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Pannen-Reaktoren: Deutschland fordert wenig

Von: Madeleine Gullert
Letzte Aktualisierung:
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Barbara Hendricks äußert Kritik. Aber was macht die Ministerin sonst? Foto: dpa

Aachen/Brüssel. Alle sieben Atommeiler in Belgien sind zurzeit am Netz. Das hat es seit März 2014 nicht gegeben und erfreut vor allem Betreiber Electrabel und vermutlich auch die belgische Regierung, die häufig vor einem Blackout warnt. Dass auch die beiden umstrittenen Pannenreaktoren Tihange 2 und Doel 3 wieder in Betrieb sind, wird in Deutschland besonders kritisch gesehen.

Die belgische Atomaufsicht FANC (Federal Agency for Nuclear Control) hatte das Wiederanfahren im November erlaubt. Untersuchungen unabhängiger Experten waren der Entscheidung vorausgegangen.

Was passiert beim Treffen?

Jetzt erst können Wissenschaftler aus anderen Ländern dazu Fragen stellen. Am Montag und Dienstag treffen sie sich auf Einladung der FANC in Brüssel zu einem Workshop. „Es gibt noch einige offene Fragen, weil in den Unterlagen der FANC Detailinformationen fehlen“, sagt Xaver Schuler, stellvertretender Vorsitzender des zuständigen Reaktorsicherheitskommissions-Ausschusses.

Mehr darf und möchte er zu seinen Erkenntnissen noch nicht sagen. Schuler wird neben anderen Sicherheitsexperten für das Bundesumweltministerium an dem internationalen Arbeitstreffen teilnehmen.

Gibt es weitere Gespräche?

Mehr als dieses Treffen passiert von deutscher Seite aber nicht. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hatte die beiden Reaktoren zuletzt harsch kritisiert und von „Flickschusterei“ gesprochen. Im Januar werde Deutschland seine Bedenken bei einem Gespräch mit der belgischen Atomaufsicht äußern, hatte sie gesagt und damit gewisse Erwartungen geweckt.

Ein bilaterales Gespräch findet aber nicht statt – und ist auch nie von Deutschland eingefordert worden. „Das deutsche Umweltministerium hat zu keinem Zeitpunkt Kontakt zu uns aufgenommen“, sagt Sébastien Berg, FANC-Sprecher unserer Zeitung. Selbst der Einladung zum Workshop kam aus Belgien und war von Anfang an geplant.

Man wolle die Ergebnisse des Arbeitstreffens abwarten, teilte eine Sprecherin des Bundesumweltministeriums auf Anfrage mit. „Sie sollen die Grundlage für weitere fachliche bilaterale Gespräche zwischen Vertretern der Bundesregierung und Vertretern der belgischen atomrechtlichen Aufsichtsbehörde bilden.“ Anschließend visiere man politische Gespräche mit Belgien an.

Wie gefährlich sind die Risse?

Bei dem Arbeitstreffen geht es erneut um die Bewertung der Tausenden Risse in den Druckbehältern von Doel 3 und Tihange 2. 2012 war bekannt geworden, dass es Risse gibt. Für die FANC stellen sie kein Risiko dar. Untersuchungen zeigten, dass die Risse während der Produktion der Reaktordruckbehälter entstanden seien.

Was sagen andere Experten?

Heinz Smital, Atom-Experte bei Greenpeace, glaubt nicht an die Theorie der FANC. Natürlich könnten bei der Produktion der Druckbehälter Wasserstoffeinschlüsse im Material entstehen – allerdings nicht in dem Ausmaß, das bei Doel 3 und Tihange 2 zu beobachten sei.

Er fürchtet, dass die Risse größer werden können. Smitals Plädoyer: Die Meiler müssen vom Netz. „Es gibt nur einen Reaktordruckbehälter, der darf nicht ausfallen, deshalb sehe ich die Gefahr bei den Rissreaktoren als zu groß an.“ Die belgischen Grünen lassen gerade eine eigene Expertise erarbeiten. Diese liegt aber noch nicht vor, wie Fraktionsführer Jean-Marc Nollet erklärt.

Keine Bedenken gegen den Betrieb der Meiler hat Professor Hans-Josef Allelein. Er leitet den Lehrstuhl für Reaktorsicherheit an der RWTH Aachen. Allerdings hält er eine jährliche Untersuchung der Druckbehälter für zwingend notwendig, um Änderungen in Zahl oder Größe der Risse schnell festzustellen. Das sei aber nicht vorgesehen.

Sind Doel 1 und 2 zu alt?

Allein im Dezember hatte es einige Vorfälle in den belgischen Meilern gegeben – immer im nicht-nuklearen Bereich. In diesem Zusammenhang geriet auch die von der belgischen Regierung verlängerte Laufzeit der ältesten Meiler, Doel 1 und 2, in die Kritik. Ist es fahrlässig, die Reaktoren aus den 70ern noch bis 2025 laufen lassen zu wollen?

Für Greenpece-Mann Smital ist es sehr kritisch, dass die Reaktoren länger als 40 Jahre laufen sollen. „Diese Meiler haben viele Designprobleme, beispielsweise gibt es keine Filteranlagen, die im Falle eines Druckabbaus wichtig sind“, sagt Smital. Zudem sieht er nicht die Notwendigkeit des Betriebs, weil beide Reaktoren nur wenig Strom erzeugen.

Wie viele Vorfälle gibt es?

Kurz nachdem Doel 1 am 30.Dezember wieder in Betrieb genommen worden war, schaltete sich der Reaktor Anfang Januar wegen eines Defekts wieder selbst ab. Electrabel-Sprecherin Anne-Sophie Hugé betont, dass das doch zeige, wie sicher die belgischen Atomkraftwerke seien.

„Auf die Sicherheit des Reaktors hat eine Schnellabschaltung keine Auswirkungen“, erklärt Schuler. RWTH-Experte Allelein erklärt aber auch, dass für jeden Reaktor nur eine bestimmte Zahl an Abschaltungen erlaubt sind. „Das ist alles festgelegt.“ Sei die Zahl überschritten, drohten Materialprobleme. Das könnte gefährlich werden.

„Electrabel steht vorbildlich da, was die Zahl der Vorfälle in den Atommeilern angeht“, sagt Sprecherin Hugé unserer Zeitung. Eine Statistik der FANC bestätigt, dass es 2015 nicht mehr Störungen gegeben hat als in der Vergangenheit. Es waren neun, 2007 hatte es zehn gegeben, 2012 elf.

2015 waren alle Vorfälle auf der niedrigsten Bewertungsstufe für nukleare Ereignisse. „Jeder Vorfall ist kritisch zu sehen, weil er sich weiterentwickeln kann“, sagt Smital. Vor diesem Hintergrund habe auch die Unterscheidung zwischen Vorfällen im nuklearen und nicht-nuklearen Bereich keinen Sinn. Weil jeder Vorfall ungeahnte Konsequenzen haben könne.

Die Vorfälle in den AKW dauerten länger an als früher, wie Greenpeace hervorhob. Das sage mehr aus als die Skala. Eine Auswirkung ist die Verfügbarkeit der AKW. „Die ist in Belgien weitaus niedriger als in Deutschland, weil es häufiger Ausfälle gibt“, erklärt Allelein.

Wie ist Electrabel zu bewerten?

Für Experten ist das ein Zeichen von schlechtem Management. Was in Belgien passiert, spiegele die Sicherheitskultur des Betreibers wieder, glaubt Schuler. Auch Allelein denkt ähnlich: „Electrabel tauscht Teile nur aus, sobald sie kaputt sind, aber nicht präventiv.“ Die Strategie sei es, so wenig wie möglich zu investieren. Dass bei einem älteren Meiler mal ein Teil defekt ist, sei normal.

Smital kritisiert Electrabel scharf. „So jemand dürfte kein AKW betreiben.“ Es sei aber eine wirtschaftliche Entscheidung, wie sehr man das ausreize. Allelein vergleicht das so: „Es gibt Menschen, die tauschen ihre Autoreifen aus, obwohl es rechtlich noch erlaubt wäre damit zu fahren, andere fahren das Profil bis zum Minimum runter.“

Und wie ist es in Deutschland?

In Deutschland würden Einzelteile in Meilern derzeit noch vorbildlich vorsorglich ausgetauscht, sagt Allelein. Er glaubt, dass sich deshalb die Debatte zurzeit auf Belgien kapriziere. Die Verfügbarkeit der AKW hierzulande sei hoch. Doch er fürchtet – da Deutschland den Atomausstieg beschlossen hat – dass auch deutsche Betreiber künftig eher profit- als sicherheitsorientiert agieren. Allelein glaubt, dass in deutschen AKW bald belgische Zustände drohen. Man werde sich an Vorfälle in Atomkraftwerken gewöhnen.

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