Pax-Bank-Überfall: Die Spur der linksextremen Bankräuber

Von: Marlon Gego
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Ratlosigkeit nach dem Pax-Bank-Überfall am 19. November 2014: Monatelang hatten die Ermittler keine Ahnung, wer für den Raub verantwortlich sein könnte. Nun läuft der Prozess gegen zwei mutmaßliche Täter. Foto: Archiv/Ralf Roeger
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Weggeworfene Tatkleidung: Zwei Kehrmänner fanden in der Nähe der Pax-Bank Kleidung und eine Waffe, die die Täter beim Überfall benutzt hatten. Foto: Archiv/Ralf Roeger
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Weggeworfene Tatkleidung: Zwei Kehrmänner fanden in der Nähe der Pax-Bank Kleidung und eine Waffe, die die Täter beim Überfall benutzt hatten. Foto: Archiv/Ralf Roeger

Aachen. Als die Putzfrau L. am 19. November 2014 um kurz nach 7 Uhr ihren Schlüssel ins Schloss des Personaleingangs der Pax-Bank steckte, stürmten fünf oder sechs maskierte Bankräuber aus dem Untergeschoss auf sie zu, hielten ihr und ihrer Kollegin eine Pistole an den Kopf und schubsten sie in die Bank.

Die beiden Frauen wurden in einen Konferenzraum im hinteren Teil des Gebäudes geführt, bäuchlings auf den Boden gelegt und mit Kabelbindern gefesselt. Als Frau L. dies im Februar vor Gericht noch einmal schilderte, liefen ihr Tränen über die Wangen.

Sie habe bis heute ständig Angst, „ich sitze auf dem Sofa, weine und fühle, wie mein Leben an mir vorbeizieht“, sagte Frau L. mehr als zwei Jahre nach dem Überfall. Als die Vernehmung beendete war, fiel sie ihrem Sohn vor Saal A 0.020 des Aachener Landgerichts in die Arme, schluchzte laut und hörte minutenlang nicht auf zu weinen.

In solchen Momenten des Prozesses wird deutlich, um was es eigentlich geht, wie viele Menschen bis heute unter dem Schock des Überfalls leiden. Zum entstandenen Schaden des Pax-Bank-Überfalls im Herbst 2014 zählt nicht nur der Raub von 425.410 Euro plus einige tausend Euro Devisen; zum entstandenen Schaden zählen auch die Traumatisierungen der Bankangestellten und Putzfrauen, die während des Überfalls um ihr Leben fürchteten und zum Teil psychisch krank geworden sind. Denn so wie der Prozess am Aachener Landgericht geführt wird, gerät dieser Teil des Schadens sehr leicht in Vergessenheit.

Der Vorsitzende Richter heißt Hans-Günter Görgen, ein gemütlicher Mann Ende 50, der die Flapsigkeit zum Prinzip erhoben hat. Er selbst sagte gleich zu Beginn des Prozesses, er könne ja gar nicht anders als flapsig zu sein, was die Tonart des Prozesses früh definierte.

Wann immer Görgen das Wort hat, geht es freundlich, oft auch lustig zu, es ist ihm egal, ob das Publikum aufsteht, wenn er den Saal betritt oder sitzenbleibt. Görgen hat keine Probleme damit, Späße auch auf seine eigenen Kosten, zu machen. „Die Dolmetscherin hat mich eben schon angeschissen, weil ich zu leise rede“, sagt Görgen zum Beispiel mit gespielter Entrüstung, und natürlich gibt es dann Gelächter im Saal.

Der Schärfe, mit der zwei der vier Verteidiger der beiden Angeklagten einigen Zeugen und der Staatsanwaltschaft begegnen, setzt Görgen Jovialität entgegen. Zum Beispiel, als er sich Mitte Februar mit dem Zeugen Rudolf K., einem Kehrmann, scheinbar endlos und derart tiefgehend über das Wesen des Straßenkehrens auseinandersetzte, dass selbst Oberstaatsanwältin Jutta Breuer Tränen lachte.

All dies passt nicht recht zu der Schwere der Vorwürfe, die im Prozess verhandelt werden sollen. Die Austro-Italienerin Lisa D. (36) und der Portugiese Aderito S. N. (59) sind des erpresserischen Menschenraubes angeklagt, der im mindesten Fall mit fünf Jahren Haft bestraft wird, ein schweres Verbrechen.

Die Aachener Staatsanwaltschaft ist zu der Erkenntnis gelangt, dass der Pax-Bank-Überfall zu einer Serie von insgesamt drei in Aachen begangenen Banküberfällen zählt, die zwischen 2012 und 2014 von Mitgliedern der linksradikalen Hausbesetzerszene Barcelonas begangen wurden. Auch Lisa D. und Aderito S. N. gehören dieser Szene an, S. N. ist gar wegen Bankraubes vorbestraft.

Der Aachener Kriminalpolizist Hans Kessel, der im Auftrag der Aachener Staatsanwaltschaft beim Landeskriminalamt (LKA) die Ermittlungen bezüglich der Bankraubserie führt, schilderte Anfang April als Zeuge, wie die Ermittler Lisa D. und Aderito S. N. identifizierten. Monatelang waren die Ermittlungen ins Leere gelaufen, niemand hatte auch nur eine Ahnung, wer für den Überfall der Pax-Bank verantwortlich sein könnte.

Spezialisten des LKA hatten an einem Mantel, einer Wollmütze, einer Brille und einer Perücke DNA-Spuren einer Frau sichergestellt, die Gegenstände waren am Tag des Überfalls in der Nähe der Pax-Bank gefunden worden. Kessel hatte keinen Zweifel daran, dass es sich um Kleidung handelte, die von der Anführerin der Bande getragen und nach dem Überfall weggeworfen worden war. Das LKA glich die DNA mit verschiedenen Datenbanken in ganz Europa ab.

Im April 2015, also fünf Monate nach dem Überfall, meldete die spanische Polizei eine DNA-Übereinstimmung, einen Treffer. Die DNA in der spanischen Datenbank gehörte einer noch nicht identifizierten Frau, doch die spanische Polizei hatte einen Verdacht. Lisa D. gehörte zu einer Personengruppe, die ohnehin beobachtet wurde, und als es spanischen Beamten gelang, eine Bierdose sicherzustellen, an der Lisa D. getrunken hatte, konnte ihr DNA-Profil erstellt werden: Ergebnis: Sie war es, die Mantel, Wollmütze, Brille und Perücke am Tag des Pax-Bank-Überfalls getragen haben musste. Mitte April 2016 wurde sie in Barcelona verhaftet und später nach Deutschland ausgeliefert.

Auch Aderito S. N. war aufgrund eines DNA-Treffers verhaftet worden, seine Spur fand sich an einem Schraubenzieher, der nach dem Überfall im Tresorraum der Pax-Bank gefunden wurde. Wer die übrigen Mittäter waren, konnte bis heute nicht aufgeklärt werden.

Für den 13. März 2017 hatte Richter Görgen einen spanischen Polizisten als Zeugen geladen, der im April 2016 dabei gewesen war, als Lisa D. verhaftet und ihre Wohnung in einem besetzten Haus durchsucht wurde. Der Dienstname des Polizisten lautet Astor 531, in Spanien ist es üblich, dass Polizisten weder im Dienst noch vor Gericht mit ihrem bürgerlichen Namen genannt werden. Astor 531 durfte nur unter der Voraussetzung als Zeuge zum Prozess nach Aachen kommen, dass sein bürgerlicher Name ungenannt bleibt, so steht es in einem Schreiben seiner Vorgesetzten ans Gericht, das Teil der Prozessakte ist.

Astor 531 wurde also mit einer Dolmetscherin in den Zeugenstand geführt, doch die Verteidiger der Angeklagten erhoben Einspruch. Er solle zunächst einmal sagen, wie er heiße, so sehe es die deutsche Strafprozessordnung vor. Doch wie es ihm seine Vorgesetzten aufgetragen hatten, verweigerte Astor 531 diese Auskunft. Görgen erklärte, leider seien „,cerveza‘ und ,gol‘ die spanischen Worte, die ich am besten kenne“, also „Bier“ und „Tor“, sonst würde er dem Zeugen die Problematik selbst erklären. Lautes Gelächter im Publikum.

Görgen und die vier anderen Richter seiner Kammer zogen sich zur Beratung zurück, um später zu verkünden, Astor 531 müsse seinen Namen nennen oder wieder nach Hause fliegen. Den Hinweis von Oberstaatsanwältin Breuer, das Gericht müsse doch gewusst haben, unter welchen Bedingungen Astor 531 aussagen dürfe, hielt Görgen entgegen, er könne ja schließlich nicht die ganze Akte im Kopf haben. Astor 531 flog am anderen Morgen nach Hause.

Das Publikum lachte das Gericht aus, die Oberstaatsanwältin war sprachlos, und der Steuerzahler hatte mehrere tausend Euro für Anreise, Übernachtung, Abreise und Spesen eines Zeugen bezahlt, den das Gericht geladen und ihm dann die Aussage verweigert hatte.

Der Prozess gegen Lisa D. und Aderito S. N. ist nicht der erste im Zusammenhang mit der Aachener Bankraubserie. Ende 2016 hatte die Niederländerin Lianne Z. in Aachen vor Gericht gestanden, auch gegen sie hatte die Staatsanwaltschaft nicht viel mehr als DNA-Spuren und andere Indizien in der Hand. Auch dieser Prozess war in erstaunlich jovialem Tonfall geführt worden, und am Ende stand nur eines fest: Der Überfall auf die Aachener Bank am 8. Juli 2013 war zwar von Mitgliedern der linksradikalen Hausbesetzerszene Barcelonas begangen worden. Ob aber Lianne Z. dabei gewesen war, sei nicht zweifelsfrei erwiesen. Sie wurde freigesprochen.

Das Urteil über Lisa D. und Aderito S.N. soll am 22. Mai verkündet werden.

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