Oberbürgermeisterin Rekers merkwürdiges erstes Jahr

Von: Yuriko Wahl-Immel
Letzte Aktualisierung:
13218208.jpg
„Köln gemeinsam planen“: So lautete eines der Wahlversprechen von Henriette Reker (parteilos), Kölns Oberbürgermeisterin. Doch ihr erstes Amtsjahr wird bis heute von den Vorfällen der Silvesternacht bestimmt. Foto: Archiv/dpa

Köln. Henriette Rekers erstes Amtsjahr ist an Dramatik kaum zu überbieten. Als sie Oberbürgermeisterin von Köln wird, als erste Frau und erste parteilose Politikerin, liegt sie im Koma und schwebt in Lebensgefahr. Niedergestreckt von einem rechtsradikalen Attentäter einen Tag vor der Wahl am 18. Oktober 2105.

Kaum hatte sie, halbwegs genesen, die Arbeit im Chefsessel von Deutschlands viertgrößter Stadt aufgenommen, sorgten die Übergriffe auf Hunderte Frauen in der Silvesternacht international für Entsetzen. „Schwierig“ ist als Attribut für Rekers erste 365 Tage im Amt wohl untertrieben.

„Das durch die Silvester-Vorfälle drängende Thema Sicherheit musste sofort angepackt werden. Das habe ich getan“, sagt Reker (59) heute. Ergebnis sei eine „neue und viel stärkere Sicherheitsarchitektur“ für die Millionenstadt.

Aber auch andere Baustellen habe sie, wenn auch weniger öffentlich beachtet, in Angriff genommen: „Wir haben die Weichen gestellt für eine solide Haushaltsführung.“ Köln ist milliardenschwer verschuldet. Bei Wohnungsbau und Verkehrsinfrastruktur habe sie Tempo gemacht, sagt Reker. Die dringend nötige Reform der Verwaltung komme in Gang.

Reker wird von ihrem Umfeld als „Kämpfernatur“ beschrieben, ohne diese Qualitäten ist der Job wohl nicht zu machen. Gewaltige Aufgaben stehen auch in Wirtschafts- und Kulturförderung und bei der Flüchtlingsintegration an. Reker ist gegen Filz und Klüngel angetreten, sie will Vertrauen in die Politik zurückgewinnen.

Sie wolle Köln zurück in die „Champions League“ der Metropolen führen, hatte Reker kurz nach ihrem Amtsantritt Ende November angekündigt. Doch die massenhaften Übergriffe auf Frauen im Schatten des Doms fegten zunächst alle Pläne vom Tisch. Und sie überlagern noch immer alles.

Reker führe ihr Amt unter „sehr speziellen Vorzeichen“ und habe ein „merkwürdiges“ erstes Jahr hinter sich, in dem sie schwer zu kämpfen hatte, sagt Politikwissenschaftler Norbert Kersting. „Die Messerattacke, der langsame Einstieg und die Silvestervorfälle haben die Sicherheitspolitik zwingend in den Fokus gerückt. Das, worauf sie sich ursprünglich konzentrieren wollte, hat gelitten“, sagt Kersting.

In wichtigen Feldern wie Bürgerbeteiligung, Umweltschutz, Migration und Integration habe sich Reker noch nicht profilieren können. „Silvester hat sich stark eingeprägt. Obwohl sie für die damaligen polizeilichen Fehler nichts konnte, muss sie hier als OB noch immer korrigieren.“ Sie brauche „einen langen Atem“, meint Kersting.

Der Experte für Kommunalpolitik sieht noch viel Arbeit für Reker. „Eine Stadt wie Köln muss sich auch bundesweit viel stärker in Position bringen. Es ist unklar geblieben, wofür die Metropole eigentlich steht“, sagt Kersting. Zwar habe Reker gelernt aus ihrem heftig kritisierten Rat an Frauen, im Gedränge „weiter als eine Armlänge“ Abstand zu halten. Sie müsse aber grundsätzlich mehr öffentlich präsentieren und „telegener“ werden.

Keine neuen Freunde

„Ich möchte nicht auf das Attentat reduziert werden“, sagt Henriette Reker. Im Juli wurde ihr Peiniger Frank S. wegen versuchten Mordes zu 14 Jahren Haft verurteilt. An ihn richtete Reker später die Botschaft: „Ich wünsche dem Attentäter, dass er zu der Einsicht kommt, dass Hass und Gewalt keine Lösung sind.“

In der Landespolitik in Düsseldorf hat sich Reker keine neuen Freunde gemacht: Im Untersuchungsausschuss des Landtags zur Silvesternacht warf sie dem nordrhein-westfälischen Innenminister Ralf Jäger und Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (beide SPD) vor, sich nach den Vorfällen nicht ein einziges Mal bei ihr gemeldet zu haben – im Gegensatz zu Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Reker weiß, dass man in der kommenden Silvesternacht weltweit auf ihre Stadt schauen wird, und verspricht: „Es werden gute Bilder (...) aus Köln um die Welt gehen.“

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert