Open-Air-Konzerte: Naturschützer sorgen sich um Fledermäuse

Von: Angela Delonge
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Das Schloss in der Zitadelle Jülich mit dem vorgelagerten Renaissancegarten: Hier sollte die Open-Air-Aufführung „Nabucco“ stattfinden. Doch Naturschützer sahen die im Schlosskeller und den Gängen der Anlage lebenden Fledermäuse gestört. Foto: Guido Jansen
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Henrike und Holger Körber aus Langerwehe und der Arbeitskreis Fledermausschutz, der zum Nabu Düren gehört, sind nicht die einzigen, die sich in der Region für Fledermäuse einsetzen. Foto: Angela Delonge

Jülich/Nideggen. Die Fledermäuse in der Jülicher Zitadelle haben in diesem Sommer ziemlich viele Leute in Aufregung versetzt. Die kleinen Tiere, deren Element die Luft und deren Leben die Nacht ist, haben es tatsächlich geschafft, kulturbeseelte Nachtschwärmer der Gattung Mensch aus ihrem Lebensraum zu verdrängen – nur für einen Abend, aber immerhin gab es deswegen einigen Aufruhr.

Ein geplantes Open-Air-Konzert von „Nabucco“ musste an einen andern Ort verlegt werden. Wenn man über die Fledermäuse in der Jülicher Zitadelle reden will, muss man zunächst über Zahlen sprechen: Es sind nicht nur ein paar, wie manche Leute glauben. Eher sind es 500, vielleicht auch 1500, jedenfalls eine ganze Kolonie, die hier nicht nur überwintert, sondern die 450 Jahre alte Festung neuerdings auch als Sommer- und sogar als Paarungsquartier nutzt.

Was diese Zahlen angeht, sind die örtlichen Fledermausschützer ziemlich sicher, seitdem hochsensible Horchboxen in den Gängen die Flugaktivitäten der Tiere rund um die Uhr aufzeichnen. „Hier ist viel mehr los als wir dachten“, sagen sie schon nach den ersten Monaten der Beobachtung.

Tatsächlich gesehen haben sie allerdings bisher nur einen Bruchteil der Tiere. Denn Fledermäuse sind an ihren Wohnorten – kleinsten Löchern und Spalten im Mauerwerk – ungefähr so leicht aufzuspüren wie eine Nadel im Heuhaufen.

Fledermäuse sind eine besonders geschützte Art, deshalb ist sowohl das Fangen der Tiere als auch das (Zer)stören des Lebensraums verboten. Um aber über Fledermäuse fachgerecht forschen zu können, was der Arbeitskreis ehrenamtlich und in Eigenregie tut, muss man sie irgendwann mal fangen. Dazu braucht man Netze, aber vor allem auch eine „Netzfangbefähigung“ und überhaupt die Erlaubnis, dies zu tun. Henrike Körber darf das – sie ist Biologin und Fledermausexpertin.

Zusammen mit ihrem Mann Holger bittet sie regelmäßig eine Handvoll fledermausbegeisterter Leute aus Jülich und der weiteren Umgebung zum Netzfang – zu Forschungszwecken. Mit Stirn- und Taschenlampen macht sich das Grüppchen auf in die dunklen, feuchten Gänge der Zitadelle, wo die Fledermausschützer manchen Sommerabend verbringen. Sie verhängen die Einflugschneisen mit hauchfeinen Netzen und warten – manchmal stundenlang – darauf, dass die Tiere da hineinfliegen.

An diesem Abend ist es kurz nach 20 Uhr, als die erste Fledermaus ins Netz geht. Es ist eine Bechsteinfledermaus, eine besonders bedrohte Art, die es nur in Mitteleuropa gibt und die deshalb den Maßstab für alle hiesigen Artenschutzmaßnahmen setzt. Ein Fledermausschützer klaubt sie aus dem Netz, was äußerst kompliziert ist, und hält sie fest in der Hand.

Sie soll gemessen und gewogen werden. Männchen oder Weibchen, auch diese Frage muss beantwortet werden. Es ist ein Mann, keine Frage, aber er protestiert heftig, schreit laut und zeigt seine wirklich vielen und sehr spitzen Zähne. Am Ende schafft er es zu entwischen. Die Enttäuschung ist groß, aber Henrike Körber beruhigt die Kollegen. Das sei doch erst der Anfang gewesen. Und tatsächlich gehen in dieser Nacht noch mehr als 50 Tiere ins Netz.

Zu dem denkwürdigen „Nabucco“-Fall kam es Anfang September, als innerhalb der Zitadelle eine Open-Air-Aufführung der Verdi-Oper stattfinden sollte. Ein herrlicher Ort für Freunde der italienischen Oper, sollte man meinen. Ein Eventveranstalter hatte das Kulturspektakel der Stadt Jülich angeboten, man hatte freudig zugesagt.

Die Fledermausschützer waren entsetzt: Eine solche Veranstaltung mit massiven Licht- und Toneffekten könnte das Leben der Fledermäuse, die just im August und September ihre Paarungszeit haben und deshalb viel unterwegs sind, erheblich stören: heiße Scheinwerfer, die Insekten anlocken und in deren gefährliche Nähe sich deshalb Fledermäuse mit ihren großen Flügeln verirren könnten; die Lautstärke, die den Ortungssinn der Tiere stört, so dass sie ihre Einflugschneisen nicht mehr finden könnten.

Kurzum, die Fledermausschützer fragten bei den zuständigen Behörden an, ob es für die Veranstaltung denn auch das erforderliche Artenschutzgutachten gebe. Das gab es nicht, „Nabucco“ wurde im Jülicher Brückenkopfpark aufgeführt, der auch schön ist und extra für solche Veranstaltungen geschaffen wurde.

Aber bei manchen Karteninhabern hatte sich trotzdem Unmut breit gemacht. Verständlich, meinte Bürgermeister Axel Fuchs (parteilos), der damals sagte, man habe ja nicht wissen können, dass in der Zitadelle schützenswerte Fledermäuse hausen. Zudem sei nie vom Innenhof als Veranstaltungsort die Rede gewesen. Also alles nur ein Missverständnis?

Man darf gespannt sein, wie die Geschichte weitergeht und zugleich die Frage stellen, ob der Erhalt bedrohter Arten und das menschliche Bedürfnis nach Unterhaltung gegeneinander abgewogen werden dürfen. Für ersteres gibt es die Bundesartenschutzverordnung mit rechtsverbindlichen Regeln. Andererseits gibt es in vielen Städten historische Gemäuer, vor deren grandioser Kulisse vieles wünschenswert erscheint.

Auch der Jülicher Bürgermeister sagte auf eine entsprechende Anfrage unserer Zeitung: „Wir möchten die Zitadelle marketingmäßig besser einbinden.“ Er sagte aber auch: „Wir möchten eine umwelt- und sozialverträgliche Nutzung möglich machen.“ Was das genau heißt, bleibt abzuwarten.

Fakt ist, dass die Zitadelle dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) des Landes gehört, wegen des dort befindlichen Gymnasiums gibt es mit der Stadt seit 1977 einen Vertrag, der die Nutzung des Areals auch für „gewöhnliche außerschulische Zwecke“ erlaubt, die bisher vom Schulamt genehmigt wurden. Doch „Nabucco“ rief die Untere Landschaftsbehörde des Kreises Düren auf den Plan, und seitdem ist klar: ohne Artenschutzgutachten keine abendliche Großveranstaltung in der Zitadelle.

Will die Stadt in dieser Sache weiterkommen, muss sie ein solches erstellen lassen. Das ist langwierig und kostet. Wie viel und wer das bezahlt, das weiß der Bürgermeister noch nicht. Für Henrike Körber, die seit 20 Jahren die Fledermauspopulation in der Zitadelle untersucht, ist das alles mehr als unverständlich, und sie fühlt sich auch ein wenig vor den Kopf gestoßen: „Man bräuchte uns nur zu fragen“, sagt sie. Es seien ausreichend Daten für ein Gutachten vorhanden und „bessere Daten als die, die wir zusammengetragen haben, gibt es nicht“.

Henrike Körber hat das Gefühl, dass man die ehrenamtlichen Fledermausschützer in dieser Sache nicht ganz ernst nimmt. Dabei ist Körber Biologin und selbst eine anerkannte Gutachterin. Für sie als Fledermausexpertin kommt als einzig denkbarer Kompromiss in Sachen Open-Air-Konzert ohnehin nur der Brückenkopfpark in Frage. „Wir haben in der Zitadelle so exzellente Arten, dass man in dieser Hinsicht nichts riskieren sollte“, sagt sie.

Riskant wäre zum Beispiel, darauf zu setzen, dass die Tiere dem Lärm und Licht einfach ausweichen und sich andere Öffnungen oder Gemäuer suchen. Das ist „suboptimal“, sagt Körber, denn „Fledermäuse sind sehr standorttreue Tiere, die können nicht so schnell umdenken, schon gar nicht für einen Abend“.

Markus Dietz ist auch ein Biologe, der sich mit den Fledermäusen in der Region auskennt. Sein Institut für Tierökologie und Naturbildung kümmert sich im Auftrag von RWE um die Schaffung neuen Lebensraums für die Fledermäuse, deren alter Lebensraum der Hambacher Forst war. Dietz teilt die Einschätzung von Henrike Körber. Der Spätsommer sei eine „sehr sensible Phase“ für Fledermäuse und deshalb aus Artenschutzsicht einfach der falsche Zeitpunkt für solche Veranstaltungen.

Henrike Körber hat einen Stein ins Rollen gebracht. Denn Städte wie Jülich stehen nun vor einem Dilemma. Einerseits verfügen sie über attraktive historische Orte, die sich prächtig für Open-Air-Events nutzen ließen, andererseits werden sie sich wohl oder übel fragen lassen müssen, ob und wie solche Veranstaltungen mit dem Artenschutz vereinbar sind. Für die berechtigten Interessen beider Seiten müssen nun Lösungen gefunden werden.

Die Kulturinitiative des Kreises Düren hat bereits reagiert: Für das Festival „Bühne unter Sternen“ Mitte September auf Burg Nideggen wurde ein spezieller Schallschutz für die dortigen Fledermäuse im Gewölbekeller installiert, das geplante Feuerwerk wurde abgesagt. Forscher der Uni Gießen zeichneten das Verhalten der Tiere während der Konzerte auf. Das Ergebnis dieser Untersuchungen könnte durchaus Auswirkungen auf die Zukunft von manchem Sommerfestival haben.

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