Aachen - Pflege-Report: Demenzkranke erhalten oft schädliche Pillen

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Pflege-Report: Demenzkranke erhalten oft schädliche Pillen

Von: Violetta Kuhn und Rebecca Brockmeier
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Psychopharmaka in der Pflege Medikamente Symbol Symbolbild: dpa/Patrick Seeger
Demenzkranke bekommen in Deutschland häufig Psychopharmaka, die ihrer Gesundheit schaden können. Symbolbild: dpa/Patrick Seeger

Aachen. Demenzkranke in Pflegeheimen bekommen in Deutschland häufig Psychopharmaka, die ihrer Gesundheit schaden können. Das geht aus dem Mittwoch veröffentlichten Pflege-Report 2017 hervor. Fast die Hälfte der 500.000 stationär betreuten Demenzpatienten (43 Prozent) erhält demnach sogenannte Neuroleptika, also Mittel, die gegen Wahnvorstellungen eingesetzt werden.

Fast alle dieser Medikamente sind eigentlich nicht für Demente zugelassen. Patientenschützer rügten den Einsatz von Antidepressiva und Beruhigungsmitteln. Damit würden Demenzkranke oft „ruhiggestellt“, weil Personal fehle, sagte der Vorstand der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch.

Dass der Einsatz von Neuroleptika in der Pflege gängige Praxis ist, bestätigt auch Manfred Borutta, Professor für Gerontologie an der Katholischen Hochschule in Aachen. „Die Studie belegt die Erfahrungen aus der Praxis und die Ergebnisse älterer Untersuchungen“, sagt der 56-jährige Pflegewissenschaftler. Und: „Wir wissen aus der Forschung, dass Neuroleptika gegen Demenz völlig unangemessen sind.“

Das bestätigt auch Pharmakologin Petra Thürmann, die für den Report der AOK rund 850 Heimbewohner untersucht hat. „Der Nutzen ist nicht besonders groß, aber dafür kaufen wir uns relativ viele Risiken ein“, sagte sie. Zwar gehe es zehn bis 20 Prozent der Patienten dank der Neuroleptika besser, aber es komme durch die Nebenwirkungen auch zu Todesfällen, Schlaganfällen und verminderter Denkfähigkeit.

Laut Borutta gibt es mehrere Gründe, aus denen Demenzkranke in Pflegeheimen mit Neuroleptika behandelt werden. Zum einen gebe es „erhebliche Wissensdefizite bei den Hausärzten“ in Bezug auf die Diagnostik, zum anderen hake es bei der Kooperation zwischen Pflegeheimen und Fachärzten wie Neurologen, die für die medizinische Betreuung der Patienten zuständig sind. Antidementiva, die die Symptome einer Demenz linderten, würden von Ärzten oft aus Budgetgründen nicht verschrieben, denn: „Sie kosten doppelt bis fünfmal so viel wie Psychopharmaka.“

Borutta sieht weniger die Pfleger als viel mehr die Heimleitungen in der Pflicht. Die Pflege sei für die Mitarbeiter oft belastend, sie würden häufig beschimpft oder gar bespuckt. Patienten würden daher auch aus Selbstschutz ruhiggestellt – das müsse sich dringend ändern. „Ich fordere seit Jahren Rückzugsräume für Pfleger.“

Hierzulande werden die Mittel besonders häufig verschrieben. In schwedischen Pflegeheimen bekämen nur zwölf Prozent der dementen Bewohner Neuroleptika, in Frankreich 27 Prozent, sagte Thürmann. Diese Werte zeigten, dass man Demenzkranken auch anders helfen könne, beispielsweise mit Beschäftigungsangeboten. Das scheitert laut dem Report aber oft am Zeitdruck.

Knapp ein Drittel von rund 2500 befragten Altenpflegern in Deutschland gab an, Zeitmangel sei Schuld daran, dass nicht auf Alternativen zu Medikamenten zurückgegriffen werde.

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