Ohne Alkohol, aber immer mit einer Fahne

Von: Isabelle Hennes
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Ihr ganzer Stolz: Henning Gill
Ihr ganzer Stolz: Henning Gilleßen (links) und Frank Scheuvens präsentieren die beiden Fahnen, mit denen sie regelmäßig zu den Spielen von Borussia Mönchengladbach und der Fußball-Nationalmannschaft reisen. Foto: Isabelle Hennes

Selfkant-Süsterseel. Ein Fußballspiel dauert bekanntlich 90 Minuten. Und meistens noch ein bisschen länger. Zeit genug, sich in Szene zu setzen. Nicht nur für die Akteure auf dem Platz. Auch Frank Scheuvens hofft auf den einen entscheidenden Moment, in dem die Fernsehkameras auf seine Fahne schwenken.

Scheuvens ist 24 Jahre alt und Kaufmann für Dialogmarketing. Seit zehn Jahren ist er mit einer großen Süsterseel-Fahne unterwegs, hängt sie regelmäßig hinter dem Tor auf, dort, wo sie eine der vielen Kameras ins Bild bringt. Auch am Freitag ist Scheuvens natürlich wieder im Stadion: EM-Qualifikation Deutschland gegen Österreich in Gelsenkirchen. Und irgendwann im Laufe der Übertragung (ZDF, live ab 20 Uhr) wird die Fahne für einen kurzen Moment zu sehen sein.

Ausgangspunkt für seine Reisen in die Fußballwelt ist die Gemeinde Selfkant. Selfkant ist der westlichste Zipfel der Bundesrepublik, hat rund 10.300 Einwohner und liegt direkt an der niederländischen Grenze. Süsterseel ist ein Ortsteil der Gemeinde. Es gibt einen Kindergarten, eine Grundschule, zwei Supermärkte und einen Sportplatz.

Scheuvens ist bei allen Heim- und Auswärtsspielen von Borussia Mönchengladbach und der Männer-Nationalmannschaft unterwegs. Ein ungewöhnliches Hobby? Für Scheuvens nicht. Fußball hat schon immer eine große Rolle in seinem Leben gespielt. Mit sechs Jahren ist er in die F-Jugend beim FC Wanderlust Süsterseel gekommen, heute spielt er dort, nach einem Kreuzbandriss 2009, zweite oder dritte Reservemannschaft. In den 90er Jahren ging es zusammen mit seinem Vater nach Mönchengladbach, damals noch ins Stadion am Bökelberg. Die Atmosphäre von Live-Spielen zieht ihn bis heute in den Bann. „Als Kind war es immer schon etwas Besonderes, mit ins Stadion zu fahren”, erinnert sich Scheuvens.

Irgendwann wollte er dann aber alleine zum Spiel, sein eigenes Ding machen. Mit 13 Jahren ist er - ohne das Wissen seiner Eltern - mit dem Mönchengladbacher Sonderzug nach Cottbus zum Auswärtsspiel gefahren. Als das später rauskam, waren seine Eltern wenig begeistert. „Mein Vater ist aber selber zu sehr Fan, darum verbietet er mir das nicht. Meine Mutter macht sich aber schon Sorgen”, sagt Scheuvens. Mittlerweile haben sich die Eltern an sein Hobby gewöhnt. Wenn sie die Fahne im Fernsehen hängen sehen, wissen sie, dass er gut angekommen und alles in Ordnung ist.

Angefangen hat alles mit seinem Freund Henning Gilleßen. Auch er ist regelmäßig mit seiner Selfkant-Fahne im In- und Ausland unterwegs. Er war es, der Scheuvens auf die Idee gebracht hat. „Ich muss schon sagen, dass es anfangs eine Art Nachahmung von mir war”, gibt Scheuvens zu. Gilleßen, 35 Jahre alt, ist ähnlich wie Scheuvens über sein Umfeld zur Borussia gekommen. 1986 ist in Höngen ein Fanclub gegründet worden. Zu Beginn nannte man sich „Bauernstube”, Anfang der 90er entschieden sich die Mitglieder für den neuen Namen „Selfkant”. Die Selfkant-Fahne repräsentiert den Fanclub, Gilleßen ist mit ihr unterwegs. Gilleßen kann sich noch genau daran erinnern, was seine Fahne gekostet hat. „Das waren damals genau 400,17 DM.”

„Ich weiß noch genau, wann ich die Fahne zum ersten Mal aufgehängt habe. Das war beim Testspiel PSV Eindhoven gegen Mönchengladbach”, erinnert sich Scheuvens. In Deutschland hatte sie ihre Premiere beim Pokalschlager Mönchengladbach gegen Dortmund. Gilleßen ist 1988 - bei der Europameisterschaft im eigenen Land - zum ersten Mal bei einem Länderspiel dabei gewesen. Durch sein Alter hat er Scheuvens einiges an Stadionbesuchen voraus. Für beide gelte aber nach wie vor dasselbe Ziel: so weit wie möglich zu fahren und so viele Stadien wie möglich zu sehen, um möglichst viele Länderpunkte zu sammeln.

Gilleßen verbindet mit seinen Fahnentouren Kultur und Sightseeing. „Ich gucke mir auch immer die Städte an”, sagt er. Den Höhepunkt seiner Karriere als Fahnen-Mafia-Mitglied hat er wohl überschritten: Vor einigen Wochen wurde geheiratet, außerdem hat er eine zweieinhalbjährige Tochter. „Da kann man nicht mehr so, wie man will”, sagt er.

Ihm ist aber auch klar, dass er durch die Unterstützung seiner Frau und seiner Eltern immer noch viel mehr Zeit in sein Hobby investieren kann, als manch anderer mit seinen Verpflichtungen. „Dafür, dass ich eine Familie habe, kann ich noch sehr viel fahren”, erklärt er. Nach wie vor begleitet er die Nationalmannschaft überall hin.

Für Scheuvens waren 2004 bis 2006 extreme Jahre. In diesem Zeitraum habe er kein Spiel von Borussia verpasst, weder auswärts noch zu Hause. Da ging es dann mal eben zum Testspiel von Borussia in Feldkirchen bei Kärnten. Danach hat er eine Verschnaufpause eingelegt. Jetzt ist er aber seit einigen Monaten wieder regelmäßig unterwegs. Und das ziemlich erfolgreich: „So viele Auswärtssiege, wie ich in diesem Jahr erlebt habe - da musste ich viele Jahre für fahren.”

Ihm ist es wichtig, dass der Einsatz mit der Fahne nicht als Selbstdarstellung rüberkommt. Mit skeptischen Blicken und Kommentaren von seinen Arbeitskollegen kann er umgehen. „Meine Kollegen können diesen Wahn nicht nachvollziehen”, erläutert Scheuvens. Für ihn stehe aber fest, dass der Job immer an erster Stelle stehen wird. Ähnlich sieht das Gilleßen, der von Beruf Postzusteller ist. „Da muss man halt Prioritäten setzen.” Daher ist Organisation bei ihren Touren das A und O.

Da sie sich ein teures Hobby ausgesucht haben, muss hier und da auch schon mal auf etwas verzichtet werden, möchte man sich einen Flug nach Dubai oder ein Zugticket nach Wien regelmäßig leisten können. „Ich verzichte vor allem auf Diskothekenbesuche, weil die am meisten Geld kosten”, erklärt Scheuvens. Entweder oder, da müsse man sich halt entscheiden. „Das geht eigentlich nur mit Billigfliegern”, sagt Gilleßen. Eine Übernachtung im Hotel kommt selten infrage, bevorzugt werden Jugendherbergen. „Manchmal kommt es vor, dass ich am Flughafen oder Bahnhof schlafe”, berichtet Gilleßen.

Es geht nicht nur um das Spiel, bei dem 22 Menschen einem Ball hinterherrennen. Die Fahnen-Mafia hat noch andere Anziehungskräfte. „Das ist einfach mehr”, sagt Scheuvens. „Das kann man auch nicht von heute auf morgen schätzen lernen. Das muss über einen längeren Zeitraum miterlebt werden, um die Hintergründe und alles drum herum wahrzunehmen.”

Ein Zusammengehörigkeitsgefühl und viele Freundschaften sind entstanden, nicht nur unter Gleichgesinnten. Man kennt sich in der Szene, trifft gegnerische Fans bei Spielen der Nationalmannschaft und geht nach dem Bundesligaspiel zusammen ein Bier trinken. „Sogar mit Kölnern”, sagt Gilleßen und lacht. Schließlich hätten sie alle denselben Gedanken: die Fahne.

Außerdem müsse es doch jeden Süsterseeler stolz machen, die Fahne im Stadion zu sehen. Gilleßen ergänzt: „Mir tut das weh, wenn ich die anderen Fahnen im Fernsehen sehe, meine Mannschaft das Spiel gewinnt und ich nicht da bin.” Durch die viele Zeit, die aufgrund der Reisen verloren geht, sind andere Freizeitbeschäftigungen undenkbar. „Ich war mal Mitglied in der Freiwilligen Feuerwehr, und Fußball habe ich auch selbst gespielt, aber das habe ich alles aufgeben müssen”, erläutert Gilleßen. Leid getan habe ihm diese Entscheidung aber nicht.

Auf den Spuren der Nationalmannschaft haben beide schon so einiges erlebt. In Tschechien habe man sich vor dem Spiel mit einheimischen Fans angefreundet und in einer Kneipe gemeinsam gefeiert und schließlich beschlossen, nicht mehr ins Stadion zu gehen. Da wird das Spiel - im positiven Sinn - zur Nebensache. Ein anderes Erlebnis war der Besuch des Stadions von West Ham United, Boleyn Ground.

Da dort während ihres Besuchs kein Spiel anstand, mussten die Sicherheitsleute überzeugt werden, ein Foto mit der Fahne im Innenraum des Stadions machen zu dürfen. Als Beweis sozusagen, dagewesen zu sein. Mit Erfolg. Natürlich gab es auch negative Erfahrungen während der Touren. 1999 beispielsweise, als Mönchengladbach in Mazedonien spielte. „Da waren wir wenige Kilometer vom Krieg im Kosovo entfernt”, erzählt Gilleßen. „Da hat man dann schon ein mulmiges Gefühl.”

Großes Ziel für die Zukunft ist die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. „Das wäre ein Traum, da hinfahren zu können.”

Wenn die beiden Fahnen es dorthin schaffen, werden sie ausnahmsweise vorher auch mal gewaschen, obwohl das eigentlich Unglück bringe und deshalb nur vor solch großen Turnieren gemacht werde, um im neuen Glanz zu erscheinen. Fest steht schon jetzt, dass viele Selfkänter dann wieder aufmerksam die Spiele verfolgen werden, um nach den beiden Fahnen Ausschau zu halten.
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