NRW: 90 Minuten bis zum Asylverfahren

Von: Madeleine Gullert
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Auf diesen Parkplatz fahren die Busse mit den Flüchtlingen zu: Für manch einen ist das große Kraftwerk in Bergheim-Niederaußem ein fast bedrohlicher Anblick. Doch davor gibt es ausreichend Platz für die große Registrierungsstelle und genügend Parkplätze. Foto: Madeleine Gullert
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Eine Box neben der anderen: An 37 Schaltern gleichzeitig werden Flüchtlinge registriert. Das ist der Beginn ihres Asylverfahrens.
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Er ist der Leiter: Jörg Thiel von den Maltesern hat den Überblick.

Bergheim. Im Schatten der Kühltürme des Kraftwerks in Niederaußem befindet sich die einzige Landesregistrierungsstelle für Flüchtlinge im Regierungsbezirk Köln. Pro Tag können hier bis zu tausend Menschen registriert werden. Zwei weitere neu eingerichtete zentrale Registrierungsstellen gibt es seit diesem Herbst in Münster und in Herford.

Auch deshalb gebe es in Nordrhein-Westfalen keinen dramatischen Registrierungsrückstand mehr, wie das NRW-Innenministerium auf Anfrage mitteilt. Wenn Flüchtlinge aus den Notunterkünften in Bussen auf das Kraftwerk in Bergheim-Niederaußem zufahren, hätten einige schon ein mulmiges Gefühl, sagt Jörg Thiel. Er ist Einrichtungsleiter und arbeitet beim Malteser Hilfsdienst, der die Stelle in Niederaußem betreibt. Die großen Kraftwerkstürme irritieren einige. Man müsse den Flüchtlingen dann erklären, dass das Kraftwerk und der Wasserdampf, der aus den Türmen kommt, nicht gefährlich seien.

Auch wenn der Standort auf den ersten Blick etwas seltsam wirkt: Es gibt ausreichend Platz für die zehn bis 15 Busse, die täglich kommen. Außerdem ist die Verkehrsanbindung gut. Das sei wichtig, erklärt Thiel. Menschen, die über die Drehscheiben am Kölner Flughafen oder in Düsseldorf angekommen sind, werden hierhingebracht, erklärt Thiel. Es sind Menschen, die über die Balkanroute und über Bayern nach Nordrhein-Westfalen gekommen sind. Zurzeit seien es etwas weniger als Mitte Oktober – da hatte die Registrierungsstelle ihre Arbeit aufgenommen–, aber eben nur etwas weniger, wie Thiel sagt.

Auch der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) sieht bei den Flüchtlingszahlen noch keine Trendwende. Derzeit kämen pro Woche rund 10.000 Menschen nach NRW. Im Frühjahr erwarte man wieder deutlich mehr. Das Ministerium gehe von 14000 Flüchtlingen aus. In den vergangenen Wochen aber habe man eine gute Infrastruktur schaffen können, wie das Ministerium mitteilt. „Kein Flüchtling ist obdachlos“, sagt ein Ministeriumssprecher, die Verteilung der Menschen laufe gut. Man habe „schnell und pragmatisch gehandelt“.

Wie das erreicht wurde? In NRW werden Flüchtlinge jetzt in den Erstaufnahmeeinrichtungen in Bielefeld, Dortmund, Bad Berleburg und Unna registriert. Außerdem fahren mobile Einsatzteams in Notunterkünfte, und die drei Registrierungsstellen wurden geschaffen. Nur mit einer Registrierung sind die Flüchtlinge offiziell in Deutschland erfasst. Erst dann beginnt ihr Asylverfahren.

„Das wissen die Menschen. Sie sind froh, endlich hier zu sein“, sagt Thiel. Wenn die Flüchtlinge die Busse verlassen, betreten sie eine große weiße Halle, in der es ein bisschen wie in einer Wartehalle im Bahnhof aussieht. Nach Bussen sortiert, sitzen die Menschen auf Stühlen, ihren gesamten Besitz haben sie bei sich, deponiert auf Gepäckwagen.

In einer Ecken können Mütter ihre Kinder stillen oder wickeln, es gibt eine Spieleecke und einen Sanitätsbereich. „Die Menschen sind mitunter geschwächt von der Flucht“, sagt Thiel. Das wichtigste in dem Vorbereitungsraum aber sind die Asyllotsen. Die Malteser erklären den Menschen, was passiert, helfen ihnen dabei, die Formulare auszufüllen. Name, Alter, Familienstand. Solche Dinge müssen die Menschen angeben. Das ist der Eintritt in die große Registrierungshalle.

An 37 durch Gitter und Plastikplanen abgetrennten Boxen werden die Formulare und Dokumente durchgesehen. Die Menschen werden registriert, manchmal mit Hilfe eines Dolmetschers, aber die Asyllotsen haben meist gute Vorarbeit geleistet. „Wir machen hier keine Sozialarbeit“, sagt Thiel, der schon in Flüchtlingsheimen gearbeitet hat, aber zumindest sei man für die Menschen da als Ansprechpartner in dieser großen einschüchternden Halle. Probleme gebe es eigentlich nicht.

Nach rund 90 Minuten haben die Menschen den Registrierungsparcours durchlaufen. Anschließend können sie wieder zurück in ihre alte Notunterkunft. Das habe man jetzt so eingeführt, erklärt Thiel. Anfangs seien die Flüchtlinge von einer Notunterkunft in eine andere gebracht worden. Das habe auf Seiten der Helfer, die die Menschen schon kannten, Frust erzeugt und auch bei den Flüchtlingen. „Das vermeiden wir jetzt.“

Wenn sie am Ende der Halle nach rechts sortiert werden, gibt es aber mitunter Probleme. Wenn NRW in einem bestimmten Moment nach dem Verteilungsschlüssel genug Menschen aufgenommen hat, muss eine gewisse Zahl an Flüchtlingen in ein anderes Bundesland. „Da gibt es schon mal Ärger, wenn die Menschen plötzlich erfahren, dass sie beispielsweise nach Hessen sollen.“ Man versuche dann zu beruhigen, was meist gelinge. Und dann komme auch schon der nächste Bus.

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