Perspektiven für katholischen Religionsunterricht

Von: Christina Diels
Letzte Aktualisierung:
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Bildnummer: 51398220 Datum: 23.03.2006 Copyright: imago/Paul von Stroheim Bibelstunde - Mädchen betet mit der Bibel, Objekte , Personen , Highlight , Symbolfoto , ; 2006, model released, Gebet, betend, beten, Bibeln, Religionsunterricht, Die heilige Schrift, Frau, Frauen, jung, junge, Christentum, Schriftzug, Gestik, Bitte, bittend, bitten, Vertrauen; , quer, Kbdig, Einzelbild, Deutschland, ,/ Religion, evangelische Kirche, close Foto: dpa

Aachen. Warum lässt der liebe Gott Kinder krank werden? Wie kann er im Himmel eigentlich sitzen? Und kann er durch Wände schauen? Alles Fragen, die Kinder stellen, wenn sie sich für Religion interessieren. „Kinder konstruieren ihren Glauben mit solchen Fragen, und wir Erwachsenen müssen passende Antworten finden“, sagt Guido Meyer, Professor am Lehr- und Forschungsgebiet Religionspädagogik der RWTH Aachen.

Damit der Religionsunterricht nicht an Kindern und Jugendlichen vorbeigeht, wollen Religionspädagogen wie Meyer genau hinschauen, wie Schüler denken. Und auf die Frage nach dem Sitz im Himmel würde Meyer so eingehen: „Macht es etwas aus, wie er da oben sitzt? Kannst du mit ihm beten?“

Über neue Perspektiven im katholischen Religionsunterricht geht es auch auf einer Tagung an diesem Wochenende, die Meyer und sein Kollege Jean-Pierre Sterck-Degueldre vom Katechetischen Institut koordinieren. Pädagogen, Referenten und Politiker aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden sind dazu eingeladen (Infos beim Katechetischen Institut, Eupener Straße 132, Aachen, Telefon 0241/600 04 12, per Mail susanne-senden@bistum-aachen.de).

Viele Unterschiede

„Im Religionsunterricht der einzelnen Länder gibt es feine, manchmal aber auch sehr große Unterschiede“, sagt Sterck-Degueldre. Die kennt der Belgier aus seiner Heimat. Dort hat er mehr als 17 Jahre Religion unterrichtet. „Die deutschen Kollegen fragen oft: ‚Aus welchem Schulbuch kann ich arbeiten?‘ Die belgischen Lehrer verfügen nicht über diese In­frastruktur“, sagt er. „Sie improvisieren mehr, tragen Unterrichtsmaterial aus verschiedenen Quellen zusammen.“ Weil Lehrbücher fehlen. Das lohne sich nicht in so einem kleinen Land. Ob das besser ist? Sterck-Degueldre will das nicht bewerten. Fest steht: In Europa regelt jedes Land für sich, wie der Religionsunterricht aussieht. Und darum ist er überall anders.

Auch Meyer bewertet nicht und hält nur fest: „Der Religionsunterricht ist das Resultat einer langen Geschichte.“ So gebe es einerseits das „eher kooperative deutsche Modell“, andererseits „das französische Modell“, das Staat und Kirche strikt trennt. Damit sei Frankreich in Europa eine Ausnahme. Ansonsten teilt sich die europäische Landkarte in Sachen Religionsunterricht in Nord- und Südhälfte. „Die südlichen Länder Europas haben einen konfessionellen Unterricht, der eher kirchenorientiert ist“, sagt Wissenschaftler Meyer. Im Norden sei der Unterricht überkonfessionell organisiert und es gehe um Religionskunde.

Meyer vergleicht die Religion gern mit der Musik. „Wenn man nie ein Instrument gespielt hat, kann man nicht spüren, wie Musik ist. Umgekehrt reicht es auch nicht, nur Musik zu spielen.“ So sei es auch mit Glaubenssätzen und Religionskunde. Die Frage ist, wie viel Glaubenssätze und wie viel Religionskunde es sein muss. „Klar ist in deutschen Landen: Die Mischung macht‘s“, sagt Meyer. „Und natürlich muss man sich immer wieder fragen, wie viel Einfluss die Kirchen nehmen dürfen.“

Birgit Küpper, 54, weiß, worauf es ankommt in der Praxis. Sie unterrichtet Religion an der Käthe-Kollwitz-Schule in Aachen. „Mit Glaubenssätzen kann ich meinen Schülern nicht kommen, ich muss sie dort abholen, wo sie stehen.“ Indem sie auf aktuelle Ereignisse eingeht.

Etwa auf das Gerichtsurteil, dass ein Kind, das durch eine anonyme Samenspende gezeugt worden ist, das Recht hat, seinen biologischen Vater kennen zu lernen. „So kann ich Interesse wecken und die Stellung der Kirche oder der Ethikkommission einfließen lassen.“ Wenn sie wie gerade eine Referendarin ausbildet, dann ist sie zuversichtlich, dass die jungen Kollegen ihr Fach auch künftig zeitgemäß vertreten werden.

Die Abmeldungen

Die Bezirksregierung Köln erhebt keine Zahlen darüber, wie viele Schüler Religion abwählen. Küpper hat nicht das Gefühl, dass die Schüler inzwischen vermehrt fern bleiben. Im Gegenteil, meint Küpper: „Im konfessionsübergreifenden Unterricht habe ich muslimische Schüler dabei, die sich zwar abmelden können, aber dennoch meistens dabei bleiben.“

Auch Heribert Körlings ist überzeugt, dass der Religionsunterricht an deutschen Schulen zukunftsfähig ist. „Hier erwerben die Schüler notwendiges Glaubens- und Lebenswissen“, sagt der Lehrer, der seit fast 30 Jahren Religion unterrichtet – mehr als 25 davon am Kaiser-Karls-Gymnasium in Aachen. „Schüler stellen Fragen nach sich selbst und ihrem Leben. Durch diese Fragen sind sie auf der Suche nach tragfähigen Lebensperspektiven, und ihr Interesse führt auch zum Gespräch über religiöse Deutungen der Wirklichkeit.“

Für Lehrer Körlings hat der Religionsunterricht in der Gesellschaft klar seinen Platz. „Er macht bewusst, inwiefern in der vielfältig vernetzten Wirklichkeit der Wunsch nach gelingenden Beziehungen zum Ausdruck kommt. Und im Kon­trast zur sozialen Situation heute stellt der Religionsunterricht die Koppelung von Leistung und Selbstwert sowie von Geld und Geltung kritisch in Frage.“

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