Würselen - Pater Barnabas übt die Kunst der kurzen Predigt

Pater Barnabas übt die Kunst der kurzen Predigt

Von: Christina Handschuhmacher
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Gastarbeiter Gottes an der Trommel: Pater Barnabas Nyakundi Mangera stammt aus Kenia und predigt in den Würselener Gemeinden. Mit seiner bescheidenen und herzlichen Art hat er die Gläubigen für sich gewonnen. Foto: Michael Jaspers

Würselen. Es gibt diese Momente am Ende oder manchmal auch in der Mitte eines Gottesdienstes, in denen Pater Barnabas Nyakundi Mangera wieder für einige Augenblicke in seiner Heimat ist. In Keroka, einer Kleinstadt im Westen Kenias, in der Provinz Nyanza, knapp 300 Kilometer von der Hauptstadt Nairobi entfernt.

Es sind die Momente, in denen er seine Djembe-Trommel hervorholt, sich in die Mitte des Kirchenschiffs setzt und seine Hände über das Fell der Trommel fliegen lässt.

Trommeln statt Orgelmusik

So wie an Heiligabend in der Pfarrkirche St. Sebastian. Dort, wo noch vor wenigen Sekunden „Stille Nacht, heilige Nacht“ durch die von Weihrauch vernebelte Kirche klang, gibt nun der Takt seiner Hände und der Klang seiner warmen Stimme den Rhythmus vor. Afrikanischer Singsang und Trommeln statt Orgelmusik und Chorgesang. Die Menschen in den Kirchenbänken lächeln. Am Ende gibt es einen warmen Applaus. „Bei Pater Barnabas kommt einfach etwas rüber, etwas Herzliches, Warmherziges“, wird eine Gottesdienstbesucherin später sagen. „Das ist mal ein bisschen was anderes, wenn er den Gottesdienst hält“, sagt ein anderer. „Mit seiner Art kommt er bei uns in der Gemeinde sehr gut an.“

Pater Barnabas freut sich sichtlich, als er von diesen Gesprächen hört. Anfangs habe er Zweifel gehabt, ob das, was er als ausländischer Priester mit in die deutschen Gemeinden bringen würde, von den Menschen positiv aufgenommen wird, sagt er. Doch die Zweifel sind längst verflogen. Und seine Djembe-Trommel – das Geschenk eines australischen Priesters – ist mittlerweile schon fast zu seinem Markenzeichen geworden. „Das Trommeln ist ein Teil von mir“, sagt Pater Barnabas. „Ob als Kind, auf dem Gymnasium oder später im Priesterseminar, ich habe immer getrommelt.“ Und nun trommelt Pater Barnabas eben, wenn sich der passende Anlass bietet, in den Würselener Pfarrgemeinden.

Pater Barnabas Nyakundi Mangera, 36 Jahre alt, und Priester in der Gemeinschaft der Gemeinden (GdG) Würselen, ist einer von neun ausländischen Priestern, die derzeit im Bistum Aachen tätig sind. Er ist innerhalb eines seit drei Jahren laufenden Projekts, das ausländische Priester in die Region holt, im Bistum Aachen. Nach den zuletzt veröffentlichten Zahlen der Deutschen Bischofskonferenz sind 1742 ausländische Priester in Deutschland tätig. Damit kommt mittlerweile jeder neunte Priester, der in Deutschland Dienst tut, aus dem Ausland. Mehr als 50 Prozent von ihnen kommen aus Indien oder Polen, danach folgen Länder in Afrika wie Nigeria oder der Kongo.

Denn während in vielen dieser Länder junge Männer nahezu scharenweise in die Priesterseminare stürmen, befindet sich die Zahl der deutschen Priesterkandidaten seit Jahren im steilen Sinkflug. Während im Jahr 1992 noch 269 neue Priester in Deutschland ihren Dienst aufnahmen, waren es im Jahr 2012 nur noch 79. Selbst eine Studie der Deutschen Bischofskonferenz stellt unumwunden fest, dass wohl kaum ein Bistum im Ausland nach geeigneten Kandidaten Ausschau halten würde, gäbe es keinen so dramatischen Priestermangel in Deutschland.

Ausländische Priester, um den Mangel in Deutschland einzudämmen? Das will Bistums-Pastoralreferent Bernd Jakob Dickmeis so nicht stehen lassen – zumindest nicht für das Bistum Aachen. „Der Priestermangel ist so evident. Da müssten wir 90 ausländische Priester einstellen, nicht nur neun“, sagt Dickmeis, der beim Bistum unter anderem für den Einsatz der ausländischen Priester zuständig ist.

Chance für die deutsche Kirche

Er spricht stattdessen von einem Austausch, der der Weltkirche gut tue. Auch wenn dieser Austausch unbestritten sehr einseitig verläuft. Wer käme schon auf die Idee angesichts des Mangels an Nachwuchs-Geistlichen in Deutschland massenweise Priester ins Ausland zu schicken? „Die ausländischen Priester sind eine Bereicherung für die Gemeinden und eine Chance für die deutsche Kirche“, sagt Dickmeis. Gleichzeitig würde die Zeit im Ausland den Horizont der Priester erweitern. „Das ist sozusagen eine Win-Win-Situation.“

Eine Win-Win-Situation? Natürlich gebe es ab und an Verständigungsprobleme. Und auch an die völlig neue Kultur müssten sich die Priester erst gewöhnen. Aber größere Schwierigkeiten habe er zumindest im Bistum Aachen bislang noch nicht erlebt. „Wichtig ist, dass die Priester eingebunden in ihrer Gemeinde sind, nicht allein gelassen werden und Anschluss finden.“

Anschluss hatte Pater Barnabas von Anfang an. Er gehört zum Spiritaner-Orden, einer Glaubensgemeinschaft, die in mehr als 60 Ländern weltweit vertreten ist. „Wir sind Missionare“, sagt Pater Barnabas. Für ihn stand deshalb schon früh fest, dass er nach seiner Priesterweihe ins Ausland gehen würde. Nun lebt der 36-Jährige mit neun Mitbrüdern – drei afrikanischen Priestern und sechs Deutschen – im Missionshaus der Spiritaner in Broich, einer kleinen Ortschaft, die zu Würselen gehört.

Im Juli 2006 wurde er in Kenia zum Priester geweiht, vier Monate musste er auf sein Visum warten. Anfang November ging es dann endlich nach Deutschland. In ein Land, das er bislang nur aus dem Geschichtsunterricht kannte. In ein Land, in dem so viel anders ist als in seinem Heimatland – angefangen vom Wetter bis zu der Art, wie man hier die Gottesdienste feiert.

„Gottesdienste bei uns in Kenia sind sehr lang. Oft dauert die Predigt so lange wie der gesamte Gottesdienst in Deutschland“, sagt der 36-Jährige. „Die Menschen tanzen während der Messe, es wird gesungen, Piano gespielt.“ Rund zwei Stunden könne so ein Gottesdienst dauern. Als Pater Barnabas schließlich – nach einem neunmonatigen Deutsch-Intensivkurs und einem einjährigen Aufenthalt am pastoraltheologischen Institut in Friedberg bei Augsburg – seine ersten Predigten schrieb, musste er deshalb auch erst einmal lernen, sich kurz zu fassen.

Wie Gottesdienste in Deutschland laufen, wie man mit den Sorgen und Nöten der Gläubigen umgeht, was im Gemeindeleben wichtig ist – all das, erzählt er, habe er in Theorie und Praxis in dem Jahr in Bayern gelernt. Dort liegen wichtige Stationen seines Priester-Daseins in Deutschland: die erste eigene Messe, die erste Beerdigung, die erste Taufe. „In Bayern war ich, um die Arbeit als Priester kennenzulernen“, sagt Pater Barnabas. „In St. Sebastian bin ich nun intensiv eingebunden.“

Seit Anfang 2010 ist Pater Barnabas in Vollzeit in der Gemeinschaft der Gemeinden Würselen tätig. Eine ambitionierte Aufgabe, denn mit zwei anderen Priestern ist er für mehr als 25.000 Katholiken zuständig. St. Sebastian ist die größte fusionierte Pfarrei im Bistum. Sein Terminkalender ist gut gefüllt. Im Auto des Ordens fährt er von Gottesdienst zu Gottesdienst, von Pfarrei zu Pfarrei.

Die Aufregung vor jedem Gottesdienst ist mittlerweile einer gewissen Routine gewichen. Die deutschen Lieder und Gebete kommen ihm nun leicht von den Lippen, auch wenn immer noch einer seiner Mitbrüder seine Predigten gegenliest. „Ich bin angekommen“, sagt Pater Barnabas. Mit seiner bescheidenen und herzlichen Art hat er die Würselener Katholiken für sich gewonnen.

Wie lange er noch hier bleiben wird? Pater Barnabas will sich nicht festlegen. „Ich bin momentan hier in Deutschland, und meine Mission geht noch weiter“, sagt er. „Wenn in einigen Jahren die Zeit kommt und die Kirche mich woanders braucht, dann werde ich dorthin gehen.“

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