Pfingsten feiern: Zur Küste oder in die Kirche?

Von: Andrea Zuleger
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An Pfingsten feiern Christen die Einheit im Glauben. Aber viele sind auf dem Weg ans Meer. Das müsse kein Widerspruch sein, sagt Pastoralreferentin Marielies Schwering. Foto: privat
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Die Pfingsttaube ist ein christliches Symbol: Aber immer mehr Menschen schauen sich an Pfingsten lieber die Möwen am Meer an. Foto: imago/IkonImages, fotoimedia
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Die Pfingsttaube ist ein christliches Symbol: Aber immer mehr Menschen schauen sich an Pfingsten lieber die Möwen am Meer an. Foto: imago/IkonImages, fotoimedia

Region. Lange Wochenenden bedeuten vor allem lange Staus auf den Autobahnen. Das ist an Pfingsten nicht anders. Im Kirchenkalender ist Pfingsten jedoch ein besonderes Fest, denn es gilt als die Geburtstunde der Kirche. An Pfingsten – dem 50. Tag der Osterzeit – wird von den Gläubigen die Entsendung des Heiligen Geistes gefeiert.

Aber wer feiert eigentlich noch? Im Interview spricht Marielies Schwering, Pastoralreferentin im Bistum Aachen, darüber, was Pfingsten für sie bedeutet und warum ein verlängertes Wochenende an der Küste oder ein Fußballturnier im Dorf durchaus christlich sein können.

 

Pfingsten ist nach Ostern und Weihnachten das dritte wichtige Fest im Kirchenjahr. Woran liegt es, dass es selbst im Leben von praktizierenden Christen kaum eine Rolle spielt?

Marielies Schwering: Gesellschaftlich ist wenig bekannt, was Pfingsten für ein Fest ist. Ein Punkt ist, dass nicht so ein Hype darum gemacht wird wie zu Weihnachten und Ostern. In den Geschäften gibt es keine Hasen, keine Tannenbäume – zu Pfingsten wären es Tauben oder Feuerflammen. Und innerhalb der Kirche habe ich den Eindruck, dass wir selbst nicht so richtig an die Kraft des Heiligen Geistes glauben.

Das ist aber schon eine heftige Aussage…

Schwering: Da gebe ich Ihnen recht. Denn Pfingsten ist wirklich ein wichtiges Fest. „Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt“, so heißt es in der Apostelgeschichte. Es wird deutlich gemacht, wie Gottes Geist, seine Energie, Menschen zu begeistern vermag. Dieser Funke ist in unserer Kirche leider oft kaum zu spüren.

Was genau feiert die Kirche denn an Pfingsten?

Schwering: In der Zeit nach Ostern saßen die Jünger zusammen. Sie wussten, dass Jesus von Gott nicht im Tod belassen, sondern auferweckt worden war, und sie warteten auf ein weiteres Zeichen. Da erschienen ihnen – bildlich gesprochen – Zungen wie von Feuer. Und sie staunten nicht schlecht, wie dies ihnen die Kraft gab, dass jeder in einer anderen, nämlich in seiner Sprache, reden konnte und sie sich trotzdem miteinander verständigen konnten.

Dieses Ereignis hat viele Menschen aus Jerusalem herbeiströmen lassen. Petrus hat den Versammelten zugerufen: „Lasst euch taufen auf den Namen Jesu Christi und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. Und dann geht los und berichtet über das, was ihr erlebt habt.“ Deshalb gilt Pfingsten als die Geburtsstunde der Kirche. Laut der Bibel sollen sich an diesem Tag 3000 Menschen haben taufen lassen. Ein Ereignis, das sich wie ein Lauffeuer verbreitete.

Sie haben vier Kinder: Könnten sie erzählen, was an Pfingsten passiert ist?

Schwering: Die älteren wahrscheinlich ja, zwei studieren, einer macht gerade Abitur. Mein Jüngster ist elf. Ihn habe ich gefragt, was Pfingsten für ihn bedeutet. Und er meinte: Pfingsten ist für mich Fußball! Dazu muss man erklären: In unserer Gemeinde in Roetgen ist traditionell an Pfingsten das Turnier des Jahres – eines der wichtigsten Ereignisse im Dorf, und mein Sohn ist nun mal ein leidenschaftlicher Fußballspieler.

Mussten Sie da nicht schlucken? Soviel christliche Erziehung, und dann ist das Fußballturnier am wichtigsten?

Schwering: (lacht) Ich habe kurz über seine Antwort nachgedacht und ihm dann gesagt, dass es eigentlich genau darum geht an Pfingsten. Es geht um Begeisterung und um das Gemeinschaftserlebnis. Und ob das ein Fußballspiel ist, wo die Mannschaft begeistert ist und zusammenhält und von ihrer Sache ganz befeuert ist oder etwas anderes, das ist vielleicht gar nicht so wichtig. Ihm sind dann aber aber doch auch noch ein paar andere Dinge zu Pfingsten eingefallen...

Dann würden Sie auch nicht sagen, dass die Leute, die die Zeit nutzen, um ein paar Tage ans Meer fahren, im christlichen Sinn etwas falsch machen?

Schwering: Nein, natürlich nicht. Es ist doch wunderbar, wenn Familien oder Freunde etwas zusammen erleben. Es ist doch gut, wenn Menschen etwas tun, was ihrer Seele gut tut.

Aber die Kirchen werden davon nicht voller.

Schwering: Das klassische Gemeindebild löst sich immer mehr auf, doch ein Neues ist noch nicht da. Ich glaube, dass es das Bild von Gemeinde nicht mehr geben wird, sondern eine bunte Vielfalt, so wie unsere Gesellschaft auch vielfältiger und bunter wird. Viele Menschen können an der „offiziellen“ Kirche, ob katholisch oder evangelisch, nicht mehr andocken, sind aber auf der Suche, ihren Glauben leben zu können. Und dazu braucht es auch neue Räume oder besser: die gemeinsame Suche nach Wegen, Gott in den alltäglichen Räumen zu entdecken, denn: „die Welt ist Gottes so voll“ (Alfred Delp).

Unsere Aufgabe ist es, zu schauen, wo und wie man im Alltag Gott finden kann. Und dann ist das überhaupt kein Widerspruch, dass die Menschen das Wochenende nutzen,um gemeinsam in den Urlaub zu fahren. Vielleicht erleben sie dort genau das, was Pfingsten ausmacht. Vermutlich ist das den Menschen nicht immer so bewusst, aber gerade intensive, gemeinsame Zeiten können Gotteserfahrungen sein.

Ist das nicht ein bisschen unverbindlich, wenn alles Gottesdienst sein kann?

Schwering: Man kann Gott überall erleben, in der Natur, bei einem Fest, einem Konzert oder wo auch immer. Aber natürlich gehört das gemeinsame Feiern des Glaubens im Gottesdienst dazu. Nur bringt es nichts, Menschen dazu zu drängen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, wenn die Kirchenverantwortlichen sich öffnen, dass es dann gelingen kann, dass Menschen den Weg auch wieder zurück in die Gottesdienste finden.

Denn die Feier der Eucharistie ist die zentrale Feier christlichen Lebens, Quelle und Höhepunkt unseres Glaubens. Aber daneben gibt es viele verschiedene Gottesdienstformen, die es Menschen ermöglichen, ihren Glauben an Gott mit-einander zu feiern. Ich bin sehr dankbar, dass in unserem Bistum schon viele neue Wege möglich und sicherlich noch ausbaufähig sind. So habe ich eine Einladung bekommen, zu einem Gespräch im Pfarrgarten über Gott und die Welt: offene Ohren, offene Herzen und ein Glas Wein – mehr braucht es nicht.

Sie haben eben angedeutet, dass es selbst innerhalb der Kirche nicht weit her sei mit dem Glauben an den Heiligen Geist...

Schwering: Es sind viele Menschen in der Kirche aktiv, die sich begeistern lassen, aber speziell auf das Pfingstfest hin, glaube ich, dass uns die Begeisterung fehlt. Manchmal wünsche ich mir, dass wir dankbarer wahrnehmen könnten, welche Entwicklung in der Kirche dank des Heiligen Geistes seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vor gut 50 Jahren möglich geworden ist. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass die Verantwortlichen in unseren Kirchen – ich nehme mich da nicht heraus – diesem Geist zu wenig vertrauen und zutrauen. Sie möchten „alles im Griff“ haben, die Geschicke lieber selber lenken und alles selbst regeln.

Hat denn die Kirche genug Anziehungspunkte für Menschen heute?

Schwering: Die Kirche hat schon Kraft! Denn wir haben ein Botschaft, die „Leben in Fülle“ verheißt. Wenn ich mir etwa die Arbeit ansehe, die Menschen in der Flüchtlingshilfe leisten, sie stellen sich einer der größten Herausforderungen der Gegenwart. Oder, dass es noch viele Menschen gibt, die sich ehrenamtlich engagieren, die sich Gedanken um die Zukunft der Pfarrei machen, damit Gottesdienste überhaupt gefeiert werden können, Tote würdig bestattet werden...

Und was würden Sie ändern?

Schwering: Ich würde auf Menschen zugehen und sie fragen, was sie brauchen, um Gemeinschaft, Stille, Gebet und Antworten auf Lebensfragen zu finden. In vielen Gemeinden gibt es bereits Projekte, Gottesdienst anders zu feiern. Es gibt Nachbarschaftstreffs, es gibt Menschen, die sich um Vernachlässigte, Arme, Obdachlose kümmern. Wenn das Pfingstfest heißt, Ihr sollt alle eins sein – nicht nur die Christen, sondern alle – dann ist es natürlich ein Hinweis, eine Willkommenskultur zu entwickeln.

Was machen Sie eigentlich an Pfingsten?

Schwering: In unseren Pfarreien in Roetgen und Rott werden drei Frauen, die das ehrenamtliche Leitungsteam bilden, für weitere drei Jahre beauftragt, Verantwortung für die Seelsorge zu übernehmen. Da werde ich auf jeden Fall dabei sein. Und dann bin ich natürlich auch auf dem Fußballplatz...

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