Köln - Ohne sie läuft hier kein Fiesta vom Fließband

Ohne sie läuft hier kein Fiesta vom Fließband

Von: Axel Borrenkott
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1800 Fiesta, Tag für Tag: Simin Lostar Schräpfer, Absolventin der RWTH, Chefin von 1300 Mitarbeitern, Herrin über ein Budget von 80 Millionen Euro, verantwortet die Endfertigung des Verkaufsschlagers der Kölner Ford-Werke. Foto: Peter Winandy

Köln. Simin Lostar Schräpfer ist eine der 25 einflussreichsten Ingenieurinnen Deutschlands. So jedenfalls befand kürzlich eine Jury im Auftrag des Deutschen Ingenieurinnenbunds (DIB).

Der Verein, den bis dahin vermutlich nur Insiderinnen kannten, nutzte die Gelegenheit seines 25-jährigen Bestehens, „besonders erfolgreiche Ingenieurinnen öffentlich als Vorbilder vorzustellen”, um mehr junge Frauen für diesen Beruf zu gewinnen. Ein Ziel, das Simin Lostar Schräpfer unterstützt. Doch die Produktionsleiterin der Kölner Ford-Werke möchte ihren Erfolg gar nicht gerne daran messen lassen, dass sie eine Frau ist.

Als sie im April 2009 Leiterin der Endmontage des Werks in Köln-Niehl wurde, stand Simin Lostar Schräpfer (40) schon ein paar Mal in der Zeitung. Da lief sie stets als die „kleine zierliche Frau mit dem strahlenden Lächeln” durch die Halle und durch die Artikel. Bildunterschrift: „Kann sich durchsetzen”. Das ist sicherlich nicht falsch, aber seither hat Simin Lostar Schräpfer eigentlich keine Lust mehr, Schubladen von Journalisten zu bedienen.

Der erste Blick, der den Reporter in dem Großraumbüro mit dem Charme eines Büromöbellagers trifft, ist denn auch eher skeptisch als strahlend. Doch aus so lebendigen Augen, dass man sie einfach attraktiv nennen muss. Eigentlich hat die „Chefin in der Männerdomäne” (Kölnische Rundschau) auch gar keine Zeit für Öffentlichkeitsarbeit in Sachen Frau und Ford.

Ihre Aufgabe ist nämlich, kurzum: „dass die Fertigung nicht steht, sondern läuft”. Daher liegt ihr Büro auch direkt an der Fertigungshalle. Dort könnte jede Minute etwas passieren, worum sie sich kümmern muss. Damit an jedem Werktag 1800 Fiesta, der Ford-Verkaufsschlager in der siebten Generation, und der Minivan Fusion komplett und möglichst ohne jeden Mangel zusammengebaut, „endmontiert” werden. Ungefähr 13 Stunden braucht man bei Ford für ein ganzes Auto.

Zur Zeit sind 1300 Mitarbeiter -von insgesamt 17 500 in den Werken Köln-Niehl und -Merkenich -in der Produktionshalle gleich hinter ihrem Büro beschäftigt. Die Halle ist Simin Lostar Schräpfers eigentliches Reich und hier ist sie für alles verantwortlich.

Dafür, dass: jeden Tag die geplante und vorbestellte Stückzahl an fertigen Autos auch tatsächlich am Ende vom Band läuft, dass alle Mitarbeiter, es fast nur Männer, in diesem Sinne und miteinander funktionieren, ihnen kein Unfall zustößt, dass das Budget eingehalten wird, und dass schließlich die Kunden zufrieden sind.

Eine einflussreiche Ingenieurin? Zweifellos. 80 Millionen Euro darf die Produktionsleiterin pro Jahr verplanen, damit ihr Laden läuft. So hoch ist, anders gesagt, die Verantwortung von Simin Lostar Schräpfer als Managerin der mittleren Ebene von Ford Deutschland. Dass sie also durchsetzungsfähig ist, versteht sich von selbst, sonst wäre sie für diesen Job, nach diversen Aufbaustationen quer durch Europa, gar nicht ausgesucht worden.

„Durchsetzen lernt man früh als Frau”, sagt sie wie nebenbei. In Ankara geboren und in Istanbul aufgewachsen, „bin ich mit Jungs groß geworden und kann mit Männern einfach besser reden”.

Über Fußball, und Technik eben. „Wenn man zu meiner Zeit in der Türkei groß geworden ist und studieren wollte, kamen eigentlich nur Medizin oder Technik infrage.” In dem dort üblichen Zulassungsverfahren habe sie jeweils zu den Besten des Landes gehört. Erststudium in Istanbul, dann Produktionstechnik an der RWTH, gefördert von Walter Eversheim, Diplomarbeit beim Ford-Forschungszentrum in Aachen und Übernahme während eines generellen Einstellungsstopps bei Ford. Simin Lostar Schräpfer weiß also schon länger, was sie kann. „Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, muss man mich nicht mehr schubsen.” Auch das glaubt man ihr aufs Wort.

Jeden Tag trifft sich die Produktionsleiterin mit ihren Ingenieuren zum Qualitäts-Meeting. Mängelbeseitigung und Kundenzufriedenheit werden ganz groß geschrieben hier. Das wird man fraglos in jedem Autowerk hören.

Doch war es nun einmal Henry Ford, der nicht nur das Fließband erfunden hat - das übrigens in Niehl jeder Beschäftigte anhalten darf, wenn er dafür einen triftigen Grund hat - sondern auch das systematische Aussortieren von mangelhaften Produkten.

Mängel und Beschwerden im Bereich „Electric” sind heute dran, ein Massekabel stört an der jetzigen Stelle, die Sprachcomputer verstehen kein Schwäbisch, was Kunden halt so bemängeln. Die Abteilungsleiter tragen ausführlich vor die Chefin hört geneigt zu, braucht aber nicht immer auf das Ende jedes Satzes zu warten. Ein bisschen Ungeduld gehört auch zu ihr. „Jede Minute”, sagt sie später in einem anderen Zusammenhang, „den die Ingenieure zu lange brauchen, könnte ein Problem für die Leute am Band werden.”

Wenn etwas innerhalb von vier Monaten dreimal reklamiert wird, muss Lostar Schräpfers Team innerhalb von 48 Stunden einen Lösungsvorschlag präsentieren. Dutzende von Statistiken an der Wand belegen den tagesexakten Stand der jeweiligen Problemverfolgung und weisen den aktuellen Rang des Werks im Qualitäts-Wettbewerb aller Ford-Werke weltweit aus. Köln „braucht sich da auf keinen Fall verstecken”, sagt die Pressesprecherin.

Wir durchqueren die 14.000 Quadratmeter große Montagehalle, über uns schweben Karosserien heran, irgendwo macht immer ein Roboter „pfft”, alles viel leiser als man von einer Autofabrik erwartet, ab und zu kommt ein Arbeiter auf die Chefin zu, lächelt, manche geben ihr auch die Hand.

Das ist nicht inszeniert, aber mehr kann man auf die Schnelle auch nicht mitkriegen. „Entweder hat man es drauf, zu kommunizieren, oder man lernt es nie”, antwortet Simin Lostar Schräpfer nachher im Büro auf die unvermeidliche Klischee-Frage, wie sie denn „den Laden im Griff” habe. „Die wissen inzwischen wie ich ticke.” Klar, sagt sie dann schon noch, „war ich hier die erste, die die ganze Kultur der Männer auf den Kopf gestellt hat. Zunächst wird man als Frau nicht ernst genommen, als ?Mann aber auch nicht.” Soll heißen: Von der Chefin werde erwartet „nett” zu sein, und „nicht hart wie ein Mann”.

Sie scheint einfach froh, dass diese Frauen-Männer-Phase hinter ihr liegt. Vor allem wäre es für sie aber „traurig, wenn man nur sehen würde, dass ich als Frau etwas erreicht habe. Nach dem Motto: zweite Wahl, aber da die Beste”.

„Was ich hier erreicht habe in den bisherigen drei Jahren, das sehe ich als Leistung und Erfolg meiner Mannschaft an, und ich bin stolz, ein Teil des Teams zu sein. Die Leute so zu führen, dass sie für dieses Ziel, die Qualität dieses Produkts arbeiten, jeden Tag aufs Neue.” Bestehen möchte sie im Vergleich zu Vorgängern und Nachfolgern. „Schade, dass sie geht”, soll man über sie sagen, wenn sie einmal - was kaum wundern würde - die Management-Ebene wechselt.

Was hält sie vom Girls Day und den ganzen Schnupperkursen, um Schülerinnen für technische Fächer zu begeistern? „Das ist sicherlich eine gute Sache, die Mädchen aufmerksam zu machen. Alles, was Kinder motiviert, sich für Technik zu interessieren, ist gut.”

Ford, das muss man sagen, tut einiges zur Ausbildung von Frauen und Mädchen. Der Anteil der weiblichen Auszubildenden in den gewerblich-technischen Berufen liegt, nach eigenen Angaben, mit fast 20 Prozent weit über dem Bundesdurchschnitt von fünf Prozent. Und in den dualen Studiengängen mit der FH Köln, von deren Studentinnen Simin Lostar Schräpfer regelrecht begeistert ist, sind sogar die Hälfte Frauen.

Der Autokonzern, auch das erfährt man aus der Pressemitteilung über gleich „zwei Ford-Expertinnen unter den einflussreichsten Ingenieurinnen in Deutschland”, legt „schon bei der Entwicklung und Gestaltung der Fahrzeuge großen Wert auf die weibliche Sicht”. So begutachtet ein „Womens Product Panel” aus rund 20 Mitarbeiterinnen Automodelle bereits in der Entwicklungsphase. Daher gibt es zum Beispiel den Schminkspiegel auch auf der Fahrerseite und die verstellbare Pedalerie.

„Ohne Frauen fehlt der Technik was!” jubiliert der Ingenieurinnenbund. Kann eine wie Simin Lostar Schräpfer etwas anfangen mit solchem Frauen-Power-Geklingel? „Ehrlich gesagt nicht. Ohne mich würde Technik auch gehen.” Diese Lakonie ist das eigentlich Nachhaltige, was man aus Köln-Niehl mitnimmt. Emanzipation kann auch mal was Selbstverständliches sein.
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