Pakete, die Essen und Wärme schenken

Von: Angela Delonge
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Aachen. Montag ist ein guter Tag. Wenn Frank Jung den Kühltransporter der Aachener Tafel an die Laderampen der Supermärkte und Discounter zwischen Brand und Laurensberg fährt, gibt es von allem reichlich. Joghurt, Dillhappen, Kekse, Obst, Gemüse, Fertiggerichte – eben alles, was die schöne, bunte Welt der Supermärkte zu bieten hat.

Dann schleppt Frank Jung Kisten über Kisten mit Lebensmitteln, die tags drauf nicht mehr verkauft werden dürfen. Weil die Verpackung beschädigt ist, oder weil das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist. Lebensmittel, die laut Gesetz vernichtet werden müssten.

Für viele Einzelhändler und Filialleiter kommt das nicht in Frage. So oder so ist solche Ware ein Verlustgeschäft. Dann doch lieber spenden und damit eine gute Sache wie die Tafel unterstützen. „Das tun wir gerne und ganz bewusst“, sagt zum Beispiel Edeka-Marktinhaber Andreas Hatlé.

Rund 35 Lebensmittelhändler von klein bis groß fahren die Fahrer der Aachener Tafel pro Tag im Stadtgebiet an. Zweimal täglich sind die Autos, die von Aachener Unternehmen und Organisationen gesponsert sind, unterwegs, oft sind die Kisten anschließend anderthalb Meter hoch im Wagen gestapelt.

„Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich körperlich arbeite“, sagt Frank Jung und lacht. Bis vor kurzem war er Prokurist bei einer großen Versicherung, verantwortlich für 1300 Leute. Seit Mai fährt er ein bis zweimal pro Woche ehrenamtlich für die Aachener Tafel. „Etwas Gutes“ will er tun. Vor allem „für die Kinder, die ja nichts dafür können“. Und etwas Sinnvolles. „Das ist hier total gegeben“, sagt der 45-Jährige über die Arbeit bei der Tafel. Dem Vater von drei Kindern ist klar geworden: „In Deutschland ist Chancengleichheit leider nur ein Wort.“ Seine beiden Söhne hat er schon mitgenommen auf Tour. „Meine Arbeit hier gibt auch meiner Familie viel Anlass zum Nachdenken“, sagt er.

Frank Jung ist einer von neun Fahrern. Sie sind Ehrenamtler wie er, Sozialhilfeempfänger und Bufdis (Bundesfreiwilligendienstler). Sie wissen: Auch Dienstag ist ein guter Tag für die Tafel. Denn dann werden die lokalen Bäcker angefahren. Das Brot, das hier täglich außer montags abgeholt wird, stapelt sich oft in 50 bis 60 Kisten.

Vor allem aber geht es dienstags zu Früchte Kamp. In dem Obst- und Gemüsegeschäft arbeitet die ganze Familie mit – Vater Horst, Mutter Dorothea, Tochter Katja, und wenn das Tafel-Auto kommt, hat Vater Kamp ordentlich eingekauft. Seit 23 Jahren spenden die Kamps Woche für Woche, die Reste vom Wochenende werden immer mit frischer Ware ergänzt. Fast 300 Kilo Obst und Gemüse werden dafür extra geordert. „Wir wollen, dass die Leute ordentliche Sachen bekommen“, sagt Katja Kamp. „Die füllen richtig gut auf“, sagt Frank Jung voller Anerkennung. Er weiß, dass es im Tafelladen immer an Obst und Gemüse mangelt.

Kunden mit gültiger Kundenkarte können dort täglich ab 16 Uhr Lebensmittel einkaufen – zum Preis von einem Euro pro Einkauf. Die Kundenkarte weist die bedürftigen Menschen aus, die Transferleistungen vom Staat wie Hartz IV oder Grundsicherung bekommen. Und das werden immer mehr. „Allein im November haben wir 80 neue Haushalte hinzubekommen“, sagt Jutta Schlockermann, Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins Aachener Tafel. Und betont: „Es ist nicht lustig, zur Tafel zu gehen, auch wenn wir uns hier um Würde bemühen.“ Dass der Gang zur Tafel für die meisten Menschen ein schwerer ist, kann Frank Jung bestätigen. „Es ist den Leuten peinlich, hier im Laden einkaufen zu müssen; oft sagen sie, es sei ja nur vorübergehend.“


Rund 200 Haushalte besorgen sich jeden Tag ihr Essen über die Tafel. Tendenz steigend. Insgesamt zählte die Tafel Anfang November fast 4000 registrierte Haushalte mit etwa 3000 Kindern, die schon fragen, wann die Weihnachtskisten kommen. „Alle freuen sich darauf“, sagt die Vorsitzende. Denn in den Kisten wird nicht nur Essen sondern auch menschliche Wärme transportiert. Da werden Karten und Grüße hineingegeben, viele Kisten sind mit großer Sorgfalt und sehr liebevoll gestaltet. „Die Weihnachtskiste ist eine Gabe von Mensch zu Mensch“, sagt Jutta Schlockermann. Ein Funke, der überspringt.

Rund 2000 Weihnachtskisten haben die Aachener im vergangenen Jahr gepackt. „Eine großartige Geste“, findet Jutta Schlockermann, die wieder möglichst viele Haushalte bedacht wissen möchte. „Es kommt wirklich auf jede Kiste an. Denn die Situation der Menschen wird nicht besser.“

Weihnachtsaktion

In diesem Jahr findet die Aktion wieder im Ballsaal des Alten Kurhauses (Eingang: Komphausbadstraße 19) statt. Spender können die Kisten am Mittwoch, 19. Dezember, von 10 bis 18 Uhr abgeben. Das Team World of Fitness und die Coda-Apotheken haben sich bereit erklärt, Kisten an verschiedenen Aachener Adressen entgegenzunehmen. Die Ausgabe an bedürftige Bürger findet am Donnerstag, 20. Dezember, von 10 bis 16 Uhr statt. Weitere Informationen unter Tel. 9977474.


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