Peter Millowitsch über die Stadt, die er liebt

Von: Christina Diels
Letzte Aktualisierung:
5875783.jpg

Köln. Ein paar Wochen Urlaub kann sich Peter Millowitsch im Jahr vorstellen. „Aber dann ist wieder gut“, sagt der 64-Jährige. Dann zieht es ihn zurück in seine Heimat Köln. Der Leiter des Millowitsch-Theaters spricht im Interview mit unserer Zeitung über seine Liebe zur Domstadt am Rhein, das Kölsche Lebensgefühl und den Erzfeind Düsseldorf.

Was hat Köln, was Ihnen keine andere Stadt jemals geben könnte, Herr Millowitsch?

Millowitsch: Köln ist meine Heimat, damit geht es schon mal los. Und die Leute sagen von Köln, das ist die nördlichste Stadt Italiens. Hier in Köln ist das Lebensgefühl einfach „easy going“.

Wie würden Sie das Kölner Lebensgefühl einem Nicht-Kölner beschreiben?

Millowitsch: Es ist relativ stressfrei, ein bisschen ruhiger, aber nicht im Sinne von langweilig. Eher nach dem Motto: Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Aber der Nicht-Kölner muss dafür nach Köln kommen. „Wenn ihr es nicht fühlt, ihr werdet es nicht erjagen“, hat Shakespeare gesagt. Man muss das erfühlen, man kann es keinem erklären.

Woher kommt Ihre Liebe zu Köln?

Millowitsch: Das kommt ganz einfach dadurch, dass ich hier aufgewachsen bin. Köln ist die Stadt, die mich versteht. Und Köln ist die Stadt, die ich verstehe.

Was ist Köln heute?

Millowitsch: Köln ist eine Medienstadt. Hier tut sich was, hier wird viel gedreht, und das ist gut für mich, so habe ich eine Menge Schauspieler für mein Theater.

Und was war Köln früher?

Millowitsch: Köln war schon ganz früh eine Stadt, die Touristen angezogen hat. Schon im Mittelalter hat man hier für die Touristen gesorgt und im 12. Jahrhundert den Tourismus angeschoben.

In welche Richtung entwickelt sich Köln?

Millowitsch: Köln wird sich in die Richtung entwickeln, die es eingeschlagen hat, und die seit 2000 Jahren funktioniert: als Touristenstadt. Der Tourismus mit den Kirchen funktioniert zwar nicht mehr so doll wie früher. Aber die römischen Ausgrabungen, die sind sehr interessant. Und der Dom zieht auch Jahr für Jahr sehr viele Besucher an.

Ist das denn die richtige Richtung aus Ihrer Sicht?

Millowitsch: Ja, wohin soll sich Köln denn sonst entwickeln? Eine Industrie-Metropole war Köln noch nie, und die wird es auch nie werden. Es sei denn, man würde auf die IT-Technik setzen, auf eine saubere Industrie. Ich bin jedenfalls immer noch glücklich hier.

Also sind Sie auch einverstanden mit baulichen Maßnahmen wie etwa dem Rheinauhafen. Passt das zu Köln?

Millowitsch: Ja, das passt. Und diese Treppe, die da gebaut werden soll, die würde mir auch gefallen. Da sollen auf einer gewissen Länge Terrassen bis an das Rheinbett gebaut werden. Das fände ich sehr schön. Ich weiß nur nicht, ob ich das noch erlebe. Vielleicht auf meinem Totenbett. Denn in Köln, da geht nichts von heute auf morgen. Allein wie lange es dauert mit der U-Bahn, die immer noch nicht fertiggestellt ist.

Begeistert Sie Köln jeden Morgen neu, wenn Sie über die Aachener Straße zu Ihrem Theater kommen?

Millowitsch: Wenn ich nach Köln reinfahre, freue ich mich jeden Tag. Ich treffe die Nachbarn, das ist wie in einem Dorf: die Kneipenbesitzer, die Leute vom Dekorateurladen, die Mädchen von dem Fingernagelstudio, ich kenne sie alle. Auch den Mann, der das Obst ins Café nebenan bringt, kenne ich. Und das war immer so. Schon bei meinem Vater, meinem Urgroßvater, meinem Ururgroßvater und bei meinem Urururgroßvater. Da ist immer Zeit zu fragen: „Morgen, wie isset? Was machste?“ Das ist easy going. Und wenn es an dem Tag nicht passt, spricht man sich eben einfach wieder am nächsten.

Sie wohnen aber selbst nicht in der Stadt?

Millowitsch: Nein, ich wohne schon immer auf dem Land. Auch meine Eltern haben schon auf dem Land gewohnt. Die Luft ist da einfach angenehmer.

Wie lange könnten Sie es ohne Köln aushalten?

Millowitsch: Nicht so lange. Im Urlaub ist das okay, aber dann ist auch wieder gut.

Warum lieben Kölner ihre Stadt so sehr?

Millowitsch: Das weiß ich nicht, jeder liebt seine Stadt. Auch die Münchener lieben ihre Stadt. Aber die Kölner die lieben ihre Stadt, weil es eben das größte Dorf am Rhein ist, das ist einfach wunderbar.

Können Sie trotzdem über Ihre Stadt lästern?

Millowitsch: Ja. Wenn ich allein die Ampelschaltung auf der Aachener Straße sehe, da kriege ich die Komplettkrise. Das ist überhaupt kein System hinter. Oder anders: Das System ist, dass es keines ist.

Ziehen Sie auch über andere Städte her?

Millowitsch: Das kann ich gar nicht. Denn die kenne ich gar nicht so gut, als dass ich da was zum Lästern wüsste (Pause). Außer über Düsseldorf.

Über den Erzfeind der Kölner. . .

Millowitsch: Ja, Düsseldorf ist der Erzfeind, seit ich denken kann. Ich weiß gar nicht, woher das kommt. Ich habe mir überlegt, dass es vielleicht daher kommt, dass die Kölner stinksauer darüber waren, dass die Engländer Düsseldorf zur Landeshauptstadt gemacht haben und nicht Köln.

Aber Hass ist es nicht.

Millowitsch: Nein, es ist kein tiefer Hass. Dass Düsseldorf der Erzfeind ist, das ist gut so. Denn eine Pointe kommt in jedem meiner Stücke vor. Mein Großvater ist übrigens in Düsseldorf geboren, das wusste ich bis vor kurzem gar nicht. Das hat ein Düsseldorfer Heimatkundler rausgefunden. Ganz schön peinlich.

Akzeptieren Sie als geborener Kölner die Wahlkölner – wie etwa Erzbischof Meisner?

Millowitsch: Die Immis, ja klar, warum nicht, auch das sind Kölner. Aber ich würde sie eher Passkölner nennen, oder Wohnamtskölner. Aber geborene Kölner sind das nicht.

Nennen Sie bitte fünf Orte, die Sie an Köln lieben.

Millowitsch: Das Rheinufer, den Dom, die Ausgrabungen unterm Rathaus, die Altstadt (Pause). Und mein Theater.

Stört Sie das ständige Gerüst am Kölner Dom nicht?

Millowitsch: Bei einer Domführung, da habe ich mal erfahren, wie viel wirklich zu tun ist am Dom. Und das versöhnt mich etwas mit diesem Aluminiumgestell.

Was wäre Köln ohne das Millowitsch-Theater?

Millowitsch: Es wäre um eine unglaubliche Sensation ärmer.

Zu der Beerdigung von Ihrem Vater Willy Millowitsch war halb Köln auf den Beinen. Was hat Ihren Vater so beliebt gemacht?

Millowitsch: Das war ausverkauft. Willy war so identitätsstiftend, nach dem Krieg war das Theater das erste, das in Köln wieder normal funktionierte. Der spätere Kanzler Konrad Adenauer (von 1917 bis 1933 sowie kurzzeitig nach Ende des Zweiten Weltkriegs Kölner Oberbürgermeister, d. Red.) hatte meinem Vater Zuteilungen für Baumaterial gegeben, weil er erkannt hat, dass die Leute Unterhaltung brauchen. Das Theater war relativ unbeschädigt, und so konnte es im Oktober 1945 schon wieder aufmachen.

Hat Ihnen Ihr Vater das Talent zum Schauspielen vererbt?

Millowitsch: Das weiß ich nicht. Zwei von uns vier Geschwistern sind Schauspieler geworden – die anderen haben etwas Vernünftiges gemacht.

Und die Liebe zu Köln, ist die erb-lich?

Millowitsch: Die Liebe zu Köln. Ubi bene, ibi patria! Da, wo es mir gut geht, da ist mein Zuhause.

Sie spielen Theater. Sie schreiben. Theaterstücke. Und sie leiten das Millowitsch-Theater. Was mögen Sie am liebsten?

Millowitsch: Das Theater zu leiten ist das, was am wenigsten erfreulich ist, das ist Verwaltungskram. Stücke zu schreiben macht in Grenzen Spaß. Theater zu spielen am Abend und Regie zu führen, das macht am meisten Spaß.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert