Oldtimerdiebstähle: Hans Laschet sucht sein altes Auto

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
Ford Mustang 1969
Der Ford Mustang von Hans Laschet. Foto: Privat

Aachen. Wer eine Ahnung von Hans Laschets Schmerz bekommen möchte, muss in sein Wohnzimmer gehen, das ein Museum und zugleich ein Spielzimmer ist, ein Spielzimmer für große Jungs. Es ist voller Modellautos, es gibt Poster und Bücher über den Ford Mustang.

Die kleine Theke am Ende des Zimmers trägt den Schriftzug des Motors, den Hans Laschet in seinen Mustang eingebaut hatte, mit eigenen Händen: Boss 302. In diesem Zimmer wird Hans Laschet in jeder Sekunde an den Verlust seines Mustangs erinnert, der am Hangeweiher in Aachen gestohlen wurde, am Nachmittag des 2. August. An einem Freitag im August sitzt Laschet in seinem Wohnzimmer und schaut zu Boden, damit er nicht ständig an seinen Mustang denkt. Er sagt: „Ich muss mein Auto wiederhaben, unbedingt.“

Laschets Mustang war der neunte Oldtimer, der seit dem 24. Mai in Aachen gestohlen wurde. Die Ermittlungen der Polizei haben bislang nichts ergeben, niemand weiß, wer die Autos gestohlen hat, wer die Diebstähle in Auftrag gab, wohin die Autos gebracht wurden. Niemand weiß, ob die Diebstähle zusammenhängen, ob es eine Serie oder ob es Zufall ist, dass so viele alte Autos innerhalb so kurzer Zeit in derselben Stadt gestohlen wurden. Kürzlich hat die niederländische Polizei in Kerkrade und in Roermond zwei Hallen mit gestohlenen Autos entdeckt, doch unter den sichergestellten Autos, die zum Teil auch Oldtimer waren, fand sich keines aus Aachen.

Dirk Quenter ist so etwas wie ein Oldtimer-Experte, er hat selbst eine Werkstatt für Oldtimer, insbesondere für alte Mercedes-Modelle. Außerdem ist er Mitglied der Aachener Gruppe des Vereins der Heckflossenfreunde (VDH), einer von Daimler-Benz anerkannten Vereinigung, die sich der Pflege automobilen Kulturguts annimmt. Und weil von den neun in Aachen gestohlenen Oldtimern vier von Mercedes waren, sagt Quenter: „Die Oldtimerszene in Aachen ist nervös geworden.“ Viele Eigentümer alter Autos schlafen weniger ruhig als noch bis vor zwei Monaten, viele haben Angst um ihre Autos. Quenter sagt, es gebe Mitglieder seines Vereins, die sich zum ersten Mal ernsthaft Gedanken um Diebstahlsicherungen machen würden.

Oft ist es gar nicht der monetäre Wert der Autos, um den sich Oldtimerbesitzer sorgen, es geht viel mehr noch um den ideellen Wert, um den emotionalen. Wie bei Hans Laschet.

Seit er ein Kind war, hatte Laschet von einem Mustang geträumt. Es war die Zeit, als die amerikanischen „muscle cars“ („Muskelautos“), erschwingliche Mittelklasse-Coupés oder -Cabrios mit großen Achtzylindermotoren, die Auto gewordene Verkörperung des amerikanischen Traums waren, der auch in Europa geträumt wurde. Sie wurden besungen, bekamen cineastische Denkmäler gesetzt, sie standen für Freiheit, Stärke und Individualität. 1983, da war er 22, kratzte Laschet mit Mühe 4500 Mark zusammen, um sich einen alten Ford Mustang kaufen zu können.

Das Auto war in schlechtem Zustand, Laschet bastelte jahrelang daran herum, eigentlich bis heute, seit 32 Jahren. Einmal in seinem Leben hat Laschet sich Geld von der Bank geliehen, 6000 Mark, um einen neuen Motor für seinen Mustang kaufen zu können, den Boss 302: acht Zylinder, fünf Liter Hubraum, 400 PS. Das Besondere an Laschets Auto ist, dass es so kein zweites Mal auf der Welt existiert.

Für viele Oldtimersammler ist entscheidend, dass alle Teile original sind, vom Motor bis zum profanen Dichtungsring. Laschet aber hatte nicht genügend Geld, um sich solche Ambitionen leisten zu können, in seinem Mustang sind viele Teile verbaut, die nicht original sind. Auch die Karosserie ist einzigartig, Laschet hat sie sich so zurechtgezimmert, wie er sie immer haben wollte. Laschet hat sich erheblich länger und intensiver mit seinem Auto beschäftigt, als es die meisten großen Schriftsteller mit ihren Büchern oder die meisten Maler mit ihren Gemälden getan haben. Der Mustang ist Laschets Kunst-, vielleicht so etwas wie sein Lebenswerk.

Auf der ganzen Welt bekannt

Man kann eine solch enge Beziehung zwischen Mensch und Maschine belächeln. Man kann aber auch einfach akzeptieren, dass nicht jeder Mensch dieselben Prioritäten in seinem Leben setzt.

Dass die Polizei noch immer nichts über die neun gestohlenen Autos weiß, könnte nach Ansicht von Hans Laschet und Dirk Quenter drei Gründe haben: 1.) Die Oldtimer stehen in irgendwelchen Hallen in Holland oder Belgien und werden nicht bewegt. 2.) Die Oldtimer sind nach dem Diebstahl sofort nach Holland oder Belgien geschafft und in ihre Einzelteile zerlegt worden. Die Ersatzteile seltener Autos sind teuer, der Wert der Summe der Einzelteile ist manchmal höher als der Oldtimer selbst. 3.) Die Oldtimer sind umlackiert, haben neue Fahrgestellnummern und sind per Schiff unterwegs in alle Welt. Die Aachener Region ist für Auto- und andere Diebe wegen ihrer Grenznähe attraktiv. Strafverfolgung über Grenzen hinweg ist für die Polizei noch mühsamer als ohnehin schon.

Die Chance, dass die gestohlenen Mercedes-Modelle, der Jaguar, der Porsche 911, der alte VW Bulli und der BMW Z1 wiedergefunden werden, ist gering. Umlackiert und mit gefälschter Fahrgestellnummer können die Autos bald wieder gefahren werden, auch zerlegt sind sie wertvoll. Bei Laschets Mustang aber ist das anders.

Das Auto kann von den Dieben kaum als Ganzes verkauft werden, weil es einzigartig ist. Selbst wenn es umlackiert würde, wäre die Chance hoch, dass es selbst in entlegenen Teilen der Welt identifiziert würde. Die Fangemeinde der Mustangs ist riesig, Laschets Auto ist in diesen Kreisen auf der ganzen Welt bekannt. Im ersten Mustang-Club Deutschlands, gegründet 1985, hat Laschet die Mitgliedsnummer eins, jeder Mustang- Enthusiast kennt ihn und seinen Wagen. Und weil nicht viele Originalteile in seinem Mustang sind, lohnt es kaum, das Auto zu zerlegen, es ist nicht viel wert. Laschet sagt: „Mein Auto wurde aus Versehen geklaut.“

Als Laschet am Tag des Diebstahls den Eindruck bekam, dass die Polizei sich nicht besonders viel Mühe mit der Aufklärung der Tat geben würde, haben er und seine Frau noch am Tatort begonnen, nach Zeugen zu suchen. Am selben Abend startete Laschet über Facebook einen Suchaufruf, der mehr als 20.000 Mal verbreitet wurde, bis in die USA. Nur dank seiner Initiative weiß Laschet, dass es ein Motoradfahrer und sein Beifahrer waren, die das Auto in Aachen aufbrachen. Kurz darauf beobachtete ein Autofahrer, wie der Motorradfahrer und sein Beifahrer, der nun Laschets Mustang steuerte, mit stark überhöhter Geschwindigkeit Richtung Holland fuhren. Danach verliert sich jede Spur. Laschet glaubt, dies sei ein Hinweis darauf, dass der Wagen tatsächlich in irgendeine Halle nach Holland gefahren worden und seitdem nicht mehr bewegt worden sei. Bei so vielen Menschen, die die Augen offenhalten, könne es gar nicht anders sein.

Ein Auto bleibt eben ein Auto

Wenn ein Auto gestohlen wird, laufen bei der Polizei meist sehr ähnliche Prozesse ab. Die Fahrgestellnummer wird ins Fahndungssystem eingegeben, auch in die ausländischen. Wenn Autos von Herstellern betroffen sind, die einzelne Fahrzeugteile mit Nummern versehen, werden auch diese Nummern in die Systeme eingegeben. Wenn Autos aus Garagen oder Hallen gestohlen wurden, wird nach Spuren gesucht. Gegebenenfalls wird öffentlich mit Fotos und Zeugenaufrufen gefahndet, Automobil- oder Oldtimerclubs werden informiert. Zeugen werden in der Regel nur dann vernommen, wenn sich welche melden. So erklärt es die Aachener Polizei. Es gibt Polizisten, die glauben, dass mehr möglich sei. Wenn es nur genug Personal gäbe.

Laschet hatte sich das etwas anders vorgestellt, er hat der Polizei klargemacht, wie wichtig ihm das Auto ist. Er hat den Eindruck, dass der Polizei nur der Zufall hilft, dass sie nicht aktiv nach seinem Auto sucht. Tatsächlich muss die Polizei Prioritäten setzen, und ein Auto, auch ein so schönes wie das von Laschet, bleibt eben ein Auto.

Weil sich seit mehr als zwei Wochen nichts tut, hat Laschet sich überlegt, dass nur noch eines hilft: Er muss eine Belohnung aussetzen. In einer E-Mail, die er an unsere Zeitung geschrieben hat, steht: „Wenn sie noch einen Bericht schreiben sollten, bitte unbedingt die Belohnung von 1500,- Euro (i.W. eintausendfünfhundert Euro) erwähnen, für den Zurückerhalt des Fahrzeugs. Bis dann.“

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