Ohne Obdach und mit Kind: Schutz für Frauen vor Elend der Straße

Von: Yuriko Wahl, dpa
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Obdachlosen-Heim für Frauen mit Kindern
Yvonne spricht im Obdachlosen-Heim in Köln mit ihrem Sohn Leon und hat ihren Sohn Malte im Arm. In einer Außenwohnstelle des Elisabeth-Fry-Hauses in Köln finden obdachlose Frauen mit Kindern Unterschlupf. Foto: dpa

Köln. Als ihr Freund nach Monaten des Streits und der Gewalt einmal nicht Zuhause ist, packt die schwangere Yvonne hastig eine Tasche für sich und Söhnchen Leon und flüchtet aus der gemeinsamen Wohnung. Bei einer Freundin findet sie Unterschlupf, bis Yvonne kurz vor der Geburt ihrer Zwillinge steht und die Enge unerträglich wird.

„Ich habe lange gebraucht, um weg zu gehen, weg vom ihm, mit dem Kind und ohne Halt”, erzählt Yvonne. „Ich hatte keinen Job, kein Geld, keine Chance auf eine Wohnung.” Mit ihren drei Kindern bewohnt sie nun ein kleines Zimmer in einer Außenwohnstelle des Elisabeth-Fry-Hauses in Köln, zusammen mit vier weiteren Müttern und deren Kindern. „Ich habe noch Glück gehabt, es hätte viel schlimmer kommen können”, sagt sie mit Blick auf obdachlose Frauen, die auf der Straße leben.

Rund 25 Prozent aller Obdachlosen in Deutschland sind laut Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) Frauen. „Nach unserer letzten Schätzung waren 2006 unter 254.000 Obdachlosen 64.000 Frauen, und etwa elf Prozent waren Kinder und Jugendliche”, sagt Sprecherin Verena Rosenke. Die aktuelle Wirtschaftskrise, Jobverlust und Überschuldung erhöhen die Gefahr der Wohnungslosigkeit.

Zugleich nehme das Angebot an preiswerten Wohnungen in Ballungsräumen, in Teilen Süddeutschlands und auch einigen ländlichen Regionen stark ab. Eine sinkende Spendenbereitschaft könne fatale Auswirkungen haben, warnt Rosenke. „Einrichtungen für Obdachlose, die auf freiwillige Zuschüsse oder Spenden angewiesen sind, müssen jetzt bangen.”

Frauen entwickeln Strategien, um eine „offene” Wohnungslosigkeit zu verdecken, berichtet die BAWG. Sie quartieren sich vorübergehend bei Bekannten ein, wechseln häufig die Unterkunft, gehen neue Beziehungen und Abhängigkeiten ein. Vor allem Frauen mit kleinen Kindern meiden das schutzlose Leben auf der Straße. Viele haben auch Angst, dass ihr Nachwuchs ins Heim kommt: „Wohnungslose Frauen leben oft getrennt von ihren Kindern, weil diese fremduntergebracht wurden und leiden unter dieser Situation besonders”, beschreibt die BAWG.

Allein das Kölner Elisabeth-Fry-Haus (EFH) mit seinen Notplätzen und Wohnungen nimmt jedes Jahr mehr als 1000 Frauen und 250 Kinder in akuter Notlage auf. „Ich verstehe uns hier oft als Akku: Die Frauen laden sich auf, um danach mit ihren Kindern in ein eigenständiges Leben zu starten”, sagt die Leiterin einer Außenwohngruppe, Ursula Michalke.

„Die Frauen haben in der Regel Gewalt erlebt, sind in einer Überschuldungssituation, kriegen nichts mehr geregelt”, erklärt Michalke. „Wenn eine Frau mit Kind und zwei Plastiktüten unter dem Arm die Familienwohnung verlässt, muss man von einer langen, heftigen Vorgeschichte mit Gewalt und traumatischen Erlebnissen ausgehen.”

Die Einrichtungen des EFH - eingebettet in der Diakonie Michaelshoven - halten ein Beratungs- und Hilfspaket für Frauen und Kinder bereit, arbeiten mit Jugendhilfe, Frühförderzentren oder Kindergärten zusammen. Finanziert werden die Wohnangebote über das Arbeitslosengeld II, die Frauen erhalten ein schmales Taschengeld sowie Verpflegungs- und Kleidergeld.

„Die meisten haben keine oder eine abgebrochene Ausbildung”, sagt Michalke. „Einige haben schwanger auf der Straße gelebt, überwinden sich aber vor der Geburt des Kindes und nehmen institutionelle Hilfe in Anspruch.” Sozialarbeiter und Pädagogen helfen ihnen, wieder psychisch ins Gleichgewicht zu kommen, unterstützen sie in Finanz- und Unterhaltsfragen, bei Behördengängen oder der Suche nach einem Ausbildungsplatz und einer eigenen Wohnung.

Auch die 20-jährige Katrin sieht sich mit ihrem erst wenige Wochen alten Baby André nach langem Tief auf gutem Wege: „Ich wollte immer nur Party machen, habe nicht aufs Geld geachtet, bis mich die Vermieter rausgeschmissen haben.” Es sei schwer gewesen Hilfe anzunehmen. „Aber wenn ich das hier nicht gefunden hätte, weiß ich nicht, wo ich gelandet wäre.”

Ihren Traum sieht die 20-Jährige näher rücken: „Ich habe einen typischem Mädchenwunsch: Ein eigenes Zuhause und eine kleine, glückliche Familie.”
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