Opa war im Krieg: Viele offene Fragen über dunkle Zeiten

Von: Alexander Barth
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Alte Dokumente können viele Fragen klären - viele Informationen sind in den Wirren der Kriegsjahren jedoch verloren gegangen. Foto: Alexander Barth
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Aus einer Zeit, als man noch Erfolge in die Heimat meldete: deutsche Soldaten 1940 in Frankreich. Foto: stock/Seeliger
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Akten, die Geschichte erzählen: In den Regalen der WASt in Berlin lagern 300 Millionen Kriegsunterlagen, darunter Erkennungsmarken von Vermissten oder Gefangenenakten der West-Alliierten. Foto: stock/Seeliger
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Der Herr der Akten: Hans-Hermann Söchtig, Amtsleiter der Deutschen Dienststelle, an seinem Schreibtisch in Berlin. Foto: Tim Brakemeier/dpa
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Überraschung: In den Unterlagen der WASt taucht ein Foto des Großvaters des Autors auf, das in der Familie bisher nicht bekannt war. Foto: Alexander Barth

Aachen/Berlin. Mein Opa war großartig. Lustig, herzlich, versessen auf Fußball und Schokolade gleichermaßen. Aber es gibt auch den blinden Fleck, ein im Familienkreis weitgehend ausgespartes Thema.

„Opa war im Krieg“ - dieser Satz, seit meiner Kindheit immer wieder gehört, klingt heute vielen aus der Enkelgeneration im Ohr, deren Vorfahren zu den rund 18 Millionen Deutschen gehörten, die im Namen des NS-Größenwahns in den Zweiten Weltkrieg marschierten.

Vor zehn Jahren ist mein Großvater gestorben, mit fast 90 Jahren. Ich habe nie gefragt, wo er war, was er erlebt hat oder wie er zum NS-Regime stand – und ich bedaure es heute.

„Opa war im Krieg“ – lange Zeit war überhaupt nicht viel mehr als dieser Satz. Kindheit und Jugend waren nicht die Zeit für Fragen nach den düsteren Jahren im Leben meines Großvaters – die ihn, wie so viele seiner Generation, geprägt haben. Von sich aus hat er so gut wie nie erzählt. Auch meine Großmutter weiß nur wenig. Er habe die „schlimmen Erinnerungen weggeschlossen“, erzählte sie mir. Anders als viele Männer seiner Generation hat er sich jedoch nie in sich verkrochen, wie ich weiß.

Scheinbar endlose Regale

Wer wie ich auf der Suche nach Antworten ist, für den beginnt die Suche nicht selten auf der Internetseite einer Behörde mit sperrigem Namen. „Wehrmacht, Werdegang, Auskunft“, lauten passable Suchbegriffe in diesem Zusammenhang. Schnell stößt man auf den Webauftritt der „Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht“, kürzer: WASt oder „Deutsche Dienststelle“.

In deren riesigem Archiv in Berlin lagern mehr als 300 Millionen Unterlagen, etwa zu Wehrmachtssoldaten aus dem Zweiten Weltkrieg, Kriegsgefangenen der West-Alliierten oder auch Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Scheinbar endlos ziehen sich die Regale in den Backsteinbauten einer früheren Waffen- und Munitionsfabrik im Norden Berlins.

Das Bedauern, nie nachgefragt zu haben, der Wunsch nach Informationen – diese Gedanken reiften offenbar nicht nur bei mir erst in den vergangenen Jahren, glaubt man Hans-Hermann Söchtig. Er ist der Leiter der Dienststelle mit dem sperrigen Namen und damit Herr vieler bis heute unerzählter Geschichten. Auch 70 Jahre nach Kriegsende hat das Interesse nicht nachgelassen. „Ganz im Gegenteil, wir haben stabil hohe Anfragezahlen“, erklärt Söchtig. Fast 40.000 waren es allein 2014. Bis zu einem Jahr kann daher die Bearbeitung einer privaten Anfrage zu militärischen Dienstzeiten dauern.

Ob Kriegskinder, vermisste Soldaten oder Kriegsverbrecher – die Motivationen, aus denen heraus sich Menschen bis heute um Auskunft bemühen, sind vielfältig. Immer jedoch geht es um ein Einzelschicksal, ein fehlendes Fragment im Gesamtmosaik eines Lebenslaufs. In den Akten verbergen sich Geschichten von Opfern und Tätern. Doch es findet sich auch Positives. So half die Behörde etwa Anni-Frid, Sängerin der schwedischen Popgruppe Abba, ihren deutschen Vater zu finden. Auch das Grab des in Rumänien gefallenen Vaters von Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder machte die Dienststelle ausfindig.

Daneben gibt es natürlich Tausende aufgeklärter Schicksale ohne Promi-Beteiligung. „Durch unsere Arbeit haben die Angehörigen die Möglichkeit, einen Ort der Trauer zu finden“, erklärt Behördenleiter Söchtig. Und gerade aus der Enkelgeneration verzeichnet die Dienststelle ein wachsendes Interesse, bestätigt er. Viele wollen wie ich wissen, welche Rolle ihr Großvater im Krieg hatte. Wann und wo er im Einsatz war. Ob er verwundet wurde oder in Kriegsgefangenschaft geriet. Anders als ich kannten viele ihre Vorfahren nicht einmal persönlich.

Über die persönlichen Fragen hinaus gibt es aber auch ein öffentliches Interesse. 2006 sorgte die Dienststelle für Aufsehen, als Dokumente aus ihrem Archiv veröffentlicht wurden, die eine SS-Mitgliedschaft des jüngst gestorbenen Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass belegten. 2013 bestätigte die Behörde, dass der 2008 gestorbene Schauspieler Horst Tappert („Derrick“) Mitglied der Waffen-SS war. Herausgegeben werden dürfen solche Informationen nur, wenn die Betroffenen selbst – oder bei Gestorbenen die nächsten Angehörigen – zustimmen.

Wenige Angaben genügen

Für mich, der sich aus den Akten des WASt Informationen über den Werdegang und die Stationen seines Angehörigen in den dunkelsten Jahren der deutschen Geschichte erhofft, bedarf es lediglich der Angabe des Verwandtschaftsverhältnisses und einiger persönlicher Daten. Nachdem der Suchantrag via Online-Formular gestellt ist, beginnt die Wartezeit auf Antwort aus Berlin. Genügend Zeit für ein paar Fragen in die persönliche Stille. Was, wenn die Wehrmachtsunterlagen Unangenehmes hervorbringen, gar das Bild der Erinnerung an den geliebten Großvater trüben?

Frankreich, Russland – die Stationen waren mir bekannt aus seinen raren Erzählungen. Ein paar Fotos, die Erinnerungen meiner Großmutter – willkommene, aber wenig aussagekräftige Hinweise. Einen militärischen Werdegang erhoffe ich mir von den Akten. Und noch mehr. „Jede verfügbare Information ist willkommen und wertvoll“, habe ich im Kommentarfeld des virtuellen Suchantrags vermerkt.

Einige Wochen nach der Kontaktaufnahme mit der WASt erhalte ich einen Brief als Eingangsbestätigung, der noch einmal auf die Wartezeit von bis zu einem Jahr hinweist – bedingt durch die gestiegene Zahl der Anfragen in der jüngeren Vergangenheit, heißt es. Dabei wird auch der Fernseh-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ genannt, der offenbar viele dazu animiert hat, Fragen nach der Rolle von Vorfahren während der Zeit des NS-Regimes zu stellen.

Während der weiteren Wartezeit versuche ich auch, die biografischen Eckpfeiler des Großvaters zu sortieren, die sich abseits der Soldatenzeit und der zu erwartenden Unterlagen bewegen. Hier hilft mir meine Großmutter mit ihrer Bereitschaft zu erzählen. Von den Jahren, in denen sie immer wieder monatelang auf Nachricht ihres Mannes warten musste. Bäcker war er vor der Entfesselung des Kriegswahnsinns. Meine Großmutter lernte er an deren Arbeitsplatz kennen, fragte sie, ob er sie auf dem Heimweg begleiten dürfe – der Rest ist Familiengeschichte.

Recherchemittel für Nazijäger

Die Akten der Deutschen Dienststelle in Berlin dienen neben den vielen persönlichen Anfragen auch als Informationsquelle für wissenschaftliche Forschungen oder staatliche Stellen. In etwas weniger prominenten Fällen geht es etwa auch mal darum, ob jemand, nach dem eine Straße benannt werden soll, an Kriegsverbrechen beteiligt war. Den Nazijägern der NS-Fahndungsstelle in Ludwigsburg arbeitet die Berliner Behörde ebenfalls zu.

Auch für Ehrungen werden die Unterlagen zu Rate gezogen, zum Beispiel für die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel. „Es gab durchaus Wehrmachtsangehörige, die geholfen haben“, sagt Söchtig. „Unsere Dokumente können Leute nicht nur be-, sondern auch entlasten.“ Für ihre Zuarbeit erhielten er und seine Mitarbeiter oft Dankesschreiben von Angehörigen – manchmal sogar aus Israel. Selbst bei der sehr großen Zahl Akten gilt laut Söchtig allerdings auch: „Wir können nicht in jedem Fall helfen.“ Lücken gibt es immer.

Ein dicker Umschlag aus Berlin

Ich habe Glück. Nach rund zehn Monaten erhalte ich einen dicken Umschlag. Darin finde ich unter anderem Kopien des Wehrstammbuchs, in dem neben persönlichen Angaben auch dezidiert die Standorte seiner Einheit aufgeführt sind – von der Aufstellung im Jahr 1939 über den Frankreich-Feldzug bis hin zu Einsätzen in den Tiefen Russlands und der Ukraine.

Mit den Informationen aus den WASt-Akten geht es dann noch einmal an die eigene Recherche. Mit wertvollen Informationen auf dem Weg hin zu so etwas wie einem Lebenslauf der Jahre 1939 bis 1945 wälze ich Literatur und durchforsche das Internet. Militaria-Stoffe haben mich, trotz großer Affinität zu Themen der Zeitgeschichte, nie wirklich interessiert. Nun sind sie zu notwendigen und präsenten Themen auf meiner Suche geworden.

Die Einsicht in die Akten der WASt hat mir einen bisher nahezu unbekannten Teil der Biografie meines Großvaters zumindest teilweise offenbart. Ein wunderbarer Opa war er, sagt die Kindheits- und Jugenderinnerung. Erst der jüngeren Vergangenheit entstammen die Gedanken an den Mann, der mit Wunden an Körper und Seele aus dem Krieg zurückkehrte. Der im Schlaf immer wieder nach seinen Kameraden schrie, wie meine Großmutter erzählte.

Was ihn bewegt und betroffen hat oder welche Rolle die menschenverachtende NS-Ideologie für ihn gespielt haben mag, werde ich nicht mehr erfahren. Und damit bleibt auch der Wunsch, gefragt zu haben.

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