Perspektiven bieten: 25 Jahre für Arbeit, Umwelt und Kultur

Von: Beatrix Oprée
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Ob Bekleidung oder Möbel: Viel Kreativität fließt in Wiederverwertung und Upcycling bei der Recyclingbörse in Herzogenrath: Altan Saltik und Andrea Kever leiten sie hauptamtlich.
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Der Förderverein Arbeit, Umwelt und Kultur in der Region Aachen feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen.
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Mit dem Sammeln von leeren Flaschen fing alles an: Wilfried Hammers (links) und Hans-Michael Peinkofer stehen dem Förderverein Arbeit, Umwelt und Kultur in der Region Aachen vor. Foto: Oprée

Region. Am Anfang war die Weinflasche. Und die trotzige Entscheidung: „Wir legen einfach mal los!“ Vor 25 Jahren war das, als Wilfried Hammers, Klaus Aldenhoven und Alfons Bäumer den Sprung ins kalte Wasser wagten und den Förderverein Arbeit und Umwelt in der Region Aachen gründeten (später um den Aspekt Kultur erweitert).

Inspiration bot ein Arbeitslosenprojekt in Herford bei Bielefeld. Leere Weinflaschen wurden dort gesammelt, sortiert und Winzern geliefert, die sie spülten, um sie mit neuem Rebensaft zu füllen. Eine Win-Win-Situation für beide Parteien.

Nicht vergessen hat Hammers die Aussage eines Mitarbeiters bei der ersten Ortsbesichtigung in Herford: „Wir Arbeitslose sind der Müll der Gesellschaft. Klar, dass wir uns da auch mit Müll beschäftigen!“ Ein Schlüsselsatz.

Seit den 1980er Jahren verliefen Beschäftigungswachstum und Abbau von Erwerbslosigkeit nicht mehr analog, eine Sockelarbeitslosigkeit begann sich zu verfestigen. „Und in der kirchlichen sozialökologischen Bewegung vor Ort keimte die Idee, sich dieser Entwicklung mit konkreten Maßnahmen entgegenzustellen – beseelt vom Gedanken der Weiter- und Wiederverwertung von Wertstoffen“, sagt Gemeindereferent Hammers.

Ein Anfang mit 2500 leeren Weinflaschen

Mit eigens gesammeltem Geld mieteten die Akteure der ersten Stunde in Herzogenrath eine Halle – ohne Heizung, ohne sanitäre Anlagen. Die Einladung zur Einweihung der neu gegründeten Recyclingbörse am 2. Mai 1990 war gekoppelt an die Bitte, leere Weinflaschen mitzubringen. 2500 Stück bildeten am Ende des Abends den Grundstock des ambitionierten Projekts. „Ein netter Anfang“, kommentiert Hammers die einstige Euphorie.

Schon bald kamen Anfragen, was denn sonst noch alles abgegeben werden kön- ne. Für alte Zeitungen wurde eine Lieferkooperation mit einer niederländischen Firma geknüpft, fürs Altglas mit einer Glashütte in Düsseldorf-Gerresheim. Anhand langer Listen über chemische Zusammensetzungen wurden Kunststoffverpackungen sortiert. Hammers: „Wir hatten zunächst gar keine Strategie. Gesammelt wurde alles, was uns angeboten wurde.“ Sortierung und Abtransport stemmten die Vereinsmitglieder ehrenamtlich. Bis die RWTH Aachen einen alten Bürocontainer zur Verfügung stellte und wenig später erste Mittel aus dem kirchlichen Solidaritätsfonds flossen.

Im Zuge einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wurde Gertrud Fischer als erste Bürokraft eingestellt. Betriebswirtin Andrea Kever übernahm Anfang 1993 die hauptamtliche Geschäftsführung. Angesichts der wachsenden Geschäftsfelder und mehr und mehr eingestellten Mitarbeiter brauchte das Projekt eine professionelle Leitung.

Im selben Jahr versetzte die Einführung des Dualen Systems der jungen Initiative einen herben Schlag. Andere wollten jetzt am Verpackungsmüll verdienen, im großen Stil. Die Arbeitsloseninitiativen hatten das Nachsehen. Fast schmerzlich ist die Erinnerung, wie die letzte Ladung in der Recyclingbörse gesammelter und gespülter Joghurtbecher einfach in den DSD-Container gekippt werden musste. Auch die Glashütte durfte von einem Tag auf den anderen nur noch Altglas aus DSD-zertifizierten Betrieben annehmen.

Allmählich wurden sämtliche Wertstoffbereiche im Sinne des Kreislaufwirtschaftsgesetzes von überörtlichen Stellen übernommen. Immer wieder mussten die Börsianer reagieren, Geschäftsfelder variieren oder neue eröffnen, um die richtige Recyclingauswahl zu treffen. Mittlerweile gibt es neue Kooperationen, etwa – ganz frisch – mit der Regioentsorgung AöR zwecks Leerung der Altkleidercontainer. Schwerpunkt der Börse ist heute die Wiederverwertung und Aufbereitung von gespendeten Möbeln, Kleidung und Hausrat.

Vom Kiosk zum Supermarkt

Das Gebrauchtwarenkaufhaus „Patchwork“, der Treff-Art-Laden „Grenzenlos“, das soziokulturelle Zentrum „Klösterchen“ und der DORV-Laden in Pannesheide gehören neben der Recycling- und Bauteilbörse zum Portfolio des Fördervereins. Eine Bandbreite, die für ein Arbeitslosenprojekt nicht nur in der Region einzigartig ist. „Wir sind vom Kiosk zum Supermarkt gewachsen“, sagt Altan Saltik, Schreiner und seit dem Jahr 2000 Betriebsleiter der Börse. „Ein wenig haben wir uns und unsere Ideale verbiegen müssen. Denn der zu erwirtschaftende Eigenanteil wird immer größer.“

Einen Etat von rund 800.000 Euro verantworten die Börsianer mittlerweile im Jahr und bieten damit Perspektiven für insgesamt 27 Mitarbeiter. Zwölf von ihnen sind fest angestellt, 13 geringfügig beschäftigt, zwei sind Azubis.

Nicht nur der einschneidende Wandel auf dem Wertstoffmarkt hat den Akteuren in zweieinhalb Jahrzehnten viel abverlangt. Auch die Hartz-Reformen bildeten immer neue Herausforderungen. „Die Menschen, die wir beschäftigen, schöpfen neue Hoffnung“, weiß Andrea Kever aus vielen Gesprächen. „Laufen die Förderprogramme aus, fallen sie vielfach in ihr altes Leben zurück, das sie überwunden glaubten.“

Wenn dann auch noch Fördertöpfe schneller leer sind, als vom Job-Center ursprünglich avisiert, trifft dies die Beteiligten besonders hart. Wie aktuell zwei Mitarbeiter nach zwölf Monaten im Programm „Förderung von Arbeitsverhältnissen“ (FAV). Kever: „Könnten sie ein halbes Jahr länger in der Förderung bleiben, würden unsere Einnahmen durch ihre Tätigkeit vielleicht so verbessert, um ihre Jobs zu tragen.“

Die Recyclingbörse im Internet: www.bauteilboerse-herzogenrath.de

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