Aachen - Peter Werner verlässt die Höhner, doch seine Lieder bleiben

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Peter Werner verlässt die Höhner, doch seine Lieder bleiben

Von: Madeleine Gullert
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Sieht hier irgendjemand Peter Werner? Nein, geht auch gar nicht. Denn zum Kölner Sessionsauftakt 2014, den das Foto zeigt, stand Höhner-Mitgründer Peter Werner wie all die Jahre zuvor auf der Bühne. Dieses Jahr, am Mittwoch, dem 11.11., wird er das erste Mal seit mehr als 40 Jahren Teil des feiernden Volks an Alter Markt und Heumarkt sein. Foto: stock/Chai von der Laage
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Peter Werner macht jetzt Dinge, die er immer schon machen wollte. Foto: Universal Music

Aachen. Peter Werner ist stolz auf sein Lebenswerk. 1972 gründete er die Höhner, die seitdem mit Liedern wie „Viva Colonia“ und „Echte Fründe“ nicht nur in Köln Erfolge feiern. In diesem Jahr aber haben der 66-Jährige und sein Bandkollege Janus Fröhlich den Abschied von der großen Bühne angekündigt. Warum Peter Werner sich zu diesem Schritt entschloss und wie er auf die am Mittwoch beginnende Session blickt, verrät er im Interview.

 

Herr Werner, was machen Sie am kommenden Mittwoch, dem 11.11.?

Werner: Ich werde mit Sicherheit mal zum Heumarkt zur Sessionseröffnung in Köln fahren. Ich werde mich da unters Volk mischen und mir das ganze mal von unten angucken. Das habe ich noch nie erlebt. Und man sollte im Leben ja häufiger die Perspektive wechseln. Ich werde mir meine Kollegen angucken und bin gespannt, wie die neuen Lieder ankommen.

Die andere große Karnevalsband in Köln, die Bläck Fööss, boykottieren die Sessionseröffnung, weil es ihnen zu viele Menschen, und vor allem zu viele Betrunkene am Heumarkt gibt. Wie bewerten Sie das?

Werner: Der Karneval ist kein starres Gebilde, sondern entwickelt sich weiter wie eine Sprache. Es ist etwas Lebendiges. Es gibt jetzt neue junge Bands in Köln wie Kasalla und Cat Ballou. Das finde ich toll. Als Brings damals neu waren, sind die Leute auch zunächst skeptisch gewesen, und jetzt ist die Band voll etabliert. Es gibt einen schönen philosophischen Spruch: Der Mensch will Dauer, das Leben will Veränderung. Das stimmt: Der Mensch will immer, dass alles so bleibt, wie es ist. Doch das Leben ist ein ständiger Fluss, minütlich ändert es sich – und das gilt auch für den Karneval.

Ist es kein komisches Gefühl, dass Sie künftig nicht mehr zum Beispiel bei der Sessionseröffnung auf der Bühne sind?

Werner: Da gibt es keine Wehmut. Mit dem Herzen bin ich voll dabei. Und es ist ja auch nicht so, als wären wir im Streit auseinandergegangen. Wir freuen uns, dass die Band zwei gute und liebenswerte neue Musiker gefunden hat. Wir sind weiterhin alle befreundet, und ich arbeite weiter am Projekt Höhner mit – aber eben meist im Hintergrund, zum Beispiel an der neuen Show mit dem Zirkus Roncalli. Und wenn Janus und ich Lust haben, treten wir mit den Höhnern auf.

Und hatten Sie seit Ihrem Ausstieg Ende August schon Lust?

Werner: Ja, beispielsweise beim Festival Birlikte gegen die Rechten in Köln. Da standen wir dann mal eben zu acht auf der Bühne. Auch bei der Verabschiedung vom Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters waren Janus und ich mit dabei. Mit Sicherheit treten wir hier und da mal im Karneval auf, wenn wir Lust haben. Und als die Kollegen letztens in Montpellier das neue Album produziert haben, sind Janus und ich drei Tage mit runtergefahren und habe die Refrains mitgesungen.

Wenn Sie noch so ein bisschen dabei sind: Warum dann überhaupt der Ausstieg?

Werner: Auszusteigen war eine sehr lange und gut überlegte Entscheidung. Es ging einfach darum, die Band zu verjüngen. Die Höhner sind eine Art Marke. Wir leben von den Liedern. Es ging mir darum, dass die Höhner noch lange existieren können. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Ich bin am 3.November 66 geworden – sechs mal die elf. Das passt doch. Jetzt ist ein Zeitpunkt, an dem man einen neuen Impuls in die Band bringen kann.

Hatten Sie 1972 geahnt, dass Sie mit den Höhnern solch einen Erfolg haben würden?

Werner: Überhaupt nicht. Die Band ist aus einer Laune heraus entstanden. Die erste Gage betrug 80 Mark. 20 Mark für jeden. Damals sind wir noch als Hühner aufgetreten, haben Federn geschmissen und haben Höhnerhoff Rock gesungen. Wir wollten als Studenten etwas Geld dazuverdienen. Dass das so ein Senkrechtstart wurde, hätte ich niemals gedacht.

Woran erinnern Sie sich aus 44 Jahren Höhnern besonders gern?

Werner: Ich habe 15.000 Auftritte hinter mir. Ich habe viele tolle Sachen erlebt. Dafür bin ich dem lieben Gott sehr dankbar. Es gibt so ein paar Meilensteine. Ein beeindruckender Moment war das berühmte Arsch-huh-Konzert gegen Rechts 1992, wo 100.000 Menschen zum Chlodwigplatz kamen. Stolz bin ich auch auf das erste Höhner Classics zum 20-jährigen Bestehen der Band.

Wir mit einem Orchester – das war legendär. Und jetzt ist es eine feste Institution. Und völlig baff waren wir, als wir plötzlich zum ersten Mal auf Platz eins der Charts waren – mit „Wenn nicht jetzt, wann dann“ als Deutschland Handballweltmeister wurde. Da waren wir vor Robbie Williams und Madonna. Das ist ein grandioser Erfolg. Würde ich alles erzählen, könnte ich bis Morgen reden.

Und all diese tollen Momente und der Applaus werden Ihnen sicher nicht fehlen?

Werner: Ich bekomme im Augenblick viel Applaus von meinen vier Enkelkindern. Das war auch ein wichtiger Grund, mich zurückzuziehen. Ich weiß natürlich nicht, wie es mir in einem Jahr geht. Ob ich dann nicht denke: Mensch, Peter, du ständest jetzt doch gern da oben in der Kölnarena auf der Bühne. Das kann ich noch nicht abschätzen. Im Augenblick fühle ich mich in meiner neuen Rolle im Hintergrund sehr wohl. Ich habe die Höhner gegründet. Das ist mein Lebenswerk, und ich möchte, dass das sehr erfolgreich weitergeht.

Das heißt, Sie können sich vorstellen, dass es die Höhner auch noch in 30 Jahren gibt?

Werner: Genau. Es sind die Lieder, die die Menschen faszinieren. Seit der Gründung der Band gab es immerhin schon drei Sänger. das darf man nicht vergessen. Natürlich ist Henning am längsten mit dabei, aber „Echte Fründe“ und „Räuber“ hat beispielsweise Peter Horn gesungen. Die Band lebt von den Songs wie „Viva Colonia“, „Schenk mir heut Nacht dein ganzes Herz“ oder „Wann jeit dr Himmel widder op“. Sie sind das Kapital. Ich stelle mir vor, dass ich in 20 Jahren mit dem Rollator in die Philharmonie zu dem Höhner Classic Konzert gehe, und dann steht niemand mehr auf der Bühne, der jetzt in der Band ist.

Wenn die Lieder das Wichtigste sind. Welches bedeutet Ihnen besonders viel?

Werner: Ich sage mal: Man kennt die Höhner schwerpunktmäßig aus dem Karneval von „Räuber“ bis „Dicke Mädschen“. Zu diesen Liedern feiern die Leute. Im Sufismus, der Mystik des Islam, sagt man: Die Sonne scheint, aber gleichzeitig strahlen die Sterne. Der Karneval, das ist die Sonne bei den Höhnern. Die Sterne im Hintergrund, das sind die anderen Projekte. Die stützen das ganze Licht der Höhner. Es gibt auch Leute, die uns im Karneval gar nicht besonders mögen, aber sehr gerne zu unserer Höhner Rockin‘ Roncalli Show oder zu den Weihnachtskonzerten kommen.

Was bedeutet Ihnen der Karneval?

Werner: Karneval ist der Ursprung und das große Standbein. Von Köln aus geht es in die Republik, nicht umgekehrt. Mir ist es aber wichtig, dass die Höhner eine rheinische Stimmungsband mit Haltung sind. Wir engagieren uns für Obdachlose in Köln und für Kinder. Wir transportieren Stimmung, aber es ist nicht Banane und Trallala. In der Religionsphilosophie spricht man von x-, y-, z-Achse. Das x könnte die Lebensfreude, das y vielleicht die Lebenshilfe und das z übergeordnete spirituelle Weisheiten sein.

Weisheiten?

Werner: Ja, wie die „Trone die de lachst, musste nit kriesche“, die Träne, die du lachst musst du nicht weinen. Das ist so ein Beispiel. Und solche Momente gibt es in vielen Liedern. Das sind übergeordnete Weisheiten. „Der Augenblick, der ist genau jetzt“ bei Viva Colonia weist sehr prägnant auf die Vergänglichkeit hin. Es gibt nur einen Moment, der sich nicht wiederholt auf der Welt.

Wie wichtig sind Ihnen diese nachdenklichen Elemente?

Werner: Sehr wichtig. Ich habe Germanistik, Musik und Religionswissenschaften studiert. Einige Jahre habe ich auch als Lehrer gearbeitet, bevor ich entschied, mich voll auf die Höhner zu konzentrieren. Wir sind – wie man es heute nennt – Singer-Songwriter. Wir spielen unsere eigenen Kompositionen und unsere eigenen Texte. Das, was und wie man es singt, ist mir wichtig. Das neue Lied „Kumm loss mer danze“ handelt von Integration. Es geht darum, auch zusammen zu tanzen, zu feiern, zu singen und miteinander Leichtigkeit zu erleben. Das gilt speziell in der jetzigen Situation mit den vielen Flüchtlingen. Viele unserer Songs sind sehr inte­grativ.

Welche Botschaft liegt Ihnen denn besonders am Herzen?

Werner: Jeder ist etwas Besonderes, aber keiner ist etwas Besseres. Und wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden. Ich habe nie geglaubt, etwas Besseres zu sein, nur weil ich gerade auf einer Bühne stehe und Fans applaudieren. Ich fühle mich als normaler Mensch. Dankbarkeit ist mir auch sehr wichtig. Ich hatte sehr viel Glück in meinem Leben. Dafür bin ich dem lieben Gott, meinen Kollegen, den tollen Mitarbeitern aber vor allem meiner Frau und meinen Kindern sehr dankbar. Sie mussten auf vieles verzichten.

Und wie nutzen Sie jetzt Ihre neue Freizeit?

Werner: Ich möchte meiner Familie etwas zurückgeben, besonders meiner Frau. Man weiß ja nicht, wie lange der liebe Gott einen hier auf der Erde lässt. Insgesamt pflege ich meine Freundschaften. Soziale Kontakte sind unwahrscheinlich wichtig. Leider kommunizieren viele Menschen nur noch über Facebook. Aber ich glaube, dass man zusammensitzen und Gemeinschaft leben muss. Wenn man mit Freunden gemeinsam ein Weinchen trinkt und zusammen philosophiert. Das ist doch wunderbar.

Und haben Sie sich sonst Hobbys zugelegt?

Werner: Ich mache Dinge, die ich schon immer machen wollte. Ich nehme mir Zeit für Kultur. Letzte Woche war ich in Berlin im Theater. Es klingt vielleicht lustig, aber ich habe mir immer gewünscht, ich könnte mal so schön wie ein Mönch schreiben. Ich habe deshalb schon einen Kalligraphiekurs gemacht, so richtig mit Tusche und Feder. Das ist sauschwer, oder vielleicht bin ich untalentiert.

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