NRW-Krebssituation stärker im Fokus

Von: Sabine Rother
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Der Pathologe setzt das „virtuelle Mikroskop“ ein, um eine Gewebeprobe aus dem Dickdarm eines Patienten genau zu untersuchen. Die Befunde bei der Krebs-Diagnostik entscheiden über die Therapie. Foto: dpa
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Professor Tim Brümmendorf, Direktor der Klinik für Onkologie im Uniklinikum Aachen, und Anja Köchel, Leiterin des Klinischen Krebsregisters im Klinikum. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Wie häufig tritt Krebs in welcher Region auf? Das „Epidemiologische Krebsregisters Nordrhein-Westfalen“ verzeichnet seit 2003 für das ganze Land das Auftreten und die Häufigkeit von Krebs. In der Städteregion sind allein 2012 insgesamt 1497 Menschen an einer Krebserkrankung gestorben, im Kreis Düren 716, im Kreis Heinsberg 729. Doch was nützt solch ein Register?

„Nach außen hin können solche Aussagen trist und wenig aussagekräftig wirken“, sagt Oliver Heidinger, Geschäftsführer des Epidemiologischen Krebsregisters mit Sitz in Münster. „Im Unterschied zum Klinischen Krebsregister, in dem es um die Qualität der Patientenversorgung geht, verzeichnen wir unter dem Begriff ,epidemiologisch‘ die Häufigkeit von Krebs in einer Region.“

Dabei handelt es sich um das europaweit größte Register dieser Art. Ein Vorteil: Im Landeskrebsregister-Gesetz ist die Meldepflicht verankert, wobei der Meldeort nicht der Wohnort des Patienten, sondern der Ort der Behandlung ist – also die Praxis oder die Klinik. „Wir können sagen, dass unsere Daten vollzählig sind, denn es gibt kein Widerspruchsrecht der Patienten“, erläutert Heidinger. Ein elektronisches Melde-Tool sorge aber dafür, dass Personendaten nur verschlüsselt übermittelt werden.

Langfristige Trends

Das Häufigkeits-Krebsregister kann unter anderem den Nutzen von Verfahren zur Krebsfrüherkennung ermitteln. Ein Beispiel ist das Mammografie-Screening. „Als 2005 das Verfahren zur Früherkennung von Brustkrebs gestartet wurde, gab es sofort einen Anstieg der Neuerkrankungszahlen“, sagt Heidinger. „Was uns interessiert, sind jedoch die langfristigen Auswirkungen.“

Werden etwa die Sterbefälle bei einer bestimmten Krebsart in einer bestimmten Region tatsächlich gesenkt, oder leben die Betroffenen nur länger mit der Diagnose, am Ende aber insgesamt nicht länger? „Mit den Krebsregisterdaten müssen wir überprüfen, ob die frühe Behandlung von Tumorerkrankungen nachweislich zu einer verringerten Krebssterblichkeit führt. Insofern müsse man sich fragen, ob dem Patienten etwas Gutes getan wird, sagt Heidinger. Man arbeite mit längeren Verläufen von Neuerkrankungszahlen und ermittelt Trends.

Kürzlich war das Krebsregister NRW im Auftrag des NRW-Umweltministeriums in Sachen Hochtemperaturreaktor Hamm-Uentrop (Störfall 1986) aktiv. Beunruhigte Bürgerinitiativen fragten: Macht der Reaktorblock krank? Von häufiger auftretender Leukämie und einer steigenden Rate bei Schilddrüsenkrebs war die Rede.

Vorsorgeuntersuchungen

Das Ergebnis: keine Zunahme der Leukämie, allerdings eine Zunahme von Schilddrüsenkarzinomen bei Frauen. Es gebe, so die Experten, „keine Hinweise auf den Atomreaktor als Verursacher, weil typische Strahlenkrebsarten und die Schilddrüsenkrebsrate bei Männern unauffällig seien und keine Auffälligkeiten bei der Altersverteilung bei Frauen gefunden werden konnten“. Das Krebsregister NRW errechnete ein um 64 Prozent erhöhtes Risiko gegenüber einer Referenzregion. Als mögliche Ursache nannte man häufigere Vorsorgeuntersuchungen als in anderen Regionen.

Sobald in einer Region der Bevölkerungsanteil älterer Menschen höher ist als in einer anderen oder sich ein neues Behandlungszentrum etabliert, steigt die Zahl der dort registrierten Krebserkrankungen an. „Das bedeutet aber nicht, dass es sich um eine besonders gefährdete Region handelt“, sagt Professor Tim Brümmendorf, Direktor der Klinik für Onkologie und Hämatologie und Leiter des Euregionalen comprehensive Cancer Centers Aachen (ECCA) an der Uniklinik Aachen. Im Alter etwa häuften sich die Krebserkrankungen.

Im Vergleich zum Epidemiologischen Krebsregister, das die Häufigkeit misst, pflegt man in Zen­tren der Krebsversorgung wie dem Uniklinikum ein regionales Klinisches Krebsregister, das anonymisiert alle Kerndaten von Krebspatienten festhält: Krebsart, Ausdehnung im Gewebe, molekulare Marker in der DNA-Sequenz, die bereits einen Hinweis auf eine notwendige Therapie geben können, Empfehlungen der Tumorkonferenz und Krankheitsverlauf.

Dabei wird vermerkt, ob jemand entsprechend der Leitlinien behandelt wurde und ob interdisziplinär gearbeitet wurde. „Es kann Abweichungen geben, wenn jemand eine Behandlung ablehnt“, sagt der Onkologe. „Dann ist es spannend, wie erfolgreich diese Behandlung verläuft. Uns geht es in erster Linie um die Aufrechterhaltung klinischer Qualität.“

Voraussichtlich ab 2016, so ein aktueller Beschluss der Landesregierung NRW, soll ein Klinisches Landeskrebsregister alle Daten – also auch zur Behandlung und dem Krankheitsverlauf – aus NRW speichern und vergleichen. Mit der Einrichtung des ersten landesweiten klinischen Krebsregisters in NRW kann man bald erstmals landesweit Vergleiche ziehen. Eine, wie Brümmendorf betont, extrem wichtige Entscheidung im Rahmen des Nationalen Krebsplans.

Alle Daten eines Klinischen Registers werden an das Epidemiologische Register gemeldet. „Hinzu kommt, dass zusätzlich Verläufe dokumentiert werden“, berichtet Anja Köchel, Leiterin des Klinischen Krebsregisters im Uniklinikum und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Klinisches Landeskrebsregister NRW bei der Krebsgesellschaft NRW. In dem Gremium werden Patientenvertreter, Selbsthilfegruppen, niedergelassene Ärzte, Krankenkassenvertreter und Krankenhausvertreter an einen Tisch geholt, um Vorschläge für die Umsetzung des Bundesgesetzes im Land zu entwickeln.

Die finanziellen Mittel zur Pflege der regionalen klinischen Krebsregisters sind gegenwärtig mager. „Diese Leistung ist bei weitem nicht adäquat gegenfinanziert“, meint Brümmendorf. Für die Meldung eines Falls an das Epidemiologische Krebsregister werden 2,25 Euro gezahlt, wobei die Eingabe der Daten rund eine Stunde dauert. Seit 2012 hat das kleine Team um Anja Köchel zu rund 10.300 Patienten etwa 20.000 Meldungen übermittelt. Der „Überhang“ liegt an zusätzlichen Verlaufsmeldungen und an Patienten mit Mehrfach-Tumoren.

In Zukunft soll sich die Finanzierung bessern: Das landesweite klinische Krebsregister soll nach den Bestimmungen des Bundesgesetzes zukünftig eine Krebsregisterpauschale von 119 Euro pro Fall erhalten. Die Melder ihrerseits werden vom Krebsregister künftig auch höhere Vergütungen bekommen.

Was noch fehlt, ist eine Anpassung der Datenübertragungswerte, ein Projekt der IT, das das Auftreten der Erkrankung und die Verlaufs- und Therapiedaten der Patienten betrifft. Alle Beteiligten warten zurzeit auf den Startschuss der Landesregierung und die voraussichtliche Änderung des Krebsregister-Gesetzes NRW.

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