperpflege ist nicht immer das, was dem Menschen wirklich guttut. Sie wird in der Pflegeversicherung hervorgehoben. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir aktiviert alt werden sollen und nicht sterben dürfen. Sterbende werden oft vom Heim noch mal in ein Krankenhaus verlegt.

Was wäre besser für Sterbende?

Spicher: Pflegeeinrichtungen, die eine gute Hospiz- und Palliativkultur haben, werden in Zusammenarbeit mit den Angehörigen Sorge tragen, dass Sterbende nicht noch einmal in ein Krankenhaus verlegt werden. Solche Einrichtungen werden sagen: Sie wohnen und leben hier. Sie dürfen hier sterben.

Sollten Verantwortliche der Pflegeleitung das nicht auch sagen?

Spicher: Gesetze, Verordnungen, Standards müssen an das Leben angepasst werden. Zudem ist es wichtig, den Willen des Pflegebedürftigen zu beachten und in den Unterlagen festzuhalten, selbst wenn er von Vorgaben abweicht. Es darf nicht zu der Situation kommen, dass das Personal Standards größere Bedeutung beimisst als dem Willen des Pflegebedürftigen.

Wie können Lösungen für beide Seiten aussehen?

Spicher: Nehmen wir das Beispiel freiheitsentziehender Maßnahmen bei Selbstgefährdung eines Pflegebedürftigen. Es gibt das so genannte Werdenfelser Modell: Rechtspfleger, Pflegeeinrichtung, Angehörige oder gesetzliche Betreuer verständigen sich dabei auf Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen. Der Idealfall wäre: Die Freiheit des Bewohners hat mehr Gewicht als die Angst, ein Kostenträger könnte Gelder zurückfordern, wenn etwas passiert.

Wie sollten Pflegende also reagieren?

Spicher: Es gehört Zivilcourage dazu, anders zu handeln, wenn der Wille des Pflegebedürftigen dem entgegensteht. Wenn ein Bewohner nicht so viel essen und trinken will, muss ich das dokumentieren und darf ihn nicht bedrängen.

Es gibt ja viele andere Formen der Gewalt. Menschen werden beschimpft und beschämt. Warum kommt es in der Pflege dazu?

Spicher: Niemand geht in die Pflege mit der bösen Absicht, jemand zu demütigen, weder ein Profi noch ein Angehöriger. Ich glaube, solche Vorfälle resultieren aus Überlastung.

Was sind die Gründe bei pflegenden Angehörigen, die oft eine emotionale Verbindung zum Betroffenen haben?

Spicher: Man darf die soziale Isolation der Angehörigen nicht unterschätzen. Der Angehörige hat häufig keine Möglichkeit, seine Belastung zu kompensieren. Das kann zu Gewalt führen.

Spielt das gelebte Leben, die gemeinsame Vergangenheit eine Rolle, wenn Angehörige pflegen?

Spicher: Die frühere Beziehung löst Dynamiken aus, die zum Tragen kommen können. Wenn Narben da sind, Verwundungen, Verletzungen, wirkt sich das aus.

Wie sieht es mit Gewalt in Pflegeeinrichtungen aus?

Spicher: Das hat oft mit Kosten und Zeit zu tun. Man stelle sich vor, jemand schreit dauernd ,Hilfe, Hilfe‘, und gleichzeitig müssen zehn, fünfzehn andere Menschen auf einer Station versorgt werden. In solchen Situationen kann es zu Überlastungen und dann zu Demütigungen kommen.

Was schockiert Sie bei Gewalt in der Pflege am stärksten?

Spicher: Vernachlässigung finde ich sehr schlimm. Wenn jemand zum Beispiel sehr lange warten muss, besonders wenn es um Ausscheidungen geht. Das ist quälend und beschämend. Aber ebenso schockiert mich körperliche Gewalt in jeder Ausprägung.

Welche Gründe können zu einer Vernachlässigung führen?

Spicher: Ich schildere ein Beispiel: Wenn ein Mensch klingelt, der einer Pflegeperson unangenehm ist, gleichzeitig aber auch jemand, der dieser Person weit angenehmer erscheint, verlangt das schon höchste Selbstreflexion, um Prioritäten nicht falsch zu setzen und einen Fehler zu begehen.

Wie kann man so etwas nachhaltig verhindern?

Spicher: Da bin ich beim Thema Zivilcourage. Vorgesetzte müssen Mitarbeiter stärken und Raum schaffen, in dem es möglich ist, über problematische Pflegesituationen offen zu reden. Auch in der häuslichen Pflege, wo die Pflegenden oft massiv ihre eigenen Bedürfnisse vernachlässigen, kann es zu exzessiver Gewalt in jeglicher Form kommen.

Besonders stark tabuisiert sind sexuelle Übergriffe. Was hat es damit auf sich?

Spicher: Das ist das Tabu des Tabus. Man kann sich kaum vorstellen, dass jemand einen sexuellen Missbrauch an einem 80-jährigen Mann oder einer Frau begeht. Das geschieht unter Umständen verdeckt, während der Grundpflege. Das hat allerdings nichts mit Überlastung zu tun. Das sind Menschen, denen fehlen Kontrollmechanismen, die dürften diese Tätigkeit nicht ausüben.

Wie kann ich als Betroffener noch Einfluss nehmen?

Spicher: Ich kann fordern, dass man als Mann von einem Mann, als Frau von einer Frau gepflegt wird. Wenn Pflegebedürftige bestimmte Angstreaktionen zeigen, stimmt etwas nicht, zum Beispiel bei bestimmten Pflegesituationen wie der Grundpflege. Da müssen alle aufmerksam sein.

Die Berufsgenossenschaft für Gesundheit und Wohlfahrtspflege spricht von einer steigenden Zahl von Übergriffen durch Pflegebedürftige – von körperlichen Angriffen bis zum sexuellen Übergriff. Was sagen Sie dazu?

Spicher: Das geht gar nicht. In so einem Fall muss die Pflegeleitung sofort eingreifen.

Welche Hilfen bietet der Caritasverband für Pflegepersonal an?

Spicher: Das Wohn- und Teilhabegesetz sieht vor, dass alle Einrichtungen eine eigene Konzeption zur Gewaltprävention erarbeiten. Dazu gehören Schulungen, in denen man darüber spricht, welche Formen von Gewalt es gibt, wie man bei sich selbst Warnsignale wahrnimmt und wie Leitungsverantwortliche vorgehen sollten, wenn der Verdacht der Gewalt besteht.

Was bringen solche Konzepte? Werden sie überhaupt in der täglichen Arbeit umgesetzt?

Spicher: Sie dürfen nicht einfach abgearbeitet werden. Macht man sie sich zu eigen, sind sie auch wirksam.

Was tut das Bistum bezüglich Gewaltprävention?

Spicher: Ab 2017 greift hinsichtlich der sexuellen Gewalt die Präventionsordnung, die bereits in der Arbeit mit Jugendlichen angewandt wird, auch für Pflegeeinrichtungen. Alle Dienste und Einrichtungen sind aufgefordert, ihre Mitarbeiter in diesem Sinne zu qualifizieren. Das Bistum Aachen und der Caritasverband bieten hier ihre Unterstützung an.

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