Aldenhoven - Pfarrer Charles Cervigne: Ein unbeirrbarer Menschenfreund

Pfarrer Charles Cervigne: Ein unbeirrbarer Menschenfreund

Von: Thorsten Pracht
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Am Tatort: An der Eingangstür zum Aldenhovener Pfarrhaus wurde Charles Servigne, den alle nur „Charlie“ nennen, vor einer Woche brutal niedergeschlagen. Seine Haltung und seine Arbeit wird das nicht beeinflussen, sagt er. Foto: Volker Uerlings

Aldenhoven. Der Herr Pfarrer kommt gerade vom Besuch aus dem Altenheim. Birkenstock-Latschen, Jeans, Kapuzenpulli seines Lieblingsvereins Borussia Mönchengladbach. Wer Charles Cervigne sieht, vergisst das mit der Anrede „Herr Pfarrer“ gleich wieder. Vielleicht nennt er sich selbst und eigentlich jeder andere ihn deshalb auch „Charlie“.

Durch die Haustür geht es ins Pfarrhaus. Genau an dieser Stelle wurde Cervigne vergangenen Samstag niedergeschlagen, ohne Vorwarnung, als er gegen 23.10 Uhr die Tür öffnete. „Ich nehme das nicht so schwer wie Unbeteiligte“, sagt der 56-Jährige. Groll, Wut, Aggression gegen den oder die unbekannten Täter? „Liebet eure Feinde“, zitiert der Vater von fünf Söhnen aus der Bibel. „Was nutzt es, wenn ich Feindschaft mit Feindschaft beantworte? Ich glaube, das ist meine Lebensüberzeugung. Und die ist durch den Vorfall nicht in Frage gestellt.“

Seit mehr als 26 Jahren ist Cervigne Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Aldenhoven. Er beerbte Jürgen Fliege, als der zum Fernsehen wechselte. Dabei ist Cervigne, der in Trier geboren wurde, katholisch getauft. Mit neun Jahren schickten seine Eltern ihn ins Kloster zu den Steyler Missionaren in Wittlich, damit er das Gymnasium besuchen konnte.

„So ist die Welt nicht“

„Der Katholizismus ist eindeutiger. Das habe ich wahrscheinlich mitgebracht“, sagt Cervigne. Kombiniert mit der Freiheit des Protestantismus habe er so eine eigene Richtung gefunden. Dazu kommt, dass er immer schon ein geschichtlich denkender Mensch gewesen sei. Mit 16 Jahren organisiert er seine erste Demo gegen die „Hilfsgemeinschaft der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS“. Als er 18 ist, tritt er aus der Kirche aus. „Die Padres sagten mir: So wie du bist, wirst du in der katholischen Kirche nicht glücklich.“ Über einen Chor lernte er den Protestantismus kennen und wurde evangelisch. Dass er Pfarrer werden wollte, sei ohnehin schon immer klar gewesen. „Wäre ich katholisch geblieben, wäre ich heute Missionar.“

Und irgendwie ist er das auch. Cervigne besucht jeden – ob Jung oder Alt, ob gläubig oder nicht. Er mischt sich ein, kommentiert bei Facebook. Seit etwa sechs Wochen habe er im Internet die eine oder andere Drohung aus der rechten Szene erhalten, erzählt er. „Dieses hysterische Angstgefühl hat seit einigen Monaten zugenommen“, sagt Cervigne und meint die Auswirkungen der Diskussionen über Flüchtlinge. „Die Seelen sind nicht glücklich, obwohl es niemandem schlechter geht.“ Es sei also eine Form von Seelsorge, sich um Leute zu kümmern, die durch die Situation verunsichert seien. Und die gäbe es zuhauf. Mittlerweile würden Leute ihm sagen, dass sie nicht mehr auf die Straße gehen. Ältere Menschen, die den Krieg erlebt haben, sagen: Ist das nicht eine schlimme Welt? „Da sieht man mal, was Agitation bewirken kann“, meint Cervigne. „Es muss Menschen geben, auch die Medien, die den Wehrlosen, die nicht mehr differenzieren, sagen: So ist die Welt nicht.“

Diese Arbeit beginnt in seiner Gemeinde im Kindergottesdienst, sie geht an Schulen weiter, in der Offenen Jugendarbeit und im Konfirmandenunterricht. Einmal im Jahr fährt Cervigne mit 50 Jugendlichen „aus unteren Schichten“ nach Berlin, für die Kinder ist das kostenlos. Sie besuchen Gedenkstätten, Mahnmale, ein Konzentrationslager. „Diese Leute machen wir immun, denn sie haben alles gesehen“, sagt Cervigne. An drei Schulen gibt er Religionsunterricht, mit dem zusätzlichen Gehalt bezahlt die Gemeinde den Sozialarbeiter. „Lothar, ich gehe für dich anschaffen“, scherzt der Pfarrer häufig.

Für seine Konfirmanden gehört ein Besuch des Konzentrationslagers Breendonk bei Antwerpen zum Pflichtprogramm. Jeder der etwa 14-Jährigen übernimmt zusätzlich eine Patenschaft für einen ehemaligen jüdischen Bürger Aldenhovens in der NS-Zeit. Manchmal teste er Jahre nach der Konfirmation, ob sie den Namen des Bürgers noch kennen – keiner habe ihn je vergessen. „Wenn man beharrlich bei einer Sache bleibt, machen irgendwann andere mit“, sagt Cervigne. Im Laufe der Zeit hat er viele dazu bewegt, mitzumachen.

Aus 20 Bewerbern hatte ihn die Gemeinde damals ausgewählt. „Wenn es mir hier gefällt, wird das meine Heimat“, sagte der junge Pfarrer gleich bei seinem ersten Besuch in Aldenhoven. Genauso ist es gekommen. „Die Menschen hier sind immer geradeaus, nicht besonders fromm, aber sie haben das Herz am rechten Fleck“ sagt Cervigne.

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