NSU-Prozess: Vermeintliche Nebenklägerin existiert offenbar nicht

Von: Marlon Gego
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Köln, Keupstraße, 9. Juni 2004: Beim Nagelbombenattentat wurden 22 Menschen zum Teil schwer verletzt. Foto: dpa
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Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft auch gegen ihn: Rechtsanwalt Ralph Willms aus Eschweiler. Foto: Archiv/Nowicki

Eschweiler/Jülich/Aachen. Ralph Willms fährt seit zweieinhalb Jahren jede Woche nach München, manchmal einmal, oft auch zwei Mal, von Eschweiler aus sind es 632 Kilometer. Abends, wenn der Verhandlungstag zu Ende ist, fährt Willms wieder zurück, noch einmal 632 Kilometer.

Willms ist einer der vielen Strafverteidiger, die im Prozess gegen Beate Zschäpe auftreten, der seit dem 6. Mai 2013 vor dem Oberlandesgericht München läuft, er vertrat bislang dort Meral K., die im Sommer 2004 beim Nagelbombenanschlag in der Keupstraße in Köln verletzt wurde, so stand es auf einem Attest. Doch am Freitag hat Willms sein Mandat niedergelegt und das Gericht gebeten, ihn von seinen Pflichten zu entbinden. Willms glaubt, dass es Meral K., die er bislang an 232 Prozesstagen vertreten hat, überhaupt nicht gibt.

Im NSU-Prozess in München sind nicht nur die fünf Angeklagten, ihre Verteidiger und die Staatsanwälte vertreten, sondern auch mehr als 80 Nebenkläger, die von 62 Anwälten vertreten werden. Die Nebenkläger sind Opfer oder Hinterbliebene von Opfern des rechtsextremen NSU-Terrors. Es geht um zehn Morde, schwere Brandstiftung und Dutzende Körperverletzungen. Und es geht um einen Opferschutzfonds, aus dem die NSU-Opfer und deren Hinterbliebene entschädigt werden.

Ein Treffen in der Gerichtskantine

Vor dem Beginn des Prozesses im Mai 2013 wandte sich Ali L. (Name geändert) an Ralph Willms und fragte, ob er Interesse hätte, eine alte Freundin seiner Mutter, Meral K., im NSU-Prozess zu vertreten. Willms wurde eine ältere Frau vorgestellt, die nur Türkisch sprach, Ali L. fungierte als Dolmetscher. L. zeigte Willms die Kopie eines Attests, das Meral K.s Verletzungen durch das Nagelbombenattentat bestätigte. L. legte zudem die Einladung des Bundespräsidenten zu einer Veranstaltung vor, die allen bekannten NSU-Opfern und deren Hinterbliebenen zugegangen war.

Für die Chance, bei einem solch historischen Prozess wie dem NSU-Prozess dabei zu sein, zahlte Willms Ali L. eine Vermittlungsprovision und nahm das Mandat an. Das Oberlandesgericht erkannte Meral K. als Nebenklägerin an, der Prozess begann, und Willms nahm seine Arbeit auf. Im Januar 2014 legte Willms sein Mandat für den Eschweiler Stadtrat nieder, das er seit 1999 innehatte, für die Politik blieb wegen der ganzen Reiserei keine Zeit mehr. Zu seiner Mandantin hielt er ausschließlich über Ali L. Kontakt, der auch zu den Nebenklägern im NSU-Prozess gehörte.

Im Laufe des Prozesses wurde auch Meral K. als Zeugin vorgeladen, doch Ali L. erzählte Willms, Meral K. befände sich in der Türkei. Mehrfach versuchte Willms den Richtern zu erklären, warum seine Mandantin nicht vor Gericht erscheinen könne: mal hatte sie den Flug von der Türkei nach Deutschland verpasst, mal war sie auf dem Weg ins Gericht zusammengebrochen.

Dies ist die Version der Ereignisse, die Willms Eschweiler Anwalt Peter Nickel am Freitag gegenüber unserer Zeitung darlegte.

Vergangenen Dienstag kam es vor dem Oberlandesgericht zum Eklat: Der Vorsitzende Richter, Manfred Götzl, verlangte von Willms eine Erklärung dafür, warum seine Mandantin wiederholt nicht vor Gericht erschienen ist. Willms machte keine gute Figur. Ob er denn keinen Kontakt zu seiner Mandantin halte, wollte Götzl wissen. Willms sagte, er halte über Ali L. Kontakt zu Meral K., was Ali L.s Anwalt allerdings bestritt.

Zwei Tage später, vergangenen Donnerstag, saß Ralph Willms in der Kantine das Aachener Justizzentrums zufällig mit dem Jülicher Strafverteidiger Björn Hühne zusammen und sprach mit ihm über das, was am Dienstag in München im Gericht vorgefallen war. Er zeigte Hühne Fotos von der Frau, die sich als Meral K. ausgegeben hatte – und Hühne erkannte diese Frau, wie er am Freitag im Gespräch mit unserer Zeitung erklärte. Das Foto zeigte die Frau, die Ali L. Björn Hühne 2013 in Köln als seine Mutter vorgestellt hatte, ein weiteres angebliches Opfer des Nagelbombenattentats von 2004. L. hatte Hühne angeboten, seine Mutter im NSU-Prozess vertreten zu dürfen, wenn Hühne ihm, Ali L., eine Vermittlungsprovision zahlen würde. Hühne lehnte ab.

Was bedeutet es für den Prozess?

Als Willms dies alles erfuhr, erstattete er auf der Stelle Strafanzeige gegen Ali L. wegen Betrugs und legte sein Mandat nieder. Willms‘ Anwalt erklärte am Freitag, „Meral K. ist höchstwahrscheinlich gar nicht existent“. Willms selbst wollte sich nicht äußern. Anwalt Nickel sagte, ihm gehe es nicht besonders gut.

Was dies alles für den weiteren Verlauf des NSU-Prozesses bedeutet, ist im Moment nicht abzusehen. Auf Anfrage unserer Zeitung erklärte eine Sprecherin des Oberlandesgerichts München, das Gericht habe von all dem „noch überhaupt gar keine Kenntnis“.

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