NRW setzt auf die Karte Spitzenforschung

Von: Thorsten Karbach
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Das Land hat eine ausgesprochen auffällige Hochschullandschaft. Konkurrenz sitzt dabei nur in Bayern und Baden-Württemberg. Foto: dpa

Aachen. In Nordrhein-Westfalen gibt es in diesem Jahr 700.000 Studenten. Das sind mehr als je zuvor. Die enorme Dichte an Universitäten und Fachhochschulen im Land ist da natürlich ein wesentlicher Faktor, mehr als 25 Prozent des akademischen Nachwuchses werden in NRW ausgebildet. Auch in Sachen Promotionen ist NRW in Deutschland vorne.

Das ist die eine Seite der Hochschullandschaft. Die andere ist Spitzenforschung. Ein Überblick:

Die Exzellenz-Hochschulen

Es gibt mit der Universität Köln und der RWTH Aachen zwei Exzellenzuniversitäten (Eliteuniversitäten) unter den 72 NRW-Hochschulen in staatlicher, öffentlich-rechtlicher und privater Trägerschaft. Bundesweit sind es insgesamt zehn dieser Eliteuniversitäten unter 415 Hochschulen.

Die Sonderforschungsbereiche

50 von aktuell 240 Sonderforschungsbereichen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finden sich an NRW-Hochschulen – auch da kann kein anderes Bundesland mithalten. Baden-Württemberg zählt 38 solcher öffentlich geförderten Sonderforschungsbereiche, Bayern 35. Die meisten in NRW haben dabei die Universitäten Bonn und Köln sowie die RWTH Aachen mit jeweils acht, Münster kommt auf sieben.

Die Leibniz-Preisträger

Da wundert es kaum, dass NRW in den letzten zehn Jahren auch die meisten Leibniz-Preisträger bejubelt. Den renommiertesten aller deutschen Wissenschaftspreise haben 27 NRW-Forscher verliehen bekommen, im letzten Jahr gehörten der Aachener Informatiker Leif Kobbelt und Rainer Waser, der gleichermaßen an der RWTH wie auch am Forschungszentrum Jülich arbeitet, zu den Preisträgern. Ebenfalls bemerkenswert: Es gibt gleich fünf Graduiertenschulen in NRW, in denen Doktoranden gezielt gefördert werden. Bundesweit sind 45 Graduiertenschulen von der DFG anerkannt.

Die Schwerpunkte

Eine besondere Rolle spielt NRW bundesweit beim Thema Energieforschung, ein Schwerpunkt, den auch das Wissenschaftsministerium des Landes bewusst forciert. An mehr als 30 Hochschulen und zehn außeruniversitären Forschungseinrichtungen mit rund 2000 Wissenschaftlern werden hier zentrale Fragen behandelt.

168 Millionen Euro werden jährlich für Energieforschung an den Hochschulen in NRW investiert – das entspricht einem Viertel der Summe, die bundesweit in dieses Thema gesteckt wird. Zum Vergleich: 18 Prozent der Gelder gehen nach Bayern, neun Prozent nach Baden-Württemberg, wo in München und Karlsruhe die eigentliche Konkurrenz des Forschungslandes NRW im innerdeutschen Vergleich sitzt.

Innerhalb Nordrhein-Westfalens ist wiederum die RWTH Aachen, die über ein Forschungsbudget von 76 Millionen Euro (2011) verfügt, führend. Auf Platz zwei rangiert das Forschungszentrum (FZ) Jülich mit 47 Millionen Euro. Auch das Aachener Fraunhofer ILT ist mit zwölf Millionen Euro unter den zehn führenden Forschungseinrichtungen. Damit werden 135 Millionen Euro in der Region in Energieforschung investiert.

Der Schwerpunkt Energieforschung ist natürlich kein Zufall. In Nordrhein-Westfalen sitzen große Unternehmen wie RWE und Eon, die vor der Herausforderung Energiewende stehen – und mit Drittmittelprojekten die Hochschulen einbinden. An der RWTH Aachen gibt es beispielsweise das Eon Energy Research Center, welches sich dem Thema „nachhaltige Energieversorgung“ widmet.

Die Industrieforschung

Industrielle Drittmittel spielen für Hochschulen wie die RWTH ohnehin eine immer wichtigere Rolle: 84,8 Millionen Euro konnte die RWTH 2012 aus der Industrie generieren. Das entsprach zehn Prozent des Gesamtetats. Tendenz: steigend. Zuletzt wurde eine Kooperation mit dem Düsseldorfer Großkonzern Henkel geschlossen. Bis zu fünf Millionen Euro investiert Henkel in Aachen.

Die TH oder die TU Dortmund, also die führenden technischen Universitäten im Lande, bauen in ihrer Finanzierung auf diese Partnerschaften. Einfluss auf die Forschung soll dies aber nicht haben: „Wir liefern nicht die Antworten, die Henkel gerne hören will“, hatte Rektor Ernst Schmachtenberg bei der Eröffnung gesagt. Allerdings: Investitionen von Henkel oder Eon in Aachen sorgen schon für Schwerpunkte, die an Hochschulen gesetzt werden – auch wenn der Ausgang der Forschung offenbleibt.

Weitere Forschungsthemen in NRW sind – teilweise auch mit industriellen Drittmitteln – „Digital und vernetzt leben“ (unter anderem an der RWTH und am FZ Jülich) und Nanotechnologie (unter anderem am FZ Jülich). Allein in dieser Disziplin sind in NRW 450 Wissenschaftler an 200 Forschungseinrichtungen involviert.

Die Forschungseinrichtungen

Ein Blick auf diese hochschulnahen Forschungseinrichtungen wie Fraunhofer-Institute oder Helmholtz-Zentren zeigt ebenso eine Konzentration auf das bevölkerungsstärkste Bundesland: Von 66 selbstständigen Fraunhofer-Instituten in Deutschland sind 13 in NRW angesiedelt, allein drei in Aachen. Hinzu kommen 13 weitere Dependancen der Fraunhofer-Gesellschaft in NRW, neue in Soest, Lemgo und Hamm-Lippstadt.

Von 18 Helmholtz-Forschungszentren liegen drei in NRW: in Jülich, Köln (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt) und Bonn. Eines von sieben Helmholtz-Instituten ist neu in Münster angesiedelt worden. Das Land fördert die Aufbauphase bis Ende 2018 mit jährlich einer Million Euro. Hinzu kommen sechs Millionen Euro für die Ausstattung des Instituts. Insgesamt wurden 2014 500 Millionen Euro für zwölf neue Forschungsbauten investiert, die meisten davon – es sind vier – in Aachen.

Von 89 Leibniz-Forschungseinrichtungen sind elf in NRW, eines ist in Aachen, von 86 Max-Planck-Instituten befinden sich 13 in diesem Bundesland. Hier wurde ein neues Institut in Mülheim an der Ruhr angesiedelt, um das auch andere Bundesländer gebuhlt haben.

Die neue Gemeinschaft

Das Land setzt auch noch einen eigenen Schwerpunkt: Mit der Johannes-Rau-Forschungsgemeinschaft wurde eine weitere Dachorganisation für 13 außeruniversitäre Forschungseinrichtungen mit 1000 Beschäftigten in NRW ins Leben gerufen. Fast eine Milliarde Euro sind im Rahmen des siebten Forschungsrahmenprogramms der EU nach NRW geflossen. Hochschulen und Einrichtungen des Landes sind an 2846 Projekten beteiligt, nur in Baden-Württemberg und Bayern werden im bundesweiten Vergleich noch mehr gezählt.

Die Investitionen

Das Wissenschaftsministerium wird 2015 die Rekordsumme von 758 Millionen Euro für Forschung und Innovation ausgeben, das sind 32 Millionen mehr (4,5 Prozent) als 2014. Vor fünf Jahren waren es 20 Prozent weniger, die Summe ist aber nur ein Bruchteil des erwirtschafteten Bruttoinlandsproduktes von fast 600 Milliarden Euro (2013).

NRW-Hochschulen bekundeten zuletzt immer wieder, dass die bisherige Finanzierung keineswegs ausreiche – und deswegen verstärkt Drittmittel der DFG, der EU oder eben auch der Industrie akquiriert werden müssten. Die RWTH finanziert sich mittlerweile fast zur Hälfte über eingeworbene Drittmittel, die aber zeitlich immer begrenzt sind und ständig neu eingeworben werden müssen.

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