Partnerin eines Pfarrers: Die Frau, die es eigentlich nicht geben darf

Von: Sabine Kroy
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Die, die im Schatten leben: Viele Partnerinnen und Partner von Priestern führen über Jahre und Jahrzehnte hinweg ein Leben im Verborgenen. Foto: Benno Schwinghammer/dpa

Aachen. Uta ist die Frau, die es nicht geben darf. Die Nicht-Frau sozusagen. Das gut gehütete Geheimnis vor der katholischen Kirche. Auf ein vereinbartes Zeichen hin verschwindet sie in der Öffentlichkeit von der Seite des Mannes, den sie liebt und der sie liebt.

Was das für ein Zeichen ist? „Dann wäre es ja nicht mehr geheim“, sagt Uta, die seit sechs Jahren die heimliche Frau eines katholischen Pfarrers ist. Und sie sagt auch: „Würde das Zölibat nicht existieren, wäre ich vermutlich seit 15 Jahren die offizielle Frau, und wir hätten Kinder.“

Uta ist natürlich nicht ihr richtiger Name. Sie möchte im Verborgenen bleiben. Jeden Morgen schlüpft die Endvierzigerin in ein Kostüm aus Vorsicht und Heimlichkeit. Sie fährt zu irgendeiner Schule in unserer Region, unterrichtet dort und fährt wieder nach Hause. Ihr Zuhause ist nicht das Zuhause ihres Partners. Der wohnt 60 Kilometer entfernt – „aus Gründen der Sicherheit“. Denn sie hat Angst: „Wir leben in ständiger Anspannung, wir könnten entdeckt werden.“

Ehebett im Pfarrhaus

Wie viele Priester in einer Beziehung leben, ist völlig unklar. Dass Uta kein Einzelfall ist, zeigt die VkPF, die Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen. Sie kommt bei einer vorsichtigen Kalkulation auf etwa zwei Drittel: 33 Prozent, die in einer Beziehung mit einer Frau leben, 33 Prozent in einer mit einem Mann. „Die Anzahl derjenigen, die das Zölibat einhalten, liegt demnach deutlich unter 50 Prozent, und das entspricht der Erfahrung, die wir als VkPF in den letzten 30 Jahren von vielen ratsuchenden Priestern auch zurückgemeldet bekommen haben“, heißt es von Vereinsseite.

Gerade hat der Münchner Pfarrer Rainer Maria Schießler ganz offen über die Liebe zu einer Frau namens Gunda gesprochen. Von Schießler stammt auch der Bestseller „Himmel, Herrgott, Sakrament“, in dem er für eine größere Vielfalt an Lebensformen wirbt. Ein anderer Priester, Anton Aschenbrenner, der seine Liebe zu seiner Birgit publik machte, soll berichtet haben, dass bei der Abnahme der Pfarreiwohnung ein Ehebett im Schlafzimmer stand, aber die Obrigkeit habe bewusst die Augen verschlossen. Macht es heimlich, dann ist es okay – lautet so das Credo?

Entdeckt werden, wobei eigentlich? Bei einer Straftat? „So fühlt es sich immer wieder an, und dabei ist die Bibel voll von der Botschaft Jesu, wie existenziell wichtig die Liebe ist“, sagt Uta, die ihren Partner vor 22 Jahren bei einem beruflichen Projekt kennengelernt hat. 16 Jahre vergingen, bis die beiden sich ihre Liebe eingestanden und eine Beziehung begannen. Und nicht nur eine geheime, sondern auch eine mit sehr viel räumlicher und zeitlicher Trennung. Eine andere Frau, die mit einem katholischen Geistlichen liiert ist, nannte die katholische Kirche im Internet eine „mächtige Nebenbuhlerin und Geliebte“.

Uta berichtet, dass ihr Partner einen 14-Stunden-Tag habe, von 7.30 bis 21.30 Uhr. Jegliche Gremien, besetzt mit Ehrenamtlern, tagen in den Abendstunden. Das Wochenende habe keinen Wochenendcharakter, weil dann Hochzeiten, Taufen, Vorabendmessen, Sonntagsgottesdienste etc. stattfinden.

„Somit verbringe ich diese Tage allein. Das halte ich gut aus, denn Pflegekräften, Ärzten und Schichtarbeitern geht es ja nicht anders“, sagt Uta. Der Unterschied sei nur, dass sie ihren Partner abends nicht zu Hause sehen könne, denn sie könnten nicht in einer Wohnung leben. Ausnahmen bilden gemeinsame Urlaube.

Für die Priester, die mit ihrer Beziehung an die Öffentlichkeit gehen, steht alles auf dem Spiel: ein sicherer Arbeitsplatz, ein gutes Einkommen, das gesellschaftliche Ansehen, die Dienstwohnung und nicht zuletzt das Wichtigste: der Glaube. Priester werden von der Kirche nicht arbeitslosenversichert, weil Arbeitslosigkeit normalerweise im Leben eines Priesters keine Rolle spielt.

Die Interessengemeinschaft VkPF erläutert: „Nach der Suspendierung steht er ohne Lohnersatzleistungen da, denn anders als bei der Rentenversicherung, deren Beiträge für die Dienstzeit ein Bistum für einen ausgeschiedenen Priester nachzahlen muss, ist eine Nachzahlung in die Arbeitslosenversicherung gesetzlich nicht vorgeschrieben und wird demzufolge auch nicht getätigt.“

Der Verein schätzt, dass durchschnittlich pro Jahr 25 Priester von ihrem Zölibatsversprechen entbunden, im Kirchendeutsch laisiert werden. Diese Priester können nicht mehr ins Priesteramt zurück, im Gegensatz zu denen, die „lediglich“ suspendiert sind. Die Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen setzt deswegen die „Zahl der Priester, die die Kirche verloren hat, um ein Vielfaches höher an“.

Nach einer 2015 veröffentlichten Studie der Katholischen Akademie in Berlin sind viele Priester unzufrieden mit der eigenen Ehelosigkeit. Nur etwa die Hälfte von 8600 Seelsorgern, unter ihnen 4200 Priester, würde sich heute wieder für ein Leben ohne Partner entscheiden. Als besonders belastend empfindet die Mehrheit der männlichen Geistlichen demnach den Verzicht auf Sexualität, Intimität und eigene Kinder.

Kinder gehörten für Uta fest zur Lebensplanung. Die Endvierzigerin hatte eine sehr klare Vorstellung davon, „wie meine Partnerschaft aussehen sollte: Eine Ehe wäre nicht von Bedeutung gewesen, aber Kinder schon“. Sie hat nun Kinder aus einer anderen Beziehung. Ihr Kinderwunsch sei auch der Grund gewesen, sich damals, beim Kennenlernen vor 22 Jahren, gegen – wie sie es formuliert – „den Versuch entschieden zu haben, eine Beziehung in Erwägung zu ziehen“, denn für ihn sei klar gewesen, keine Kinder zu haben.

Mittlerweile ringt Utas Partner, den sie als „Pfarrer aus Leidenschaft“ bezeichnet, sowohl mit Beruf als auch mit Berufung: „Er ist nun kurz vor seinem 60. Lebensjahr. Und er hat sich entschieden, nicht weiter unter diesen Bedingungen für seinen Beruf zu leben.“

Wie schwierig diese Entscheidung für ihn gewesen sei, würde deutlich, wenn man die Dauer des Entscheidungsprozesses beachte. Uta kann dem Zölibat nichts Positives abgewinnen, im Gegenteil: „Es ist eine auferlegte Zwangsjacke, die sich jeder junge Priester hat anziehen lassen.“ Eine Zwangsjacke, die letzten Endes nicht nur dem Menschen schade, der sie trägt, sondern auch den Menschen etwas nehme, die ihm begegnen. „Erst durch unsere Beziehung kann er wirklich nachfühlen, was Beziehung beinhaltet.“

Für Uta wird der Traum vom gemeinsamen Leben immer greifbarer. Nach ihrer beiden Zukunft befragt, antwortet er: „Wir haben eine Perspektive ohne unsere alten Berufe. Was wir dann zusammen tun und wann das sein wird, hängt davon ab, wie wir es wollen und wie es in unsere Lebenssituation passt.“

Und sie sagt: „Wenn er satt von seiner Berufung ist. Wenn er das Gefühl hat gehen zu können und dennoch erfüllt zu sein.“ Es gibt noch keinen konkreten Plan und kein konkretes Datum, nur eine Vorahnung. Aber Uta kann das Gefühl des Wandels schon spüren: „Was nicht denkbar war, ist heute durchaus schon zu beschreiben.“

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